Brandschneise

Brandschneise
(Überarbeitet am 02.04.2009)
Wie überall, so hat sich im Schinkenloch natürlich in den letzten Jahren sehr viel verändert. Heute sieht das Schinkenloch aus, wie irgend ein x- beliebiger Ortsteil einer x- beliebigen Kleinstadt.

In meiner Kindheit war das noch anders. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, aber wenn Sie ein paar Minuten Zeit haben, dann möchte ich Sie auf eine kurze Zeit in die Vergangenheit entführen. Keine Angst, es wird nichts Großes passieren und Sie werden wohlbehalten wieder zurückkehren. Vielleicht etwas schmunzelnd.......

Wenn vor 30 Jahren jemand das Wort Schinkenloch benutzte, dann rümpften die Leute außerhalb dieses Ortsteils die Nase. Es war nicht die allerbeste Gesellschaft, die dort wohnte. Der  Krieg war noch nicht so lange zu Ende. Wir Kinder kannten den Krieg nur aus den Erzählungen unserer Eltern und Großeltern und dennoch war er oft so wirklich, daß wir ihn fast greifen konnten.
 Nimmt man es genau, so ist das Schinkenloch ein Produkt des Krieges. Merzig hatte gegen Ende des 2. Weltkrieges ganz schön was abbekommen. Und wie auch in Friedenszeiten, so trifft es im Krieg die Armen immer härter, als die Reichen. Die Alliierten machten nicht viel Federlesen mit Merzig, dieser Kleinstadt an der französischen Grenze, die den Westwall regelrecht in die Stadt integriert hatte. In der Nähe der Bunker standen die Baracken und die Schalthaussiedlung. Klar, dort lebten nicht gerade die Leute der feinen Merziger Gesellschaft. Heute würde man diese Siedlung als sozialen Brennpunkt bezeichnen. Die Baracken würde es gar nicht geben. Kurz und gut, die, die dort wohnten, hatten wenig und als der Krieg vorbei war, hatten sie gar nichts mehr. Die ganzen Familien wurden in Notunterkünfte in der Kaserne auf der Ell untergebracht. Die Ell war eine kleine Stadt für sich, mit Schule und Geschäft und alles was man sich vorstellen muß, damit viele Menschen auf engem Raum leben konnten. Die, die dort in den ersten Nachkriegsjahren wohnten, fühlten sich wohl. Diese Notunterkünfte waren nämlich deutlich komfortabler, als die Baracken, in denen sie vorher gehaust hatten.
Doch schon Anfang der 50er Jahre wurde das Schinkenloch als Baugebiet erschlossen und dort sollten Wohnungen für die Ausgebombten entstehen.
Das Schinkenloch war ein Talkessel außerhalb von Merzig. Ein guter Platz, um diese gescheiterten Existenzen anzusiedeln. In der Mitte des Talkessels ist eine kleine Erhöhung, die Kupp. Von der Ell her zog sich eine Schlucht durch den Kessel. Rundherum steigt das Gelände steil an und ist anfangs mit Nadelbäumen und nach etwa 200 Metern mit Buchen und Eichen bewachsen. Am Fuß dieser Hänge wurden rund um den Kessel die Häuser gebaut. Mit den Erdaushüben wurde die Schlucht zugeschüttet. Betrachtet man das Schinkenloch aus der Luft, sieht es aus, wie ein Krater, in dem man rundherum an den beginnenden Steigungen Häuser hingestellt hat. In der Mitte ist dieser kleine Berg, der eher ein Hügel ist, und um diesen herum stehen auch Häuser. Ein äußerer und ein innerer Häuserring. Eine Straße führt kreisförmig durch das Schinkenloch. Heute würde man dieser Straße nur einen Namen geben, damals teilte man das Schinkenloch in 3 Bereiche auf, und so bekam die eigentliche Rundstraße 3 Namen: Am Kammerforst, Am Reisberg und Am Stadtwald. Der Stadtwald ist eine kleine Besonderheit, denn diese Straße hat man zweigeteilt auf der linken Seite des Schinkenlochs. Direkt hinter den Häusern geht es steil bergauf. Hinter jedem Haus ist ein etwa 50 Meter langer Garten und danach beginnt der Wald.
Sie müssen sich also vorstellen, dass hinter jedem Garten unmittelbar der Wald begann. Damals eine tolle Sache, denn in keinem der Häuser gab es eine Zentralheizung. In meiner Kindheit war das Holzmachen ein fester Bestandteil unseres Lebens.

Glauben Sie bloß nicht, daß wir Motorsägen gehabt hätten, oder ein Auto, um das Holz aus dem Wald herauszufahren. Nein. Alles wurde mit einer Handsäge gesägt und mit einer Axt gehackt. Dicke Stämme wurden mit einem Seil aus dem Wald herausgezogen. Gerade auf eine Größe geschnitten, die man mit Muskelkraft ziehen konnte. Erst ein paar Jahre später hatten wir einen luxuriösen Handwagen. Wieder ein paar Jahre später bekamen wir einen Öltank in den Keller und im Wohnzimmer stand ein Ölofen. Da mußten wir abends im Keller eine Kanne Öl aus dem Tank pumpen und damit den Ölofen auffüllen. Da wir den ganzen Sommer über Holz machten, kannten wir Kinder natürlich den Wald im Umkreis des Schinkenlochs wie unsere Westentaschen ( ob ich als Kind je eine Weste besessen hatte, kann ich Ihnen nicht sagen, aber den Wald kannte ich). Wir holten unser Holz auf zwei Wegen. Entweder gingen wir gegenüber von unserem Haus die Straße hoch, die in einer Sackgasse endete und direkt in einen Waldweg mündete. Von dort mußten wir noch ein ganzes Stück bergan gehen, bis wir an Stellen kamen, wo wir Holz machen konnten. Oder wir gingen ein paar Meter unterhalb unseres Hauses einen Weg hoch. Dieser Weg war an der Straße etwa 8 Meter breit und führte zwischen den Häusern der Familien Opelder und Metzen steil bergan in den Wald. Eigentlich war es kein Weg, sondern eine Brandschneise. Sie wurde geschlagen, damit die Feuerwehr bei einem eventuellen Waldbrand zwischen den Häusern einen Weg hatte. Wir nutzten diese Brandschneise, um Holz aus dem Wald zu holen. Der Weg hatte den Vorteil, daß man nicht ganz so weit laufen mußte, dafür ging es aber ganz schön steil nach oben.
Die Menschen, die im Schinkenloch lebten, waren raue Gesellen. Wir waren Kinder dieser Leute und die Entbehrungen, die wir damals allerorts und tagtäglich hatten, waren uns nicht bewußt. Kannten wir es doch gar nicht anders. Auch unsere Eltern fühlten sich wohl, denn sie hatten noch vor wenigen Jahren den unvorstellbaren Horror des Krieges miterlebt. Anfang der 60er Jahre waren die Häuser bezugsfertig und fast zeitgleich zogen die Familien in die Häuser. Alle waren arm. Wer ein bißchen mehr hatte als die anderen, gehörte zu den „Oberen Zehntausend“. Aber eigentlich waren wir alle arm wie die Kirchenmäuse.
Kinder hatten damals eine andere Bedeutung als heute. Unsere Familien funktionierten ähnlich wie die alten Großfamilien. Wir mußten mitarbeiten. So halfen wir mit Holz aus dem Wald zu holen, mußten Feuerholz zum Ofen schleppen und hatten kleine Aufgaben im Haushalt.
Unsere Spiele waren phantasievoll aber raubeinig. Prügeleien waren alltäglich und keiner von uns ging sich nach Hause ausweinen, wenn er die Hucke voll bekam. Mit der Zeit wußte man, mit wem man sich anlegen konnte und wen man nur mit Verbündeten besiegen konnte. Ich kann Ihnen sagen, es krachte ständig und nicht zu knapp. Heute würde es eine Klage nach der anderen hageln. Bei uns war das Wort Rechtsanwalt ein Fremdwort (gab es damals schon diese merkwürdige Menschengattung?). Unsere Sprache bestand ausschließlich aus Worten, die wir verstanden. Also wurde geprügelt und gehauen, was das Zeug hielt. Und wer verlor, mußte eben klein beigeben. Die Erwachsenen machten es nicht viel anders. Jetzt werden Sie bestimmt denken: „Oh diese armen Kinder. Völlig verroht. Was sollte schon aus denen werden?“ Sie würden staunen, wenn Sie heute diese Räuberbande von damals sehen.
 
Obschon heute eine große Arbeitslosigkeit herrscht und wir alle keine höhere Schulbildung erhielten, ist keiner dieser kleinen Banditen arbeitslos oder Sozialhilfeempfänger. Eines erfuhren wir nämlich jeden Tag, ohne daß uns jemand das sagte: „Hilf dir selbst, sonst bist du verloren!“
Und bei aller Härte gab es auch so zarte Seiten in unserem Leben, die Sie nicht für möglich halten würden. Können Sie sich vorstellen, daß wir Kinder, die wir es gewohnt waren, Holz aus dem Wald zu schleppen, mit einer Handsäge klein zu sägen, bis uns die Arme lahm wurden, die wir uns um eine Glasmurmel blutig schlugen, daß wir Märchen lasen? Niemand saß abends an unserem Bett und  las uns eine Gutenachtgeschichte vor. Sofern wir schon lesen konnten, lasen wir die selbst, oder ältere Geschwister erzählten sie uns. Nun hatte ich keine älteren Geschwister, nur einen jüngeren Bruder und somit war ich in dieser Hinsicht der Gelackmeierte. Aber Winnie hatte vier Schwestern und einen älteren Bruder. Winnie war unser Unglücksrabe. Er kriegte immer was ab. Prügeln war auch nicht seine Stärke. Aber er steckte voller Geschichten. Ich konnte zwar keine Geschichten erzählen, aber dafür konnte ich prügeln wie ein großer. Winnie und ich wurden ein Team. Ich bewahrte ihn vor so mancher Haue und er erzählte mir die tollsten Märchen. Da wir ja alle hart sein mußten, konnten wir unsere Märchenstunden nicht in der Öffentlichkeit abhalten. Wir wären verhöhnt und wahrscheinlich auch verprügelt worden. Also galt es, einen Märchenerzählplatz zu finden, der sicher war vor anderen Ohren. Im Rudel waren wir wie Wölfe. Dort siegte der Stärkere. Die Stärke einer guten Geschichte wußten wir nur in der hintersten Ecke unserer Herzen zu schätzen. Anderen gegenüber wäre das nur als Schwäche gewertet worden und Schwäche bedeutete Prügel.

Winnie und ich fanden einen Platz, so schön, daß ich mich heute, über 30 Jahre danach noch daran erinnern kann. Vor wenigen Wochen war ich noch dort, und der Platz hat  seinen Zauber nicht verloren, wenn auch der Weg dorthin nicht mehr existiert. Er ist lange zugewachsen und verwildert. Auch der Platz an sich ist von Hecken und Farnen durchwuchert.

Heute kann ich Ihnen ja erzählen wo unser Märchenerzählplatz war. Wir gingen die Brandschneise hoch. Nach 100 Metern begann der Nadelwald mit seinen prächtig großen Bäumen, (die schon vor Jahren gefällt wurden) an die sich heute kaum einer mehr erinnern kann. Ab hier gab es keinen richtigen Weg mehr, und wir stiegen weiter bergan zwischen den Bäumen durch. Nach weiteren 200 Metern begann der Laubwald. Dieser Wald steht noch heute und ich habe richtig Angst davor, daß unsere Forstwirtschaft in den nächsten Jahren diese wunderschönen Bäume fällt. Sie sollten diese riesigen Laubdächer im Sommer mal sehen. Sie sind gewaltig.
Wir mußten etwa 50 Meter in diesen Laubwald hinein gehen, dann kam unser Platz. Weiches Moos und eine ganz besondere Grassorte wuchsen dort. Vielleicht 10 auf 10 Meter groß war diese weiche Liegewiese. Südhang! Sogar im Frühling, wenn die ersten Sonnenstrahlen kamen, konnten wir uns dort hinlegen. Den Blick in das Blättermeer, und die Sonnenstrahlen, die durch das Laubwerk brachen, waren unsere Flutlichter.
Winnie konnte erzählen, besser als jede Oma, Tante oder wer auch immer. Die Geschichten waren in seinem Kopf gespeichert und er hatte die Fähigkeit Spannung zu erzeugen, indem er kleine Pausen machte, um dann wieder Betonung in seine Stimme zu bringen. Verschiedene Figuren erzählte er mit unterschiedlichen Tonlagen und ich lag gespannt daneben und lauschte diesem lebenden Märchenbuch.
„Sechse gingen um die Welt“ war meine Lieblingsgeschichte. Jahre später, als ich Zeitungen austrug, um mir ein Taschengeld zu verdienen, kaufte ich mir ein Märchenbuch von den Gebrüdern Grimm. Einzig die Geschichten „Sechse gingen um die Welt“ und „Einer der auszog um das Fürchten zu lernen“ waren der Grund für meinen Kauf.
Während Winnie neben mir lag und mir das Märchen zum x- ten mal erzählte, lag ich auf dem Rücken und stellte mir vor, ich könnte mir ein Nasenloch zuhalten und durch das andere mit solcher Gewalt pusten, daß sich das Blätterdach über mir öffnete und ich den Blick in eine andere Welt frei hätte. Ach, es war der schönste Platz auf Erden.
Eines Tages rückten die Waldarbeiter an und begannen die Nadelbäume oberhalb der Brandschneise zu fällen. Mit einem riesigen Ackergaul wurden die Baumstämme den Berg hinunter gezogen und dort auf Lastwagen verladen. Sie fällten wochenlang. So lange, bis die Brandschneise bis zum Laubwald ging. Wir Kinder spielten dort und bauten uns aus den Ästen der gefällten Bäume Zweighütten. Die Größeren durften hin und wieder auf dem Ackergaul den Berg hinaufreiten. Es war eine schöne Zeit.

Allerdings war unser Märchenerzählplatz nicht mehr geheim, denn jetzt war der Weg dorthin gebahnt und unsere kleine Wiese wurde von den größeren Mädchen als Picknickwiese benutzt. Wir kleinen Rotzlümmel mußten uns zum Teufel scheren, damit die Mädels sich dort mit den älteren Jungen treffen konnten, um ihre ersten sehnsuchtsvollen Küsse auszutauschen.
Wir suchten uns keine neue Märchenerzählwiese mehr. Der Zauber war vorbei. Winnie bekam wieder öfter was in die Fresse und mein Gedächtnisschatz an Märchen wurde in den nächsten Jahren nicht größer.
Heute ist die Brandschneise wie ein Garten angelegt. Opelders wohnen schon lange nicht mehr im Schinkenloch und auch die Metzens sind tot. Die ehemalige Brandschneise ist zur Straße hin mit einem Zaun versperrt und die Schneise an sich ist die ersten 30 Meter als Blumenbeet angelegt. Niemand benutzt sie mehr als Weg. Nach 100 Metern, wo einst der Nadelwald begann ist heute dichtes Gestrüpp und man kommt nicht mehr durch. Unsere Wiese ist wie gesagt noch immer dort. Allerdings kann man sie nur von oben erreichen. Man muß über den ersten Weg gehen und an der Stelle, wo die Wiese unterhalb liegt, bergab klettern. Vom Weg aus kann man sie nicht sehen. Farne und wilde Brombeerhecken verdecken die Sicht.

Winnie wohnt weit weg von hier. Als ich neulich an unserer Märchenerzählwiese oberhalb der Brandschneise war, fragte ich mich, ob vielleicht andere Kinder heute diesen Platz für ähnliche Abenteuer nutzen. Wahrscheinlich nicht. Überhaupt bin ich mir nicht sicher, ob jemand außer Winnie und mir diesen Zauber sehen kann. Die Kinder heute wissen nicht einmal mehr wo die Brandschneise ist.


Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
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