Gedanken zum Fest
Nachfolgenden Text hatte ich zum Jahreswechsel 2007/2008 an Menschen per Mail geschickt, die mir wichtig sind. Mit dem Text ist mir ziemlich treffend mein Seelenzustand zu beschreiben gelungen. Vielleicht hilft er ja dem ein oder anderen Menschen, der das Gefühl hat, sich verrannt zu haben?!
Weihnachten trifft mich in diesem Jahr etwas unvorbereitet.........
Tuts ja irgendwie immer, denn die Zeit ist so viel schneller als ich.
Aber in diesem Jahr hat mein Körper mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zuerst ein ziemlich unschöner Hörsturz, der mir einerseits einen belastenden Hörverlust und einen unüberhörbaren Tinnitus beschert hat; der mir aber auch meine Grenzen aufgezeigte. Es warf mich so richtig aus der Bahn. Fast vier Wochen daheim, wobei ich in dieser Zeit kaum zu Aktivitäten fähig war, denn mit den oben genannten Symptomen ging ein Drehschwindel einher. Also zur Ruhe kommen! Wie fiel mir das so schwer.
Als der Schwindel überwunden war, ging ich wieder zum Dienst. Wollte weitermachen, wie bisher und hatte scheinbar nichts – aber auch gar nichts kapiert.
Eine gute HNO Ärztin im Bundeswehrkrankenhaus ordnete eine stationäre Behandlung für mich an. Ich durfte mir die Klinik aussuchen. Im Internet gesucht, fand ich eine ansprechende Einrichtung in Neufahrland. Was für ein schöner Name für einen Ort.
Neufahrland liegt vor den Toren Potsdams, inmitten großer Kiefernwälder und zwischen den Havellandseen. Direkt am Wasser ist die Heinrich Heine Klinik erbaut. Die Wahl fiel mir leicht.
Dann ging es sehr schnell. Am 12.November fuhr ich gen Osten, übernachtete in einer Kaserne in Kladow und „meldete" mich am 13.November morgens zur stationären Behandlung.
Klinik für psychosomatische Erkrankungen. Ich stutzte. Habe ich einen an der Klatsche? Meine Mitstreiter hatten Tinnitus, Depressionen, Phobien, Bandscheibenvorfälle, Menschen die von existenziellen Ängsten schier in die Verzweiflung getrieben werden oder in einer scheinbar unüberwindbaren Trauerphase um verlorene Menschen sind. Ich war verunsichert.
Dann suchte ich mir allen Mut zusammen und ließ mich auf das ganzheitliche Behandlungskonzept der Heinrich Heine Klinik ein. Eine Kombination aus physiotherapeutischen- ergotherapeutischen- und psychotherapeutischen Maßnahmen. Einzeltherapie, Gruppentherapie, Musiktherapie, Entspannungstraining, Akkupunktmassage, Mehrfrequenzstrom, Fango, Gymnastik in der Halle, Gymnastik im Wasser und Rückenschule. Dazu eine Gruppe ausnahmslos mit Tinnituspatienten, die ihre Erfahrungen austauschen konnten. Viele Fachvorträge in den Abendstunden. Ehrliche Begegnungen mit wunderbaren Menschen neben der Therapie war die wunderbarste Zusatztherapie. Und zudem schloss ich mich dem Patientenchor an, und sang aus vollster Brust und tiefstem Herzen. Meine Gitarre wurde wieder mein Freund und neben den zwei Chorabenden in der Woche, sangen wir viel, oft und fröhlich auf unserer Etage. Schnell wurde unser Freizeitsingen getauft in den „Chor 2.Stock". Der Name blieb, auch wenn nach und nach immer mehr Sänger aus allen Stockwerken hinzukamen. Fünf Wochen, die mir anfangs unendlich lang vor kamen, flogen an mir vorbei. Menschen, so offen und ehrlich, wie ich es noch nie erlebt habe, waren um mich herum.
Die Havellandschaft rund um Neufahrland ist traumhaft schön, und weil alles so sein musste, wie es war, hatte ich überwiegend tolles klares Winterwetter. Viel Sonne, Frost, sternenklare Nächte und wunderschöne Morgen mit Frühnebeln überm See. Unvergesslich.
Am 18.12.2007 bin ich wieder nach Hause gefahren. Wie schwer es mir ums Herz war, als ich den Weg zu meiner Frau, meinem Sohn, meinem Zuhause und zu meinen Freunden antrat! Darf man so etwas sagen, zugeben? Müsste ich nicht sagen, dass ich nach der langen Zeit voller Freude in heimatliche Gefilde unterwegs war?
Was hat mir die ReHa gebracht? Sind die Ohrgeräusche weg? Höre ich besser?
Nein, ich höre nicht besser und mein Tinnitus ist mir ein steter Begleiter geblieben. Aber die ReHa hat mein Leben bereichert. Ich weiß, dass es mir nicht gut tut, immer den starken Mann spielen zu müssen (wer sagt denn, dass ich muss?). In Neufahrland konnte und musste man(n) / frau zu den eigenen Schwächen stehen. So schwer es auch gefallen ist, ich erkannte schnell, dass Schwäche wirkliche menschliche Stärke ist. Die Welt ist voller Betonköpfe und es tut nicht gut, sich da mit einreihen zu wollen.
In Neufahrland durfte ich „neu erfahren" dass ich nicht so stark bin, wie ich es mir und anderen immer vorgemacht habe, dass ich Schwächen ohne Ende habe und alles andere als ein Fels in der Brandung bin. Und trotzdem zeigten mir die Menschen dort eine wunderbare und tiefe Zuneigung. Wie war ich gerührt. Sollte ich denn wirklich gut sein, so wie ich bin. Sollte das wirklich genügen? Scheinbar.
Jetzt bin ich zu Hause und muss einiges umstellen. Weniger ist mehr! Schwäche ist Stärke. Und die wichtigsten Menschen sind wir immer selbst. Wer sich lieb hat, kann auch andere lieb haben. Um sich selbst lieb zu haben, muss man auch mal „Nein" sagen. Immer „Ja" sagen ist einfach, vermeidet die Auseinandersetzung, aber ausbaden tun wir es nur selbst.
Ich habe viel mitgebracht aus der märkischen Heide; und ein Stück von mir ist dort geblieben. Ich werde es besuchen. Ganz bestimmt.
Und jetzt steht Weihnachten vor der Tür. Mit Geschenken kann ich leider nicht aufwarten. Jedoch freue ich mich auf das Kerzenlicht, auf das gute Essen; darauf die Familien zu treffen und vielleicht den ein oder anderen Freund. Guten Wein, vielleicht? Wenn dann noch ein klarer Sternenhimmel zu sehen wäre, Sterne, so klar, dass die offenen Wünsche erkennbar werden, die sich im neuen Jahr bestimmt erfüllen. Oder im Jahr darauf, oder noch später.... Ein guter Grund, sich auf die Zukunft zu freuen!
Toujours plein d`espoir – timschal (Immer hoffnungsvoll – du kannst / hast die Wahl)
In diesem Sinne wünsche ich Dir, Euch, uns, und auch mir selbst ein besinnliches Weihnachtsfest, schöne frohe Momente und ein hoffnungsvolles und gutes neues Kalenderjahr; Lebensjahr.
Herzlichst
Micha
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