Nordreise
Wo die Seele lacht, atmet und tankt.......

Ja, es ist wieder so weit. Kilometerweite Blechlawinen rollen gen Süden, auf allen uns bekannten Autobahnen. Staus, zäh fließender Verkehr, genervte Kinder, Ehefrauen und last but not least auch Ehemänner oder PartnerInnen.
Szenenwechsel. Flughafen Irgendwo. Überfüllte Wartehallen; anstehen bei der Gepäckabgabe, Blick zur Infotafel, ob der Flug auch wirklich - und wenn - ob auch pünktlich geht? Ausgebuchte Flieger in die Sonne, in ein fremdes Land, daß inzwischen so vertraut ist, daß keiner mehr ein Fremdwörterbuch zu Rate ziehen muß. Keine Gedanken ob man fremde Speisen verträgt; die sind inzwischen - gottlob - alle verdeutscht. Ob Toskana, Mallorca, Südfrankreich, Riviera, Balkan ( ach ja, der auch wieder) oder Fuerto Ventura. Alles austauschbar. Aber die wenigen Wochen Ferien will man ja ausspannen. Sonne genießen. Kraft schöpfen, um dann wieder in den Arbeitsalltag einsteigen zu können. Sonnengebräunt und erholt.
Mal ehrlich: wer ist denn wirklich erholt, nach so einem Urlaubstrip? Ach, die Fahrt war so anstrengend; die Wartezeiten am Flughafen sind mit jedem Jahr nerviger; der Transfer in Irgendwoland im vollbesetzten Bus war schrecklich; bis ich meine Tasche wieder gefunden hatte (!); aber das Wetter war toll!; und diese Sonne, ach ich könnte dort leben ( nie im Leben, aber wer will das schon hören).
Haben Sie etwas Geduld, Lust und Muße? Ich möchte Sie für ein paar Minuten in ein wahres Paradies entführen. Ein wahres Paradies? Gibt es das? Vielleicht ist es einfach nur ein Land, ganz in unserer Nähe? Ein Land voller Schönheit, Menschen, die von Herzen gastfreundlich sind. Meine Rede ist von Schweden.
Ach, ich sehe schon die Bedenken in Ihren Gesichtern. Schweden? Viel zu teuer. Und das Wetter, viel zu schlecht. Ach ja, und der Alkohol ist so sündhaft teuer, daß einem das Trinken ja keinen Spaß mehr bringt. Warum also Schweden?
Vielleicht haben Sie sich jetzt schon Ihre Meinung gebildet und die Lust zum Weiterlesen ist Ihnen vergangen. Dann werden Sie die Geheimnisse der wirklichen Entspannung, der Freude für Seele und Augen, auch in den Wind schlagen und sich weiter auf Sankria aus Riesengläsern konzentrieren. Nun ja, es sei Ihnen vergönnt.
Aber wer mich in den hohen Norden begleiten will, der lese weiter.
Mein Reiseziel ist Öjarn, in der Nähe von Östersund, gar nicht mehr so weit vom Polarkreis entfernt. Und ich versichere Ihnen, das Wetter ist im Juli nicht schlechter, als hier bei uns! Aber, die garantierte Sonne werden Sie dort nicht finden. Oder doch, aber eine ganz andere: Die Mitternachtsonne! Aber dazu später.
Meine Reise beginnt eigentlich auf dem heimischen Bahnhof. Ein paar Freunde tauchen auf und verabschieden den Verrückten, der sich in seinen Urlaub ins Abenteuer stürzt. Sektkorken knallen, Witze werden gerissen, ob mich denn ein Bär auffressen wird und der Abschied ist sehr herzlich. Im Zug sitze ich allein mit meinem Rucksack und ich beginne trotz aller Anspannung ruhiger zu werden.
Am Flughafen Frankfurt finde ich mich unter Unmengen Touristen wieder. Aber schon unsere Kleidung unterscheidet uns. Man muß kein Menschenkenner sein, um zu wissen, daß ich mich nicht in die Kolonne der Südreisenden einreihen werde. Meine Wanderschuhe und mein Rucksack disqualifizieren mich hierfür. Und so folge ich den Schildern zum Flug nach Stockholm. Die Touristenmassen sind weg und es wird ruhig. Ich checke ein und begebe mich in den Warteraum. Etwa 60 weitere Fluggäste warten auf den Aufruf. Geschäftsleute, Familien. Aber die Stimmung ist freundlich. Ich bin nicht überrascht, denn ich war schon öfter in Schweden. Zwar noch nie so weit im Norden, aber die Freundlichkeit dieser Menschen ist mir wohlbekannt und sie steckt an.
Der Airbus ist zu 3/4 voll, während des Fluges gibt es ein einfaches Menü. In Stockholm, besser gesagt in Orlanda, komme ich nach etwas mehr als einer Flugstunde an. Es geht ruhig zu auf schwedens größtem Airport. Hier sind jetzt schon mehr von meiner Sorte; die Wanderschuhe und der Rucksack identifizieren uns als Urlauber. Schweden freut sich über Gäste und so wird man auch behandelt. Als ich mich nach der Busverbindung nach Upsala erkundige wird mir freundlich erklärt, an welchem Bussteig ich einsteigen muß. Ein älterer Herr, der meine Frage gehört hat, wartet bis ich meinen Rucksack auf dem Rücken habe, dann sagt er mir, daß er auch nach Upsala fährt und ich soll doch mitkommen. Im Bus erzähle ich ihm von meinem Reiseziel und er zeigt sich etwas besorgt. "Ganz in die Wildnis?" In Upsala geht er mit mir zum Fahrkartenschalter und er hilft mir, mich mit den günstigsten Tarifen zurecht zu finden. Ich werde um 23.00 h mit dem Nachtzug bis Strömsund fahren; Ankunft um 06:20 h. Hiernach geht es weiter bis Östersund mit dem Bus. Eine Verbindung nach Öjarn gibt es nicht, aber bestimmt wird sich jemand finden der mich zu dem Blockhaus bringt, wo ich zwei Wochen wohnen werde.
Es ist gerade mal 13.00 h und bis 23.00 h ist viel Zeit. Der ältere Herr lädt mich zu sich nach Hause ein und wir essen zusammen. Danach gibt er mir einige Tips, wie ich die Zeit bis zur Abfahrt in dieser wunderschönen Universitätsstadt verbringen kann. Sicherheitshalber gibt er mir seine Telefonnummer. Wenn ich im Norden in Schwierigkeiten komme, ist es bestimmt von Nutzen, wenn ich hier in Schweden einen Ansprechpartner habe. Obschon ich diese Hilfsbereitschaft in früheren Besuchen zu genüge kennen gelernt hatte, macht es mich wieder verlegen. Wir verabschieden uns, er wünscht mir Glück und ich spüre, daß dieser Wunsch keine Floskel ist.
Meinen Rucksack deponiere ich am Bahnhof und die nächsten Stunden werde ich versuchen mir einen Eindruck von der Stadt zu machen. Ein kleiner Fluß fließt durch die Stadt. Auf der einen Seite geschäftliches Treiben, wie in jeder großen Stadt. Aber als ich über die Brücke laufe, habe ich den Eindruck in eine vergangene Zeit zu reisen. Kleine Häuser, enge Straßen mit Kopfsteinpflaster. Um die mächtige Kirche herum ein Wunderschöner Park und angrenzende kleine Geschäfte, alte Handwerksbetriebe, Cafés. Alles geschieht hier ruhig. Die Menschen sehen mir in die Augen beim Reden, der Kaffee wird freundlich serviert. Ach, denke ich, in dieser Stadt könnte ich eigentlich ein paar Tage bleiben.
Aber das Ticket in meiner Tasche sagt "Nein", denn mein Zug geht um 23.00 h. Ich verbringe einen wunderschönen Sommertag in Upsala und genieße den milden Abend.
Um 23.00 h mache ich es mir im Großraumabteil des Zuges nach Strömsund bequem. Es sind noch einige Reisende im Abteil. Man lächelt sich freundlich zu und macht es sich bequem.
Der Zug fährt und fährt. Ich schlafe mit meinem Buch ein. Gegen 01.30 h werde ich wach.
Als ich in Upsala losfuhr war es dunkel. Jetzt sehe ich einen Horizont über den endlosen Wäldern, der ein so wunderschönes Türkis hat, daß ich mich gar nicht daran satt sehen kann.
Irgendwann schlafe ich wieder ein und wache auf, als der Zug seine Endstation erreicht hat.
Der Bahnhof von Strömsund ist nicht schöner oder freundlicher als Bahnhöfe in Deutschland, so mein erster Eindruck. Ich erkundige mich nach dem Bus nach Östersund. Dabei sagt man mir daß der Bus erst in 45 Minuten kommt, ich soll doch noch so lange frühstücken.
So begebe ich mich in das Bahnhofsrestaurant. Der Kaffee ist super und auch die Auswahl für das Frühstück reichhaltig und entgegen aller Unkenrufe in der Heimat gar nicht teuer.
Schwedisch freundlich werde ich bedient und Kaffe wird mir nachgeschenkt, ohne daß ich ihn bestellen muß. Ja, auch hier fühle ich mich willkommen in der schwedischen Gastfreundschaft.
Der klimatisierte Reisebus fährt über zwei Stunden durch nie aufhörende Wälder, vorbei an wunderschönen Seen. Die Sonne spiegelt sich auf der Wasseroberfläche und ich würde gern anhalten und schnell ein Bad nehmen. Im Nachhinein könnte ich mir vorstellen, daß der Busfahrer, hätte ich diesen Wunsch geäußert, vielleicht angehalten hätte. Allerdings hätte er dies nicht ohne Eigennutz getan. Diese Seen sind so kalt, daß er sich bestimmt totgelacht hätte, wenn ich prustend schneller aus dem Wasser herausgekommen wäre, als ich hinein gestiegen wäre.
In Östersund hält der Bus an der Busstation, die einem Bahnhofsgebäude gleicht. Diese komfortablen Überlandbusse haben einen großen Stauraum hinten angebaut. Voller Erstaunen sehe ich, wie eine ganze Menschentraube diesen Bus, ohne Hast entlädt. Jeder nimmt irgend etwas und trägt es in sein Auto und fährt weg. Es werden keine großen Formalitäten erledigt; jeder weiß, was ihm gehört. Der Fahrer übergibt eine Liste an den Stationsvorsteher, trinkt noch eine Tasse Kaffee, fährt zur Haltestelle, nimmt wieder Leute auf und fährt zurück.
Als sich das geschäftige Treiben aufgelöst hat, gehe ich zu dem Stationsvorsteher und frage ihn, wie ich nach Öjarn komme. Er sieht mich an und fragt mich, was ich dort wolle. Dort gäbe es nur eine Handvoll Holzhäuser. Keine Busanbindung, kein Geschäft, einfach nichts
Ich erkläre ihm, daß ich dort eines dieser Holzhäuser für zwei Wochen gemietet habe und dort meinen Urlaub verbringen wolle. Er rät mir, genug Lebensmittel einzukaufen. Währenddessen werde er mir jemanden besorgen, der mich für ein paar Kronen hinfährt. Meinen Rucksack darf ich bei ihm stehen lassen. Ich gehe zum nächstgelegenen Geschäft und kaufe aufs Geratewohl meine Lebensmittel. Am Ende hatten sie genau gereicht; beim Kauf hatte ich mir keine großen Gedanken gemacht. Als ich mit meiner Tasche zurückkomme, wartet mein Fahrer bereits auf mich. Ein ca. 50 jähriger Schwede, der sich mit Kurier- und Taxifahrten etwas hinzu verdient. Sein Englisch ist sehr schlecht und dennoch erzählt er mir viel über sein Land, während wir noch über eine halbe Stunde über eine Sandpiste durch die Wälder fahren. Er zeigt mir eine Quelle, ganz in der Nähe meines Hauses ( 5 Km ), wo ich das beste Trinkwasser holen kann. Die Wegbeschreibung zu meinem Haus war zwar einfach, aber wo nur eine handvoll Häuser stehen, und diese wiederum weit auseinander, finde ich mich schnell zurecht.
Mein Haus ist ein Traum. Es steht direkt am See, ein paar Meter die Uferböschung runter liegt ein Ruderboot. Im Haus sind Schlafzimmer, Küche, Bad, Wohnzimmer mit offenem Kamin und ein Telefon. Der Schlüssel lag wie vereinbart auf der Terrasse.
Ich lade meinen Taxifahrer zu einer Tasse Kaffee ein. Während wir den Kaffee trinken gibt er mir seine Telefonnummer, falls ich seine Dienste noch mal brauche. Ich rauche mit Genuß eine Zigarette, blicke auf diesen wunderschönen See, den ich noch besser kennen lernen werde. Fast 10 Km lang und an manchen stellen mehrere Km breit, ist er übersät mit kleinen Inseln. Ein richtiges Labyrinth. Aber erst einmal steckt mir die Reise in den Knochen und ich lege mich aufs Bett und schlafe tief und fest ein. Als ich wieder aufwache, bin ich verwirrt. Nach meiner Uhr müßte es stockfinster sein. Draußen ist es aber hell. Ein Zwielicht, wie wir es bei uns in den frühen Abendstunden im Sommer kennen. So also sieht die Mitternachtssonne aus. Ich war voller Freude. In den nächsten zwei Wochen würde ich keine Nacht mehr sehen. Erst bei der Rückfahrt. Diese Tatsache brachte mein Zeitgefühl, die innere Uhr, auf die ich mich immer zu verlassen glauben konnte, ganz schön durcheinander.
Mit dem Ruderboot fahre ich auf den See, der vor meiner Hütte liegt, als habe noch nie ein Mensch einen Fuß zum Kühlen in ihn gesteckt. Schon nach einer halben Stunde merke ich, daß es nicht ungefährlich ist, in diesem Labyrinth zu rudern. Eine Insel nach der anderen. Mein Holzhaus ist schon lange nicht mehr zu sehen und irgendwie fällt es mir schwer, mich zu orientieren. Also rudere ich zurück. Nachdem ich meine Lebensmittel verpackt habe und meinen Rucksack ausgeräumt habe, mache ich mir ein Abendessen, sitze am offenen Kamin und kann mich gar nicht satt sehen an dieser wunderschönen Landschaft.
Auf der Herfahrt und beim Rudern habe ich zwei, drei Häuser gesehen, allerdings keine Menschen. Tief und fest schlafe ich in dieser "Nacht". In mir ist ein wunderbares Gefühl der Ruhe.
Am nächsten Morgen bekomme ich Besuch. Ein deutschstämmiger Schwede baut in der Nähe ein Holzhaus und heißt mich herzlich willkommen. Wir trinken zusammen Kaffee und er erzählt mir von der Gegend, in der ich bin. Inzwischen ist der Bestand an Bibern und Bären wieder so groß, daß sie neuerdings zum Abschuß für die Jäger freigegeben sind. Der Fischbestand im See ist reichhaltig. Wenn ich auf den See rudere, soll ich eine Karte mit kleinem Maßstab mitnehmen, die er mir für die Zeit meines Aufenthaltes leiht. Außerdem gibt es ca. 100 Km von hier den größten Canyon Europas, den ich unbedingt sehen müsse. Auf meinen Einwand, daß ich ohne Auto hier sei, entgegnet er mir, daß er morgen wieder hier sei und den ganzen Tag an seinem Haus baue. Ich könnte seinen Wagen haben. Ich war baff. Die Gastfreundschaft, die ich aus Südschweden kannte, wurde hier bei weitem übertroffen. Im Laufe der nächsten Tage bekam ich noch öfter Besuch von den weit verstreuten Nachbarn. Man bot mir an, mich mit zur Wasserquelle zu nehmen. Wenn jemand zum Einkauf nach Östersund fuhr, wurde vorher die Runde gemacht und gefragt, ob jemand etwas brauchte.
Im Schuppen neben dem Haus fand ich ein Fischernetz. Ich legte es vor dem Schlafengehen aus. Am nächsten Morgen waren 10 Barsche drin. Während meiner gesamten Zeit hatte ich Fisch reichhaltig. Das Netz legte ich nur aus, wenn mein Bedarf zur Neige ging. Einmal kam ein Nachbar vorbei und brachte mir 5 Fische. Die Selbstverständlichkeit der Gastfreundschaft war einfach beeindruckend.
Ich wanderte stundenlang durch Wälder. Die einzige Wegemarkierung waren rote Bänder, die in regelmäßigen Abständen an den Bäumen hingen. Breite Bäche, die bei uns wohl eher als Fluß bezeichnet würden, flossen durch die Wälder. Riesige Biberburgen, die ich immer wieder fand, ließen mich staunen, wie ein Kind am Weihnachtsabend. Viele Birken und Pappeln waren von den Bibern gefällt und geschält, weil die Rinde scheinbar ihre Lieblingsspeise ist.
Einmal stand ein Elch vor mir. Dieses Tier war so groß, daß ich vor Ehrfurcht erstarrte. Ich griff einen Stein vom Boden, mit dem ich mich wehren wollte, falls dieses imposante Tier mich angreifen würde. Der Elch blieb 50 m vor mir stehen und sah in meine Richtung. Offenbar konnte er mich nicht erkennen. Bewegte ich mich, schrak er auf und lief ein paar Meter nervös hin und her. Das Spiel dauerte 5 Minuten. Dann schreckte ihn irgend etwas auf und er galoppierte davon. Ja, er galoppierte. Es hörte sich wirklich an, als würde ein Pferd in vollem Galopp laufen. Und auch die Ausmaße des Tieres waren dem eines Pferdes gar nicht so unähnlich. Tief beeindruckt kehrte ich von meiner Wanderung zurück.
Bei anderen Wanderungen fand ich eine Höhle, in der ein Bär seinen Winterschlaf verbracht hatte. Ich fand Spuren von gerissenen Kleintieren, die vermutlich von Luchsen stammten.
Obwohl ich wirklich ganz weit in der Wildnis war, hatte ich nie das Gefühl der Angst. Die Nachbarn waren da, ohne sich zu zeigen, oder aufzudrängen. Mir wurde schnell klar, daß hier jeder dem anderen hilft, ohne groß nachzudenken oder sich einen eventuellen Vorteil zu erhoffen.
Unvorstellbar war die Vielfalt an Moosen. Ich zog meine Schuhe aus und lief über den Moosteppich. Noch nie bin ich so weich und sanft gelaufen. Die Flora ist in den Sommermonaten überaus reichhaltig.
Wenn ich abends - oder besser, wenn ich müde war - zu Bett ging, schlief ich tief und fest.
Die Fahrt mit dem Auto meines Nachbarn zum Canyon war ein Abenteuer für sich. 100 Km sind für unsere Begriffe mit dem Auto keine Entfernung. In Nordschweden, über eine nicht geteerte Sandpiste, durch Wälder und nur an einem Ort vorbei, ist es gewaltig. Nur Wälder und Seen. Hätte ich nicht den Km - Zähler des Autos auf Null gestellt, ich hätte überhaupt kein Gefühl für die Entfernung gehabt. Das Land war überall gleich schön und zwischendurch überkamen mich Zweifel, ob ich wirklich einen Tag "opfern" soll, um mir eine Schlucht mit Wasserfall anzusehen. Aber die Zweifel verwarf ich, als ich nach stundenlanger Fahrt ankam. Mir bot sich ein Naturschauspiel, daß ich nie wieder vergessen werde. Ein Gebirgsbach von der Breite der Saar stürzt am Beginn der Schlucht mit gewaltigem Getöse fast 80 m in die Tiefe. Direkt über dem Wasserfall ist eine massive Holzbrücke gebaut und ich werde vom Wasserstaub eingenebelt. Der Wasserfall ist ohrenbetäubend und die vor mir liegende Schlucht mit senkrecht abfallenden Wänden ist von dieser gewaltigen Wasserkraft eingenebelt. Ein Regenbogen zieht sich aus der Schlucht über die Felskante in den Wald. Ich stehe dort und es scheint mir fast zu schön, um wahr zu sein. Ich wandere entlang der Felskante die Schlucht hinunter. Es ist einfach nur gewaltig. Ich begegne zwei oder drei Leuten, die sich ebenso hierher an diesen wunderbaren Ort am Polarkreis, ganz in der Nähe der Norwegischen Grenze haben treiben lassen. In ihren Gesichtern sehe ich das, was ich in mir fühle: Glück! Mir ist klar, daß ich mich hier an einem der schönsten Plätze dieser Erde befinden muß.
Als ich abends das Auto zurückbringe ist mein freundlicher Nachbar noch am Arbeiten. Er grinst mich an: "Na, zuviel versprochen?" Nein, ganz bestimmt nicht. Aber ich versuche auch gar nicht erst, dieses Naturschauspiel in Worte zu fassen. Er kennt es und weiß, wie diese Schlucht und der Wasserfall die Seele treffen. Ich koche Pasta und lade ihn zum Essen ein. Nach dem Essen sitzen wir auf der Terrasse trinken ein Glas Rotwein und rauchen genüßlich eine Zigarette. Der Blick auf den See ist wunderbar und er erzählt mir von den Menschen hier. Leider werden es immer weniger. Die jungen Leute wandern in die Städte ab. Wenig Arbeit und die Stille ist vielen jungen Menschen zu wenig. Aber die Älteren bleiben und sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Einige Häuser stehen leer und werden für günstiges Geld verkauft. Ich könnte mir vorstellen, hier zu leben. Mein Nachbar sagt mir, daß ich auch gut hierher passen würde. Ich fühle mich geehrt.
Einen Tag habe ich mir reserviert für den See. Mit der geliehenen Karte will ich den See soweit hinauf rudern, bis ich zu der Stelle komme, wo der See aus einem Gebirgsfluß gespeist wird. Ich rudere stundenlang. Vorbei an unzähligen, dicht bewaldeten Inseln. Vereinzelt stehen verträumte kleine Holzhäuser am Ufer. Einmal fahre ich in einen Nebenarm. Nach etwa 500 m liegt ein verlassenes Haus inmitten einer großen Wiese am Ufer. Ich lege an und schaue mir das Anwesen an. Es ist ein wunderschönes Einfamilienhaus mit angebautem Geräteschuppen. Der Zustand erscheint mir noch sehr gut. Später erfahre ich, daß hier eine dreiköpfige Familie wohnte. Als die Tochter zum Studium nach Stockholm ging und irgendwann die Mutter starb, mußte der alte Mann noch Östersund ins Altenheim umziehen. Sich hier, kilometerweit von den nächsten Nachbarn entfernt, selbst zu versorgen, bedingt Kraft, Gesundheit und Idealismus. Das Anwesen steht seither leer und einen Käufer wird man an dieser entlegenen Stelle, ohne Straßenanbindung nicht finden. Ach, wie ich mich in diesen Ort verliebte!
Ich ruderte meinem Ziel weiter entgegen. Durch eine schilfbewachsene Engstelle, kaum breiter als drei Meter. Nach einem knappen Kilometer öffnete sich der See wieder. Das Wasser war flach und dicht mit kräftig grünem Schilf bewachsen. Ich ruderte durch und kam irgendwann an die Stelle, wo glasklares Wasser aus dem Gebirge in den See floß. Hier herrschte eine Ruhe, wie ich sie nie zuvor gehört hatte. Ich konnte nicht umhin, mir aus einer Biberburg einen etwa 50 cm langen Stamm als Erinnerungsstück mitzunehmen.
Als ich abends von meiner Entdeckungsreise zurück kam, war ich mehr als 8 Stunden gerudert. Ich aß Fisch, Nudeln und Gemüse aus der Dose und fiel danach in einen wunderbaren Schlaf voller schöner Träume.
Die zwei Wochen in der schwedischen Wildnis vergingen wie im Flug. Es hatte mir an nichts gefehlt. Nie fühlte ich mich einsam, auch wenn ich die meiste Zeit allein war. Nie hatte ich ein Gefühl der Angst. In meinem Kopf nahm ich wundervolle Bilder mit und meine Seele war so vollgetankt mit Freude und Kraft, daß sie überzulaufen drohte.
Meine Nachbarn brachten mich, ohne daß ich sie darum bat, am Ende meines Aufenthaltes zum Bus. Alle gaben mir ihre Adresse. Sollte es mich wieder hierher verschlagen, soll ich mich melden. Eine Unterkunft findet sich immer. Ich stieg in den Bus und mir war unbeschreiblich schwer ums Herz, als ich wieder gen Heimat reiste.
Nie zuvor bin ich auch nur annähernd so erholt aus einem Urlaub zurück gekommen. Nie zuvor war meine Seele so voller Freude und Kraft.
Zum Schluß meines Reiseberichtes noch ein paar pragmatische Daten:
Das Blockhaus kostete für die 14 Tage 600 DM; alle Kosten, wie Telefon, Strom, Brennholz, Bettwäsche u.s.w. mit inbegriffen. Die Lebensmittel, die ich zu Beginn kaufte, sind nur unwesentlich teurer gewesen, als bei uns in Deutschland. Der Flug von Frankfurt nach Stockholm / Orlanda mit der Lufthansa kostete weniger als 500 DM. Die Zug- und Buskosten beliefen sich auf etwa 220 DM. In dem Haus hätten zum gleichen Preis problemlos 4 bis 6 Personen wohnen können.
Ich bin sicher, daß ein Urlaub in den südlichen Touristenburgen deutlich teurer kommt. Und ich bin noch sicherer, daß 100 Südurlaube nicht annähernd so viel Erholung bringen können, wie diese zwei Wochen in den Weiten des schwedischen Nordens.
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