Badetag

Der Badetag
(Überarbeitet am 02.04.2009)

Wie oft haben Sie sich in Ihrer Kindheit geduscht oder gebadet? Lassen Sie mich raten: Wenn Sie etwa in meinem Alter sind und die Kindheit sich für Sie in den 60er Jahren abgespielt hat, so haben Sie selten geduscht und im Durchschnitt einmal in der Woche gebadet. Sollte ein besonderer Anlaß hinzukommen, wie z.B. Weihnachten, Ostern oder Besuch, so wurde ein Badetag – ausnahmsweise -  dazwischen geschoben. Habe ich recht?
Bei uns im Schinkenloch war das so. Wie ich schon einmal erzählt habe, hatten die Einfamilienhäuser im Schinkenloch anfangs gar keine Bäder. Lediglich ein Klo mit Waschgelegenheit. Ohne fließend warm Wasser versteht sich. Aber auch die Häuser mit Bad wurden nicht in dem Maß benutzt, wie wir es heute für ganz normal halten. Nee, damals war am Samstag Badetag. Meist vor „Daktarie“, dieser Sendung mit dem schielenden Löwen. Aber diese Sendung konnten wir erst sehr spät sehen, da wir Ende der 60er Jahre unseren ersten Schwarzweiß – Fernseher bekamen. Ich bin mir nicht mehr so ganz sicher, aber ich glaube, wir badeten auch schon, bevor wir einen Fernseher hatten. Samstags!
Wenn Sie damals in den 60er Jahren am späten Samstagnachmittag bis hin zum frühen Abend durch das Schinkenloch gingen, hätten Sie sich bestimmt gefragt, wo denn die Kinder sind, die sonst immer so zahlreich überall zu finden waren; natürlich dort, wo sie gar nicht sein wollten. Die Antwort ist jetzt klar – oder? In der Badewanne saßen die Gören.

Ich meine, daß dies eine gute Einrichtung war. So konnten wir uns die ganze Woche über dreckig machen und am Wochenende wurden wir geschrubbt, ob wir wollten oder nicht. Wir wollten eigentlich nicht, aber was hatten wir schon dem Diktat der Erwachsenen entgegen zu setzen? So waren wir  sonntags immer gestriegelt und geschniegelt, für den Fall, daß wir mal zur Kirche gingen. Meist gingen wir nicht, was wir alle acht Wochen dem Pastor im Dunkel, im unheimlichen Beichtstuhl,  gestanden. Der wiederum ließ uns für diese schrecklichen Sünden beten, bis uns die Zunge am Gaumen klebte. Aber was hatte der Pastor schon für eine Ahnung. Wir jedenfalls waren jeden Sonntag so rein wie die Engel im Himmel, und ich bin sicher, der liebe Gott hat es immer gewußt. Ein Pastor ist halt nur ein kleines Licht in der großen Firma Gottes.

Sie denken jetzt bestimmt, wie unhygienisch das war. Aber ganz und gar nicht. Im Sommer trieben wir uns immer am Weiher auf der Ell rum und planschten den ganzen Nachmittag im Wasser oder später fuhren wir mit unseren Fahrrädern ins Schwimmbad. Bei allem Badespaß hatte dieses Tun auch seine reinigende Wirkung. Im Winter war es ohnehin zu kalt zum Schwitzen und das Bißchen wuschen wir uns am Waschbecken ab – zumindest an den Stellen, wo man es sah! Als wir anfingen flügge zu werden änderte sich das natürlich. Aber das sollte erst sehr viel später kommen.
Wenn ich mich richtig erinnere, so badeten die Erwachsenen auch nicht viel öfter als wir. Zumindest ist es mir nicht besonders aufgefallen. Auf jeden Fall waren sie tagsüber  zur Arbeit und wenn sie einen kleinen Vorteil beim Baden hatten, so machten wir diesen in der Sommerzeit durch unsere Besuche am Weiher oder im Schwimmbad wett.
Wie immer gab es eine Ausnahme. Aber hierzu muß ich etwas ausholen.  Sie erinnern sich doch bestimmt noch daran, daß im Schinkenloch mit Masse drei Häuserkategorien standen. In der Kategorie zwei wohnten immer zwei Familien in je einer Dreizimmerwohnung. Diese Häuser sollten von einer der Familien im Laufe der Zeit käuflich erworben werden. Wir wohnten auch in einem solchen Haus, allerdings sollten meine Großeltern, die unten wohnten, die Hausbesitzer werden.
Meist standen zwei solcher Häuser zusammen. Da die Planung der zukünftigen Hausbesitzer nicht immer realistisch war, hatten wir in diesen Häusern eine doch spürbare Fluktuation, wie das heute auf Neudeutsch heißt. Will sagen, daß einige der Familien sich tüchtig verkalkuliert hatten, und ihre Träume vom eigenen Haus sehr früh aufgeben mußten. Was soll’s, damals ging das sehr schnell und ohne großes Aufsehen. Die einen gingen und die anderen kamen. Unser Nebenhaus wurde ebenfalls von einer solchen Veränderung heimgesucht. Die Familie die dort wohnte mußte sich verändern und eine neue zog ein. Eigentlich ein guter Griff, denn die neue Familie hatte vier Mädchen. Fanden wir alle gut.
In der Wohnung oben wohnte eine Familie mit zwei Jungen. Die beiden Jungen waren aber verdammt klein. Der älteste war fast vier Jahre jünger als ich. Also nicht meine Generation. Doch die Familie hatte ihren ganz besonderen Reiz. Der Mann und die Frau waren, so glaube ich wenigstens, das erste Ehepaar im Schinkenloch, die sich scheiden ließen. Damals Gesprächsstoff für mindestens ein Jahr! Bevor es zu diesem unverschämten Skandal kam, war der Mann fast nie daheim, er arbeitete auf Montage, und die Frau lebte mit den Kindern allein dort.
Sie können sich ja schon denken was kommt, oder? Die Frau sah sehr gut aus und die Tatsache, daß sie es zur damaligen Zeit wagte, sich scheiden zu lassen, dürfte Ihnen vor Augen führen, daß sie eine außergewöhnlich mutige Frau war. Bevor Ihre Phantasie mit Ihnen durchgeht und Sie etwas Falsches denken, sollten Sie die Geschichte abwarten, die ich jetzt erzählen will:
Sie hieß Walli, war Ende zwanzig und sah verdammt gut aus. Lebenserfahren, wie ich damals war, konnte ich das beurteilen. Sie trug ihre Haare hochgesteckt und ihre Kleider waren unverschämt kurz für die damalige Zeit. Ja, die Haare waren dunkel und immer hochgesteckt. Damals waren gerade die Beatles mit „She loves you“ voll im Trend.
Walli war eigentlich ohne Tadel. Immer war sie für ihre Kinder da, arbeitete und niemand konnte auch nur den Hauch eines Verdachtes äußern, daß sie ihrem Mann fremd ging. Wie gerne hätten wir es gesagt, wenn wir es auch nur andeutungsweise gewußt hätten. Aber nichts der gleichen. Walli tat uns diesen Gefallen nicht. Sie tat etwas ganz anderes: Sie regte die Phantasie der gesamten männlichen Jugend an. Ja, sie war uns allen um mindestens 10 Jahre voraus. Sie duschte! Kein Bad am Samstag, nein Walli duschte. Zwar auch samstags, jedoch auch mal in der Woche. Das Einzige, worauf man sich verlassen konnte, war, daß sie es samstags ganz bestimmt tat und wenn sie es in der Woche tat, dann immer gegen Abend.
Erinnern Sie sich noch, wie die Häuser am Stadtwald standen? Ja genau, sie standen alle am Fuße der Steigungen, weil man vorne die Straße auf die zugeschüttete Schlucht gebaut hatte und die Häuser auf den festen Sandstein der ansteigenden Berge stellte. Hinter jedem Haus war ein Garten, und diese Gärten stiegen alle ziemlich steil an.

Die Badezimmer der Häuser waren alle hinter dem gleichen Fenster- das zweite von links oder rechts ( es waren in jeder Etage nur drei ) – zum Garten hin gelegen. Im Vergleich zu den anderen Fenstern konnte man sie daran erkennen, daß das Glas milchig war. Man konnte nicht hinein sehen, doch konnte man deutlich die Konturen erkennen. Besonders, wenn es draußen schon etwas dunkel war und drinnen das Licht brannte.

Walli war uns allen wirklich weit voraus. Während alle anderen noch Gardinen vor die milchigen Scheiben hängten, begnügte sie sich mit der Milchglasscheibe.
Mein größter Fehler ist der, daß ich meinen Mund nicht halten kann. Ich spielte gerne im Garten. Damals war es noch gar kein Garten, sondern der reinste Urwald. Er zog sich vom Haus den Berg hoch bis zur „Kupp“, die damals noch dicht von Tannen bewachsen war. Unten, hinter dem Haus waren die Kaninchenställe. Wir hatten mit meinen Großeltern zusammen etwa 60 Kaninchen. Zur damaligen Zeit unsere Fleischquelle für sonntags. In der Woche gab es eigentlich nie Fleisch. Nach den Ställen kam noch eine kleine Mauer und ein Weg den Berg hoch, an dessen Rand mehrere Pfosten standen, zwischen denen eine Wäscheleine gespannt war. Auf dem Gartengrundstück stand ein Pflaumenbaum und meine Mutter hatte ein paar Kartoffeln eingesetzt. Das war’s aber dann auch schon. Meine Mutter arbeitete den ganzen Tag und hatte gar nicht die Zeit, den Garten zu bewirtschaften.
Meine Großmutter war zu dick und zu faul dazu. Also war dieser Garten ein idealer Spielplatz für mich. Es war meine Baustelle. Meine Eltern haben noch heute ein altes Fotoalbum, wo ich auf meiner Baustelle am werkeln bin. Fragen Sie mich nicht, was ich alles gebaut habe, ich weiß es nicht mehr, auf jeden Fall gehört dieser Ort zu meinen aktiven Erinnerungen.
Einmal, samstags am späten Nachmittag war ich gerade wieder zu Gange. Meine Mutter hatte schon zweimal nach mir gerufen, weil ich noch in die Badewanne mußte, doch ich konnte mich nicht von meiner Arbeit trennen. Da sah ich es: Walli hatte das Licht im Badezimmer an und duschte! Ich konnte alles sehen. Walli war glaube ich die schönste Frau auf dieser Welt. Ich konnte ihre offenen Haare auf ihrem Rücken sehen, dann sah ich ihre Brüste, ihre schlanken Hüften, den Po; ich sah einfach alles. Und was ich nicht sah, konnte ich mir vorstellen. Immerhin war ich schon fast ein Mann, fast  acht Jahre alt und in der zweiten Klasse. Ja, Walli zeigte mir, was ich bisher nur in der Bravo von meiner Tante Hilde gesehen hatte, die ich ihr heimlich geklaut hatte und sorgsam unter der Treppe an der Haustür versteckte.
Es gab einen ziemlichen Krach wegen der doofen Zeitung. Hilde beschuldigte nämlich ihre Mutter, diese Bravo weggeworfen zu haben und dabei hatte sie den Starschnitt von Paul Mc Cartney noch nicht rausgeschnitten. Damals war es groß in Mode, daß die Stars in Lebensgröße in der Bravo abgebildet wurden. Jede Woche ein neues Puzzlestück, bis der „Star“ lebensgroß an der Wand hing. Ich überlegte damals, ob ich nicht das fehlende Teil einfach ausschneiden und in ihr Zimmer legen sollte. Aber ich hatte Schiß, daß sie es merken könnte. Sollte sie doch ruhig Krach mit meiner Oma haben, die konnte ich sowieso nicht leiden.

Ich hatte meinen Star lebensgroß und zwar am Stück und ziemlich lebendig. Walli duschte und duschte. Sie drehte sich und ich glaube in diesem Moment, an diesem Samstagnachmittag entdeckte ich die Liebe. Ja, diese Frau war schöner, als ich mir eine Frau je vorgestellt hatte. Ich war mir sicher, daß sie wußte, daß ich hier im Garten sitze, wie im Kino auf einem Logeplatz ( damals hatte ich noch nie ein Kino von innen gesehen) und ihr zusah. Walli duschte für mich ganz allein.

Der größte Fehler in meinem Leben war, daß ich den Mund nicht halten konnte. Ich erzählte es Winni ganz im Vertrauen, der sagte es Peter, der wiederum sagte es Klaus. Guido hatte durch Zufall mitgehört, und so weiter. Ohne daß ich etwas davon wußte, fieberten alle Jungen im Schinkenloch auf den nächsten Samstag hin. Sie können es sich schon denken, nicht wahr? Am nächsten Samstag war allergrößte Versammlung in unserem Garten. Ich hatte echt Schwierigkeiten, einen halbwegs guten Platz zu bekommen. Alle warteten wir gespannt, daß sie kam. Besser gesagt, ich wartete gespannt auf ihren Auftritt. Die anderen warteten darauf, um zu sehen ob es stimmte. Mit Krausen denke ich heute daran, was passiert wäre, wenn Walli an diesem Samstag nicht geduscht hätte. Vielleicht eine Erkältung oder was weiß ich für Gründe. Die anderen hätten mich bestimmt gelyncht. Ich war nämlich der kleinste von allen Versammelten. Aber auf Walli war Verlaß! Um 17.20 h ging im Bad das Licht an und sie zog sich vor unserer aller Augen aus. Sie duschte und in unserem Garten war kein Mucks zu hören. Wir saßen in unserem Freilichtkino und genossen die Vorstellung. Walli war die größte.
Ich hatte etwas gelernt: Wer richtig genießen will, muß schweigen. Als ich feststellte, daß Walli auch hin und wieder in der Woche ihrem Körper Pflege zukommen ließ, war ich ihr treuster und einziger Fan. Nie ließ ich mich zu Äußerungen hinreißen, wie sie die großen zu Hauf auf Lager hatten. Nein, Walli war meine Prinzessin, und ich verehrte sie. Als sie später nach ihrer Scheidung wegzog, fehlte sie uns allen sehr. Was sie uns allen in der Kindheit bot, war wie ein Sonnenstrahl, der durch eine graue Wolkenwand hindurch bricht.

Walli zog nicht weit weg. Noch heute wohnt sie in Merzig und hin und wieder begegnen wir uns auf der Straße. Sie ist heute über 60 Jahre alt und noch immer eine sehr gepflegte Frau. Jedesmal, wenn wir uns durch Zufall treffen hellt sich ihr Gesicht auf, und wir reden ein paar Worte miteinander. Noch heute habe ich das Gefühl zu erröten, und ich weiß wirklich bis heute nicht, ob sie weiß, daß ich einer ihrer treuesten Verehrer war und ihr mit Sehnsucht und Begeisterung beim Duschen zusah. Schon mehrmals war ich versucht, es ihr zu sagen, doch ich habe Angst, diesen Zauber zu zerstören. Einen Zauber aus einer längst vergangenen Kindheit.


Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!