Schneemann

Der Schneemann
(Überarbeitet am 02.04.2009)
Manchmal glaube ich, daß meine Generation eine Generation „zwischen den Welten“ ist. Sie fragen sich jetzt bestimmt, wie ich das meine. Vielleicht gibt der folgende Text Ihnen ja die Antwort?!
Als ich geboren wurde, war der 2. Weltkrieg gerade 14 Jahre zu Ende. Mein Großvater war erst vor 4 Jahren aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Ein besonderes Drama, denn er hatte mit den verrückten Zielen nazideutschlands überhaupt nichts am Hut. Während die Massen diesem Wahnsinnigen hinterher liefen und es als normal und richtig empfanden, daß Menschen aus ihrer Nachbarschaft als weniger wert bezeichnet und verschleppt wurden, versteckte er zwei Menschen mit jüdischem Glauben bei sich. Er fiel auf, die Versteckten wurden verschleppt und er bekam die „Chance“, sich an der Front in Rußland zu bewähren.

Das war 1944. 11 Jahre später sollte er wieder in seine Heimat zurückkehren – und sie nicht wieder erkennen.
Merzig war ziemlich zerstört; fast keine Familie war ohne Opfer geblieben. Aber da war ja noch viel mehr: Ausnahmslos alle waren verschaukelt worden, hatten an einen Verrückten geglaubt, der wortgewaltig von einer besseren Welt redete. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich mit 20 anfing politisch zu denken und meinen Eltern und Großeltern Vorwürfe machte, weil sie da mitgemacht hatten. Meine Eltern hatten ja gar nicht wirklich mitgemacht. 1937 und 1938 geboren, haben sie diese schreckliche Zeit nur als Kleinkinder miterlebt. Doch meine Großeltern, was war mit ihnen? Damals wußte ich noch nichts von der Geschichte mit meinem Großvater. Er war schon 1967 verstorben. Den noch lebenden machte ich Vorwürfe und war fest davon überzeugt, daß ich diesen Unsinn nicht mitgemacht hätte, ja sogar dagegen gekämpft hätte. Heute bin ich etwas älter und habe so manche Lebenserfahrung gemacht. Habe Situationen erlebt, wo ich feige war. Ich frage mich, hätte ich wirklich dagegen gekämpft? Schön wäre es, aber das Leben hat mir inzwischen auf seine eigene Art mitgeteilt, daß ich eben kein Held bin.
Es gibt aber etwas, was ich noch miterlebt habe: Die „Nachnachkriegszeit“! Nicht die unmittelbare Nachkriegszeit, nein, die ersten Jahre blieben mir Gott sei Dank erspart. Aber Ende der 50er war das Leben in Deutschland alles andere als normal. Besonders die verschlafene Provinz hatte Uhren, die bedeutend langsamer gingen, als die in den Städten.
Die Familien hatten wenig und hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Jeder trug irgendwie zum Leben seinen Teil bei. Die Erwachsenen arbeiteten von früh bis spät; die Alten versorgten das Haus, die größeren Kinder paßten auf die kleineren auf, und auch die kleinen Kinder bekamen schon leichte Aufgaben übertragen. Jede Familie war ein funktionierendes Team. Die einen mehr, die anderen weniger. Niemandem von uns wurde etwas geschenkt. Ja, Geschenke; wenn wir überhaupt Geschenke bekamen, dann waren sie klein. Aber, und das ist glaube ich, der springende Punkt: Wir hatten die Fähigkeit, uns wirklich zu freuen.
So wuchsen mit mir bestimmt noch 60 weitere Kinder im Schinkenloch unter diesen Bedingungen auf. Wir waren arm, aber in unserer Welt waren wir doch glücklich. Heute lebt jeder abgeschottet und darauf bedacht, mehr als die anderen zu haben. Ein harter Kampf, wo Gefühle immer weiter in den Hintergrund gedrängt werden. Außerhalb der Familie ist man einfach nur noch cool. Ja, ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, wo wir überhaupt nicht cool waren. Nein, wir waren warmherzig und haben uns untereinander geholfen. Mit unseren Nachbarn gingen wir zusammen in den Wald Holz machen. An Fasching gab es einen Hausball in den beiden Kneipen im Schinkenloch, die waren so gut besucht, daß man Probleme hatte, einen freien Tisch zu bekommen. Heute versucht jeder das große Glück auf irgendwelchen Bühnen außerhalb zu finden; und findet sich unter fremden Menschen. „Früher war Fasching noch ganz anders“, höre ich immer wieder. Nein, Fasching war nicht anders. Wir sind anders. Wir wollen alles und bekommen nichts.
Die Zeiten haben sich in den letzten 40 Jahren enorm verändert. Vielleicht liegt es daran, daß wir mit so vielen Informationen vollgeballert werden, die wir sie weder aufnehmen, noch verarbeiten können. Täglich wird uns tausendfach suggeriert, was wir alles brauchen um glücklich zu sein. Und weil jeden Tag neue Wünsche in uns geweckt werden, haben wir überhaupt keine Chance mehr glücklich zu sein.

Ich aber kann mich noch an Zeiten erinnern, wo ich und die Menschen um mich herum glücklich waren. Seltsamerweise war das eine Zeit, wo wir verdammt wenig hatten und das Wenige, wirklich brauchten.
Wir Kinder im Schinkenloch waren Naturkinder. Können Sie sich vorstellen, daß keines der etwa 60 Kinder einen Kindergarten besuchte? Es ist wahr. Wir betreuten uns selbst. Familien und Nachbarschaftshilfe funktionierten. Zu jeder Jahreszeit spielten wir draußen. Fernseher bekamen wir erst gegen Ende der 60er Jahre und damals war die Programmauswahl sehr gering. Für uns war es etwas Besonderes, wenn wir vor dem Kasten sitzen durften. Tagsüber kam niemand auf die Idee, den Flimmerkasten anzustellen.
Jede Jahreszeit hatte ihren Reiz. Besonders freuten wir uns auf den Winter. Winter bedeutete Schnee, Advent, Plätzchen, Weihnachten ,Sylvester und Feuerwerk.
Wenn der November kam, warteten wir mit Spannung auf den Raureif, der für uns ein Vorbote des Schnees war. Vielleicht täusche ich mich, aber wir hatten in meiner Kindheit deutlich kältere Winter und bedeutend mehr Schnee als heute. Ich kann mich an Tage erinnern, an denen wir mit unseren Gleitschuhen zur Schule fuhren. Die war zwei Kilometer weit entfernt und der Weg dorthin war ein Abenteuer mit Schneeballschlacht, fangen spielen, Wettrennen und allerhand Unsinn. Oft kamen wir außer Atem und völlig durchnäßt in der Schule an. Nie wurden wir deshalb getadelt.

Das Warten auf den ersten Schnee war wirklich immer eine besondere Spannung. Ich erinnere mich an kalte Novembertage, an denen abends im Westen der Himmel blutrot war. Die Alten sagten uns, daß die Engel im Himmel den Ofen anheizten, weil nun so langsam die Weihnachtsplätzchen gebacken würden. Ende November wurden die Nächte sehr kalt, der Mond hatte einen schimmernden Rand und der nächtliche Nebel gefror auf den Wiesen und Sträuchern. Wie liebten wir es, wenn wir morgens zur Schule gingen und das Gras unter unseren Füßen knirschte. Mit den Händen strichen wir den Reif vom Gras ab und formten kleine „Schneebälle“, mit denen wir uns bewarfen.

Damals waren die Wettervorhersagen bei weitem nicht so zutreffend wie heute. Wir verließen uns auf die Erfahrung der Alten. Sie konnten riechen, wenn Schnee in der Luft lag. Und wirklich, alles war anders, kurz bevor der Schnee kam. Der Himmel war grau, alles wurde langsamer. Seltsame Farben hatten wir damals am Nachmittag. Gegen Abend wurden die Straßenlaternen angeschaltet aber sie zeigten keinerlei Wirkung, denn das Dunkel, war ein graues dämmriges Dunkel.

An einen Winteranfang ( für uns Kinder fing der Winter nicht nach dem Kalender an, sondern, wenn der Schnee kam ) kann ich mich noch sehr gut erinnern. Schon zwei Tage rechneten wir mit dem Schnee, aber er wollte einfach nicht fallen. Die Wolken waren dick und grau und trieben tief über die Bäume an den Hängen des Schinkenlochs vorbei; so nah, daß wir schon überlegten, ob wir nicht auf die Hänge gehen sollten und mit Pfeil und Bogen Löcher in die Wolken zu schießen, aus denen es dann bestimmt schneien würde.

Der Tag ging zu Ende und die Wolken versagten uns ihre weiße Pracht. Ob Frau Holle vielleicht krank war? Wir mußten nach Hause und verlagerten unsere Hoffnungen auf die Nacht. Schon oft waren wir morgens aufgewacht und alles war weiß. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie leise alles ist, wenn der erste Schnee gefallen ist?

Einmal schaute ich morgens aus dem Fenster und alles war in dicke weiße Watte verpackt. Sogar auf der Überlandleitung, die zwischen den Straßenlaternen gespannt war, lag ein zentimeterhoher Schneestreifen. Ich glaube, es war der schönste Anblick, den ich bis dahin gesehen hatte. Wie gesagt, an diesem Abend hofften wir alle auf die Nacht. Daß es unmittelbar bevor stand, war uns allen klar.
Gegen 22:00 Uhr fielen die ersten Flocken. Ohne, daß wir uns abgesprochen hatten kamen die ganzen Kinder aus unserer Straße raus und jubelten. Das klingt vielleicht unglaubwürdig, denn um 22:00 Uhr lagen wir normalerweise schon im Bett, doch irgendwie war klar, daß der Schnee kommen würde und unsere Eltern verwehrten uns diese Freude nicht. Während wir draußen in den Flocken herumsprangen und uns freuten, lagen die Alten an den Fenstern und sahen uns zu. Die Flocken wurden richtig dick. In einer halben Stunde war alles weiß und es sah so aus, als würde es in den nächsten Tagen nicht mehr aufhören zu schneien. Wir bauten zusammen den ersten Schneemann für dieses Jahr. Er wurde genau auf die Insel gestellt, wo sich die Straße Am Stadtwald zweiteilt. Dick und prächtig sah er aus. Aus jedem der umliegenden Häuser wurde etwas zugesteuert, um den Winterboten zu verschönern: ein alter Hut, ein Schal, eine Möhrennase, Kohlen als Knöpfe für seinen Schneemantel, ebenfalls Kohlen für den Mund und die Augen, einen Reisigbesen für in die Arme.
Als er fertig war, riefen uns die Eltern rein. Obschon wir am liebsten die ganze Nacht draußen geblieben wären, mußten wir uns fügen.
Der Schnee war nicht so reichhaltig gefallen, wie wir uns das gewünscht hatten. Wir gaben unseren Eltern die Schuld daran. Hätten sie uns weiter im Schnee spielen lassen, hätte Frau Holle ihre Betten die ganze Nacht über ausgeschüttelt. Aber unser Schneemann stand noch und er sah prächtig aus. Die Schneedecke war eher spärlich und in den nächsten Tagen schmolz sie dahin. Am dritten Tag stand unser Schneemann in der Wiese, als habe ihn jemand aus einem fremden schneebedeckten Land hergebracht. Wir Kinder aber wußten, daß der Winter begonnen hatte und freuten uns darauf, schon bald unsere Schlitten aus den Kellern holen zu dürfen.
Wir waren damals noch nicht so cool wie heute, aber die Winter waren noch richtige Winter, und wir Kinder waren noch richtige Kinder, und die Freude war noch richtige Freude.....


Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!