Der Ball ist rund
Der Ball ist rund
(Überarbeitet am 02.04.2009)
Sie erinnern sich bestimmt noch an die Zeiten, als ein paar Pfunde zu viel indirekt auf einen gewissen Wohlstand hinwiesen, oder? Heute ist das kaum noch vorstellbar. Immerhin leben wir im Zeitalter der Diäten. Politiker streichen sie ein und erhöhen sie nach Belieben und der Rest der Welt quält sich damit rum.
Ich war eines der Kinder, die ihren Eltern erhebliche Sorgen bereiteten. Ein Spargeltarzan vom Herrn. Egal was ich aß und wie viel auch davon, ich blieb ein mitleiderregender schmaler kleiner Junge. Unsere Familie gehörte nicht zu den gut situierten; nein wir waren eine stinknormale Arbeiterfamilie, wo Mutter und Vater arbeiteten. Es ging uns nie schlecht und zu essen hatten wir immer genug. Der einzige Nachteil war, man sah es mir nicht an. Mein Bruder beruhigte da schon eher die familiären Gemüter. Er war schon als Kind immer ein Pummelchen und blieb bis heute wohl beleibt, wie man das auszudrücken pflegt. Es lag wohl daran, daß Armin sich schon als Kind mehr den besinnlichen Dingen verschrieben hatte. Während ich glücklich war, wenn ich nach der Schule meine Hausaufgaben in Eile in meine Hefte geschmiert hatte ( Schrift „ausreichend“ stand sogar noch in meinem Abschlusszeugnis - dabei habe ich für einen Mann eine echt ansehnliche Schrift) und hiernach durch den Wald tobte, spielte mein Bruder lieber mit seinen Matchboxautos vor unserem Haus. Er hatte viele Fähigkeiten, für die ich ihn beneidete. Noch heute kann er sich einer Aufgabe mit einer solchen Hingabe verschreiben, daß ich mich frage woher der Kerl diese Ruhe hat.
Ich hingegen war ein unruhiger Geist. Schnell rennen, auf hohe Bäume klettern, Fußball spielen, das waren erstrebenswerte Ziele für mich. Wir stellten so viele Streiche an, daß meine verzweifelten Eltern mir einmal sogar mit dem Internat drohten. Damals hatte ich echt Schass. Internat bedeutete Gefängnis. Daß sie in Wahrheit gar kein Geld hatten, um mich ins Internat zu stecken, wußte ich nicht.
Ich blieb immer ein schmales Handtuch und meine Mutter, die bis heute bei allem, was sie tut darüber nachdenkt, was denn die Nachbarn darüber denken, schämte sich für ihren erbärmlich dünnen Sohn.
Genau vor unserem Haus gabelte sich die Straße. Nach links ging der Kammerforst in eine Sackgasse den Berg hoch ( im Winter eine geile Schlittenbahn – besonders bei Glatteis) und gerade aus und rechts hoch hieß die Straße Am Stadtwald. Die Am Stadtwald war also eine parallel laufende Doppelstraße, getrennt von einem etwa zehn Meter breiten Grünstreifen. Ein Grünstreifen wurde es erst Jahre später, damals war es ein Platz für allerlei Ablagerungen und wir hatten die tollsten Spielideen.
Dort, wo die Straße sich gabelte, spielten wir Fußball. Die Gabelung des Am Stadtwald war das Tor. Zeitweilig hatten wir uns aus drei Holzstämmen ein Tor zusammengezimmert, was regelmäßig von den Erwachsenen wieder abgerissen wurde, weil sie Angst hatten, daß ein Balken einen von uns erschlagen könnte. Meistens markierten wir die Torpfosten durch zwei Kleidungsstücke. Daß unser Fußballplatz aus Asphalt war, störte nur unsere Mütter, wenn wir mit zerrissenen Hosen heim kamen. Wir spielten dort, wie die jungen Götter. Es ist heute gar nicht mehr so leicht vorstellbar, daß eine Horde Kinder auf einer öffentlichen Straße Fußball spielte. Aber es war so. Kaum eine Familie hatte ein Auto und so waren unsere Straßen verkehrsberuhigt, ohne daß jemand diesen Ausdruck kannte. Wir spielten nur auf ein Tor. Der Tormann war echt eine arme Sau. Hielt er einen Ball, wurde er beschimpft, ließ er einen rein wurde er genauso nieder gemacht. Ich war nie Tormann! Wir spielten, schrieen, freuten und ärgerten uns. Aber wir spielten miteinander.
Mein Vater war immer ein verschlossener Mann. Als ich noch klein war, arbeitete er auf Montage und wir bekamen ihn nicht sehr oft zu sehen. Seine einzig wirkliche Leidenschaft war Fußball. So gerne hätte er einen seiner beiden Söhne in einer richtigen Mannschaft gesehen. Sie ahnen es schon? Klar, mein Bruder kam nicht in Frage, also war ich es, der in einen Verein geschickt wurde. Anfangs in die DJK. Das ging noch, denn der Verein war das reinste Chaos, ohne erkennbare Strukturen und auf den alten Sportplatz neben der Stadthalle verbannt. Die Spielvereinigung war der etablierte Verein auf dem richtigen Sportplatz. Der alte Sportplatz war nichts anderes, als ein Provisorium mit zwei Toren. Wenn wir Kirmes hatten, war der Platz für uns nicht zugänglich, da in diesen Zeiten der Jahrmarkt dort aufgebaut wurde. War die Kirmes vorbei war der ohnehin holprige Platz noch mehr ruiniert als vorher, aber wir durften wieder trainieren. Oft kamen wir zum Training und es war weder ein Trainer, noch ein Betreuer da. Defakto taten wir nichts anderes als im Schinkenloch: wir bolzten wie die Irren rum. Der Verein ging wegen seiner chaotischen Vereinspolitik natürlich den Bach runter. Die meisten wechselten in die Spielvereinigung. Ich folgte dem Herdentrieb, wenn ich auch eigentlich keine rechte Lust dazu hatte.
Hier war alles anders. Die Trainingstermine waren feste Zeiten; es wurde kontrolliert, ob wir unsere Fußballschuhe geputzt hatten und manchmal mussten wir im Vereinshaus sitzen und uns mit den Tiefen der Fußballregeln vertraut machen. Für ambitionierte Spieler genau der richtige Ort. Damals gab es das Wort Sozialpädagogik noch nicht und dennoch wurde in der Spielvereinigung richtige Jugendarbeit geleistet. Mir gefiel das nicht so richtig. Hier waren Strukturen, klare Regeln und die mussten unbedingt eingehalten werden. Mein Vater war stolz darauf, daß sein Sohn in einer Fußballmannschaft spielte. Für mich ging bei all den Pflichten und Regeln Stück für Stück die Freude dahin. Ich hatte schon als Kind anarchistische Grundzüge in meinem Charakter. Erschwerend kam hinzu, daß wir echt tolle Spieler in der Mannschaft hatten. Im Schinkenloch war ich ohne Problem einer der besten Spieler. Wenn wir die Mannschaften auslosten, stritten sich die anderen darum, mich in ihrer Mannschaft zu haben. Im Verein war das anders. Um überhaupt in der Mannschaft mitspielen zu können mußte ich regelmäßig zum Training und dazu auch noch eine konstante Leistung bringen. Fußball wurde mit jedem Tag der Schule ähnlicher, und ich ging meiner „Pflicht“ ohne Freude nach. Es hatte schon mit Glück zu tun, wenn ich am Samstag von Beginn an aufgestellt war und spielen durfte/mußte.
Mein Vater kam immer. Er stand am Spielfeldrand und gab mir anfangs gutgemeinte Ratschläge, die für mich nichts anderes als Gemeckere. Je intensiver seine Ratschläge wurden, umso schlechter wurde ich. Ratschläge sind halt auch Schläge. Später stand er schweigend am Spielfeldrand und sagte nichts mehr. Es war klar, nie würde ich das werden, was er sich so sehr gewünscht hatte: Ein toller Fußballer. Ob Sie’s glauben oder nicht, manchmal war ich mit meinen Gedanken so weit entfernt, daß ich es nicht mitbekam, wenn wir nach der Halbzeit in die andere Richtung spielten. Ich war wie in Trance und hoffte, daß diese Qualen irgendwann einmal enden würden.
Mein letztes Spiel war in der C – Jugend. Es war das letzte Spiel der Saison und wir spielten gegen Besseringen. Wer das Spiel gewann, würde Meister sein. In diesem Spiel schoss ich mein einziges Tor in meiner Kariere in der Spielvereinigung: ein Eigentor. Der Ball kam völlig unverhofft auf mich zu, es war nach der Halbzeit und mir war wieder nicht klar, in welche Richtung wir spielten. Ich wollte keinen Fehler machen und drosch den Ball davon. Na ja, es war die falsche Richtung und er landete im Netz hinter unserem Tormann. Oh je, was hatte ich die Stimmen auf meiner Seite. Der freundlichste Vorschlag war der, daß ich doch vielleicht mein Glück mit Judo versuchen sollte. Gott sei Dank gewann unsere Mannschaft das Spiel dennoch, und wir wurden Meister, so wurde mein Einsatz mit Humor genommen und niemand war mir wirklich böse. Allerdings war dies mein letzter Auftritt in der Spielvereinigung Merzig. Dachte ich damals...
Diese Geschichte ist schon viele Jahre her. Ich hatte gänzlich den Spaß am Fußball verloren und spielte auch im Schinkenloch nicht mehr mit. Ein Spiel sah ich mir höchstens noch im Fernsehen an, wenn ein Weltmeisterschaftstunier stattfand, und das auch nur wenn die Südamerikaner spielten, denn mir gefiel schon immer ihre Schnelligkeit und ihr Temperament.
Heute bin ich lange erwachsen und Fußball wurde nie wieder meine Sache. Mein Vater hatte es irgendwann hingenommen, und nur ganz selten höre ich den Wehmut aus seiner Stimme, wenn er sinniert, das keiner seiner beiden Söhne Fußballer wurde.
Vor einem Jahr wunderte ich mich, daß er meinem Sohn ein Trikot kaufte. Die Jungs waren alle auf dem Fußballtrip und liefen in Trikots von Borussia Dortmund oder Bayern München rum. Klar, mein Vater hat von Haus aus eine Abneigung gegen die Bayern, also bekam Tim ein Trikot von Dortmund. 100,- DM legte der alte Herr für die Klamotten hin. Abgesehen davon, daß Tim richtig goldig in der Kluft aussah, dachte ich, es sei rausgeworfenes Geld. Tim hat nämlich eher die Figur meines Bruders und auch seine Neigungen: Er ist ein gemütliches Kind und körperliche Anstrengungen sind ihm nicht sehr nah.
Aber es kam alles ganz anders. Tim war damals im Turnverein und warf schnell das Handtuch. Ich konnte mich in ihm wieder erkennen, wenn auch die Sportart anders war. Aber jetzt, hatte dieses Trikot scheinbar eine 180 ° Wendung in dem Jungen ausgelöst. Er interessierte sich echt für Fußball; kaufte sich Fußballzeitungen, schaute sich jede Sportschau im Fernsehen an, kannte nach kürzester Zeit die meisten Bundesliga Spieler. Also baute ich ihm ein Tor auf die Wiese hinter den Häusern, wo wir wohnen. Aber damit nicht genug, Tim wollte in einen Fußballverein. Seine Mutter meldete ihn in der Spielvereinigung an und ich brachte ihn zum ersten Training. Seit so vielen Jahren war ich nicht mehr auf diesem Sportplatz gewesen. Nach dem ersten Training war er noch begeisterter und nach dem dritten Training gestand er mir, daß er gerne Tormann werden will. Sein Idol war ohnehin schon seit längerer Zeit Andy Köpke unser Nationaltormann. Ich redete mit Tims Trainer und er versprach mit Tim ein Probetraining zu machen. Wenn die Anlagen da seien, könnte er in der nächsten Saison Ersatztormann werden. Tim war selig. Vor dem besagten Training gingen wir ins Sportgeschäft. Vor einem Jahr hatte ich meinen Vater belächelt, weil er 100,- DM für ein Trikot ausgab, jetzt legte ich die doppelte Summe für Tormannsachen hin, obwohl noch nicht klar war, ob Tim Tormann würde. Pädagogisch gesehen hätte ich ihm die Sachen versprechen sollen, wenn das Training gut laufen sollte. Ich aber kaufte alles vorher und ob Sie es glauben oder nicht, ich glaubte an meinen Jungen!
Das Training lief gut und Tim wurde mehr als der Ersatztormann. Der Verein hat eine zweite Mannschaft aufgestellt, weil so viele Kinder im Verein sind und Tim ist in der zweiten Mannschaft die Nummer 1. Am letzten Wochenende waren beide Mannschaften auf einem Turnier gemeldet. Tim´s Mannschaft, die ja nur als zweite Wahl galt, kam ins Endspiel und wurde Vizemeister. Tim wuchs in diesem Turnier über sich hinaus und hielt die unmöglichsten Bälle.
Ich, der nie wieder etwas mit der Spielvereinigung zu tun haben wollte, war der Mannschaftsbetreuer und nach jedem Spiel kam mein Sohn aus dem Tor herausgelaufen und sprang mir wild in die Arme. Ich glaube, so glücklich habe ich meinen Sohn noch nie gesehen.
Mein Vater stand am Rand und sah sich geduldig alle Spiele an. Er ist jetzt über 60 Jahre alt und pensioniert. Zwischendurch blickte ich öfter zu ihm hin und hätte gerne gewusst, was in ihm vorging. Ich glaube er war voll von Erinnerungen. Den Stolz, den ich jetzt als Vater dieses glücklichen Kindes und tollen Tormanns verspüren durfte, war ihm in seinen jungen Jahren nie vergönnt.
Und der Ball ist noch immer rund.
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