Schnee, der keiner war...

Schnee, der keiner war
(Überarbeitet am 02.04.2009)
Als Kinder konnten wir es nie erwarten, bis der erste Schnee fällt und wir mit unseren Schlitten oder Gleitschuhen über die festgefahrenen Schneedecken auf den Straßen im Schinkenloch gleiten konnten. Ja, Sie haben richtig gelesen: Festgefahrene Schneedecken auf den Straßen.
Wenn heute der Himmel grau wird und die Temperaturen gen Null gehen, laufen die schweren Dieselmotoren der Räumfahrzeuge in den Straßenmeistereien schon warm. Bevor auch nur eine Flocke die Erde berührt, stehen sie bereit, die weiße Freude zu bekämpfen, als ginge es ums Überleben auf der Erde. Manchmal denke ich, die haben mit Petrus eine Wette abgeschlossen, daß er es nicht schaffen wird, diesen verträumten weißen Mantel über die Erde zu legen. Alles ist auf Sicherheit bedacht und die Straßen müssen frei sein.
In meiner Kindheit war das noch ganz anders. Wie gesagt, wir warteten sehnlichst auf die ersten Flocken; jedes Jahr. Wenn sich im Spätherbst die Temperaturen dem Nullpunkt näherten, sahen wir Kinder morgens immer aus dem Fenster, um zu sehen, ob der Raureif die Bäume, Sträucher und Gräser in seinen weißen Bann gezogen hat. Bei uns zu Hause waren die Anzeichen dafür schon am Fenster in unserem Kinderzimmer zu sehen.
Das Zimmer war nicht beheizt und wenn die Temperaturen fielen, hatten wir die allerschönsten Eisblumen an der Scheibe. Ich erinnere mich noch gut, wie wir mit dem Fingernagel ein Loch in die Eisblumen kratzten, um den Blick nach draußen zu bekommen, damit wir sehen konnten, wie die Natur mit ihren Watteverpackungen aussah. Insgeheim hofften wir natürlich, daß es schon geschneit haben würde. Aber damals hielt sich Petrus noch an die natürlichen Abfolgen. Dem Sommer folgte ein Herbst mit langsamem Übergang von Sonne zu Wolken, mit Winden, die im Oktober auch schon mal stürmisch wurden, mit Regen, der vom warmen Spätsommerschauer zum kalten Herbstregen wurde. Die Novembertage waren meist grau, träge, verschlafen und feucht – kalt.
Irgendwann, ich kann Ihnen nicht mehr sagen, in welchem Jahr es war, konnten wir es nicht mehr aushalten. Wir beschlossen mittags nach der Schule unsere Schlitten aus den Kellern zu holen und für den ersten Schnee vorzubereiten. Die Kufen waren rostig, so besorgten wir uns aus den Küchen unserer Mütter eine Speckschwarte und bearbeiteten die Kufen unserer Schlitten so lange, bis der Rost verschwunden und das Metall blank war. Mein Schlitten hatte meine Mutter für ein paar Mark einer Nachbarsfamilie abgekauft, deren Sohn schon vor ein paar Jahren weggezogen war. Ja, mein Schlitten war einige Jahre älter als ich. Und sie können es mir glauben oder nicht, er war der schnellste Schlitten in unserer Straße. Das Holz war schon lange nicht mehr hell, es war durch die Feuchtigkeit im Laufe der Jahre schwarz – braun geworden. Mein Vater mußte die Latten neu verschrauben und an einer Stelle waren die Befestigungsschrauben für die Kufen so verrostet, daß mein Vater sie mit einer Bohrmaschine herausarbeiten mußte und neue Schrauben einsetzte. Ich brauch` Ihnen nicht zu sagen, daß ich meinen Schlitten liebte.
An diesem Tag, als wir im November,- die Sonne schien und es war richtig kalt (welterfahren wie wir waren, mutmaßten wir darüber, daß bald schon der erste Schnee fallen würde; der ein oder andere konnte ihn gar schon riechen)- unsere Schlitten für den kommenden Schnee vorbereiteten, kam einer auf die Idee, daß die Schlitten bestimmt auch auf dem nassen Laub im Wald fahren würden. Wir waren uns nicht sicher, ob es Unsinn sei, oder einfach nur genial. Wie in den Vorjahren, wenn wir bis abends spät mit unseren Schlitten den Kammerforst herunterfuhren, setzten wir unsere Schlitten senkrecht auf die Schultern und marschierten den Kammerforst hinauf. Sie hätten uns sehen sollen: Fünf Jungs, bei strahlendem Sonnenschein, in Anoraks, jeder einen Schlitten auf den Schultern, wanderten wir die Straße hoch in Richtung Wald. Normalerweise starteten wir unsere Fahrt immer dort, wo die Straße endet. Sie ist ziemlich steil und man konnte mehrere hundert Meter bergab fahren. Unten an der Kreuzung standen immer einer oder zwei von uns, die die herunter donnernden Fahrer warnten, wenn mal ein Auto kam. Damals gab es aber so gut wie keine Autos im Schinkenloch und es ist nie etwas passiert.
Heute mussten wir weiter in den Wald gehen. Am Ende der Straße ging es links in das Gelände von Frau Dollwert, und gerade aus ging der Weg steil nach oben zur Ell. Sofort nach der Straße begann der Wald. Links, im Gelände von Frau Dollwert wuchsen Fichten und rechts vom Weg zur Ell, begann ein wunderschöner Mischwald aus Eichen und Buchen. Wir gingen mit unseren Schlitten bis zum ersten Weg und versuchten neben dem Weg den steilen Hang hinunter zu fahren.
Es ging mehr schlecht als recht und wir wollten schon aufgeben, als wir bemerkten, daß es an den Stellen, wo das Laub etwas aufgewühlt war einigermaßen ging. Also stellten wir unsere Schlitten ab und wühlten das Laub den Abhang hinunter auf. Ein weiterer Trick war der, daß die Speckschwarte unsere Kufen zwar blank gemacht hatte, sie aber nicht auf dem feuchten Laub gleiten wollten. Kein Problem, wir setzten uns ins Laub und rieben die Kufen so lange mit nassem Laub ein, bis die Fettspuren verschwunden waren. Und auf einmal ging`s. Unsere Schlitten sausten den Berg hinunter, mindestens genau so gut, wie im Schnee auf unserer Straße. Wir fuhren bis in die Dämmerung und gingen dann heim. Als wir dort erzählten, daß wir Schlitten fahren waren, schenkte man uns nur ein mitleidiges Lächeln. Man hielt uns für Schwindler, die ihrer Phantasie Flügel verliehen hatten.

Wir aber freuten uns schon auf den nächsten Tag und würden wieder fahren. Am nächsten Tag waren wir nicht mehr zu fünft, sondern schon fünfzehn. Es hatte sich rumgesprochen, daß es im Schinkenloch eine außergewöhnliche Schlittenbahn gab. Am dritten Tag kamen noch mehr Kinder und Jugendliche zum Rodeln und es war ganz schön was los bei uns.

Die Attraktion war aber, als am Nachmittag ein Reporter von der Merziger Volkszeitung ( diese Tageszeitung gibt es heute schon lange nicht mehr ) im Wald erschien und sich das Spektakel ansah. Er machte ein paar Fotos und redete mit den älteren von uns. Wir waren darüber etwas sauer, denn wir hatten die Idee gehabt und wurden genau von diesen älteren am ersten Tag belächelt. Jetzt taten sie so, als sei es ihre Idee gewesen und wir dürften natürlich mitfahren.

Der Ärger war am nächsten Tag verflogen, als wir in die Schule kamen. Unsere Lehrer hatten die Zeitung mitgebracht und waren ganz erstaunt. „ Merziger Kinder suchen den Schnee vom Vorjahr“ stand mit großen Lettern über dem Bild. Da waren wir zu sehen, wie wir mit unseren Schlitten zwischen den Bäumen durchs Laub sausten. Wir waren die Helden und durften erzählen. Mittags kamen Kinder aus der Waldstraße und dem Ahleck um mit uns zu rodeln. Eine ganz ungewöhnliche Sache, denn normalerweise verlief sich niemand ins Schinkenloch. Wir waren durch die Bank weg arme Leute und im Neudeutsch würde man heute das Schinkenloch als sozialen Brennpunkt bezeichnen. Unsere Aktion Laubfahren hatten Grenzen der Vorurteile überwunden und jetzt kamen die „besseren“ Kinder zu uns und wollten mit uns spielen. Es war schon aufregend mit den anderen im Wald zu spielen, allerdings war nach zwei Tagen unsere Bahn so zerfahren, daß kaum noch Laub dort lag und die Schlitten mehr stoppten, als sie fuhren. Jetzt wären wir froh gewesen, unser Geheimnis für uns behalten zu haben. Das Laubfahren wurde uninteressant und wir warteten auf den Schnee, der ja auch schon ein paar Wochen später kam.

In einem alten Photoalbum meiner Eltern ist der inzwischen vergilbte Zeitungsausschnitt von damals eingeklebt. Neulich habe ich ihn mir angesehen und es war schön, mich an diese Novembertage aus meiner Kindheit zu erinnern. Auf dem Foto trug ich eine Bommelmütze, die mein Sohn jetzt im Schrank liegen hat. Meine Mutter hatte diese Mütze aufbewahrt und sie im letzten Winter meinem Sohn geschenkt. Also bin ich nicht der einzige, der sich an diese schönen Kindertage im Schinkenloch erinnert.


Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!