Seesterne

Seesterne

(Überarbeitet am 02.04.2009)

In den letzten Jahren war ich aus beruflichen Gründen immer wieder für längere Zeit außerhalb des Saarlandes unterwegs. Doch es hat mich immer hierher zurück gezogen.

Meine Reiselust ist grundsätzlich eher verhalten. Dort, wo ich lebe, fühle ich mich wohl und finde meine Ruhe. Nicht die Suche nach dem großen Glück treibt mich um, nein, mein Seelenfrieden ist mein höchstes Gut. Und dennoch gehöre ich zu den Spezis Mensch, die einmal im Jahr eine Reise unternehmen. Vor einigen Jahren führten diese Reisen immer in den Süden. Ich war nie die treibende Kraft, und dennoch fuhr ich mit. Nie kam ich ausgeruht und entspannt zurück; und immer kamen wir früher zurück als geplant. Die frühere Rückkehr war auf mich zurückzuführen, was ständig mit einem dicken Beziehungsproblem einherging. Später, als ich bewußt allein lebte, gingen meine Reisen in den Norden. Jedesmal erfüllte mich der Norden mit einer Wärme, Freude und soviel Wohlbefinden, daß ich heute glaube, in einem früheren Leben ( wenn es denn ein solches gab ) ein Norde gewesen zu sein.

 

Meine Mittel sind bescheiden. Je nachdem, wie ich gehaushaltet habe führt mich die Reise ganz hoch in den Norden, oder nur bis zur Nordseeküste. In diesem Jahr mußte ich mehrere Dinge anschaffen und meine Haushaltskasse beschränkte mich auf Holland.

Am ersten Tag war meine Stimmung nicht so beschwingt wie erhofft, denn mein Sohn fand nicht sofort den richtigen Anschluss bei anderen Kindern und wich mir nicht von der Seite. Einerseits ein sehr schönes Gefühl, denn der Hauptgrund unserer Reise war ja ein gemeinsames Erlebnis. Dennoch brauche ich zum Glücklichsein ein bißchen Abgeschiedenheit und die kann ich nicht haben, wenn ich mich dauernd darum bemühen muß, meinem Jungen die Langeweile zu nehmen. Meine Befürchtungen waren grundlos, schon am ersten Abend hatte er Freunde und er kam nur noch zu Essen, Schlafen und wenn er Geld brauchte für ein Eis.


Beim Anblick seiner glücklichen Augen konnte ich mich entspannen und dieses altbekannte Gefühl der nordischen Freude begann sich in mir breit zu machen.

Wie gesagt, mein Sohn amüsierte sich köstlich und ich konnte am Strand seelenruhig in mein Buch eintauchen, oder lange Strandspaziergänge machen.

Vielleicht ist es gar nicht mehr nötig, Ihnen zu erklären, daß ich kein ausgesprochener Schönwettermensch bin, aber es sei doch hier erwähnt. Bei dieser Reise war das Wetter uns meistens hold, dennoch erfreute ich mich über jede Wolke am Himmel ebenso wie über die wärmenden Sonnenstrahlen und die zwei Gewitter, die wir erlebten. Wenn im Sommer ein warmer Regen den Pflanzen wohltut, die meisten Menschen ein langes Gesicht machen, weil es nichts mit dem Baden wird, dann schlägt mein Herz höher. Stundenlang kann ich an solchen Tagen, nur mit einer kurzen Hose und guten Joggingschuhen bekleidet durch den Wald laufen. Immer wieder treffe ich auf Gleichgesinnte; vertraute Gesichter. Menschen, die ich zwar nicht kenne, die sich aber durch einen kurzen Blick, ein flüchtiges zulächelndes „Hallo“ zu erkennen geben.


Am Meer ist es ähnlich!

Heute Nacht ging ein heftiges Gewitter über uns hernieder. Auch der Morgen war wolkenverhangen und vom Meer kam eine milde Brise. Gegen 11 Uhr riss der Himmel auf und wir gingen zum Strand.

 

Mein Sohnemann spielte mit den Nachbarskindern. Die Eltern der Kinder gingen am Strand entlang um Muscheln zu finden und er wollte mitgehen.

Ich steckte meine Nase in mein Buch und genoß die leichte Meeresbrise und das Rauschen des Meeres. Söhnchen, eines der beiden Kinder und deren Mutter kamen alsbald schon wieder zurück. Die Mutter hatte zwei kleine Seesterne gefunden. Der Vater und eines seiner beiden Kinder waren noch weitergegangen. Ich entschloss mich ihnen ein Stück entgegen zu gehen. Die anderen wollten am Strand bleiben und spielen und so ging ich allein los.

Es ist die pure Erholung, mit nackten Füßen und freiem Oberkörper am Meer zu spazieren und die Ausläufer der Wellen bis zu den Knöcheln zu spüren.

 

Ich ging, den Blick auf die sanften Wellen gesenkt, und fühlte mich sehr wohl.
Irgendwann bemerkte ich ein Mädchen neben mir im Wasser gehen. Ihre blonden Haare waren zum Pferdeschwanz gebunden, sie war sonnengebräunt und über ihrem Badeanzug trug sie ein verwaschenes T – Shirt. Als ich sie bemerkte, sah sie mich an und lächelte. Genau dieses Lächeln, das ich vom Regenlaufen daheim kenne. Ich erwiderte den freundlichen, wortlosen Gruß, und wir gingen gemeinsam weiter. Nach ein paar Minuten fragte sie mich auf Holländisch, ob ich auch Seesterne suchen würde. Auf Deutsch sagte ich „Ja“ und wir gingen weiter. Jeder den Blick ins Wasser gerichtet, etwa zwei Meter voneinander entfernt. Sie ging bis zu den Knien im Wasser. Wieder nach ein paar Minuten erzählte sie mir, daß sie schon einen gefunden habe.

 

Vor zwei Tagen hatte sie sogar einen handtellergroßen aufgelesen. Allerdings klaute ihn eine Möwe, als sie ihn zum Trocknen auf ihren Schuh gelegt hatte. Wir lachten beide. Die Sprache war keine Barriere, obschon ich kein Holländisch kann und sie scheinbar kein Deutsch konnte.

Sie hieß Susanna. Als wir eine ganze Weile gegangen waren, der menschenbefüllte Badestrand lag schon weit hinter uns, fragte ich sie, wo ihre Eltern seien; vor uns oder in der Richtung aus der wir kommen? Sie überlegte den Bruchteil einer Sekunde und sagte, in der Richtung aus der wir kommen. Ich schlug ihr vor, umzukehren und sie nickte nur.

Zwischen unseren Worten lagen immer ein paar Minuten des Schweigens, wo jeder den Blick ins Meer richtete und Ausschau nach Seesternen hielt.

 

Wieder nach einer kurzen Zeit erklärte sie mir, daß nicht ihre Eltern, sondern ihre Tante dort hinten sei. Ihre Eltern waren schon vor Tagen abgereist. Ich war erstaunt, wie schnell dieses Mädchen meine Frage verstanden hatte. Sie hatte wirklich nur den Bruchteil einer Sekunde mit ihrer Antwort nach den Eltern gezögert und sofort verstanden, was ich mit meiner Frage wissen wollte. Mir war es wichtig zu wissen, wo der oder die aufsichtsführenden Erwachsenen seien. Susanna hatte es in dieser Momentaufnahme verstanden, meine Frage präzise zu beantworten. Wohl bemerkt, wir sprachen unsere wenigen Worte in zwei verschiedenen Sprachen zueinander! Mit meiner Frage nach den Eltern ging einher, ob sich niemand Sorgen macht, wenn sie mit einem fremden Mann am Strand, ein gutes Stück von den anderen Strandbesuchern entfernt, spaziert. Daß es nicht die Eltern, sondern die Tante war, erklärte sie mir erst Minuten später.

 

Im Moment der Frage war es unwesentlich, und es wäre für unser Holländisch – Deutsch zu kompliziert gewesen. Für dieses Situationsgespür mochte ich sie noch mehr, als ich es schon ohnehin tat. Sie war 10 Jahre alt, fast 11. Genauso alt, oder besser gesagt jung, wie mein Sohn. Ich war sehr erstaunt. Eine ganze Generation und eine Sprache lagen zwischen uns, und dennoch spazierten wir beide am Strand, wie zwei Menschen, die sich sehr vertraut sind. Ein aufmerksamer Beobachter hätte uns mit Sicherheit für Vater und Tochter gehalten.

Vom Meer zogen dicke Wolken auf und der Wind nahm zu. Weit vor uns sahen wir, wie die Badegäste am Strand hektisch die Sachen packten. Susanna und ich behielten unser Tempo bei. Die ersten Regentropfen prasselten herunter und taten richtig gut auf der Haut.

 

Sie sah mich an und sagte: „ Et trippelt so schön im Sand.“ Beim Wort „trippelt“ rollte sie das „R“ und ihre Finger machten eine Bewegung, als würden sie Klavier spielen. Wir sahen uns an und lachten. Hätte ich in diesem Moment einen Seestern gefunden, ich hätte ihn der kleinen Susanna geschenkt! Und ich bin sicher, sie hätte es ebenso getan.

Wir waren dem Strand jetzt recht nahe, wo die Badegäste mit ihren gepackten Sachen vor dem Regen flüchteten. Susanna mußte scheinbar noch ein Stück geradeaus und ich mußte nach links, wo mein Sohn mit dem anderen Kind und der Mutter im Gehen begriffen waren.

 

Wir mussten uns nicht verabschieden. Susanna lief los, ich bog ab. Nach ein paar Sekunden blieben wir beide wie auf ein stilles Zeichen hin stehen, sahen uns an und winkten uns lachend zu. Sie lief weiter zu ihrer Tante und ich eilte zu meinem Sohnemann und half ihm tragen.

Es war der 25. August 1997. Durch Zufall trafen sich zwei Menschen. Ein riesiger Altersunterschied und zwei verschiedene Sprachen konnten uns nicht daran hindern, daß wir uns gut verstanden.

So, wie der Fuchs immer beim Anblick eines Weizenfeldes an den kleinen Prinzen denken wird, werde ich mich bestimmt immer an die kleine Susanna aus Holland erinnern, wenn ich einen Seestern sehe.

Vielleicht liest sie irgendwann in ihrem Leben diese Geschichte. Dann sei gegrüßt, kleine Susanna; ich wünsche Dir, daß das Leben Dir viel Freude bringt! Und den einen oder anderen Seestern.

 

Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!