Wundertüte
Die Wundertüte
(Überarbeitet am 02.04.2009)
Ergeht es Ihnen manchmal auch so, daß Sie sich, ohne den Grund dafür zu erkennen, an Geschehnisse aus Ihrer Kindheit erinnern?
Kindheit. Eine konkrete Erinnerungen an meine Kindheit habe ich nicht. Es sind immer nur Facetten, kleine Begebenheiten, und auch die dürften vom Zahn der Zeit auf Unvollständigkeit zerfressen sein. Wie wohl die meisten Menschen habe auch ich scheinbar mit Masse positive Erinnerungen abgespeichert. Wenigstens in soweit positiv, daß meine Erinnerungen nicht negativ nachwirken oder irgendwelche traumatischen Folgen entstanden sind. Es ist eine der Gaben, die man uns – von wem auch immer – mit auf den Weg gegeben hat: Unangenehmes vergessen wir mit der Zeit.
Wie bereits erwähnt, habe ich keine zusammenhängenden Kindheitserinnerungen. Es sind immer nur Momentaufnahmen, die ich aber ziemlich genau vor Augen habe. Nicht, daß ich genau den Zeitpunkt beschreiben kann. Nein Zahlen generell sind mir ein Kraus. Doch ich kann diese Erinnerungsmomente ziemlich deutlich sehen. Einzelheiten stehen mir zur geistigen Betrachtung zur Verfügung. An Temperaturen, Gerüche und Geräusche kann ich mich ebenso erinnern, wie an Farben.
Bereits gestern machte ich mir Gedanken über dieses plötzliche Erinnern und nahm mir vor, solche Erinnerungen aufzuschreiben. Heute will ich es versuchen.......
Damals muß ich sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Vielleicht auch jünger, auf jeden Fall ging ich noch nicht zur Schule.
Wir wohnten im Schinkenloch. Das ist ein Stadtteil von Merzig, den es vor dem Krieg noch nicht gab. 18 oder 19 Jahre nach Kriegsende gab es noch viel zu tun.... Es gab drei Kategorien von Häusern:
Kategorie 1 waren Sozialwohnungen. Der obere Teil des Schinkenlochs bestand nur aus solchen Häusern. In diesen 2 – Zimmerwohnungen wohnten Familien mit bis zu sechs Kindern. Ich frage mich heute wirklich, wie sie das organisiert hatten. Die Leute, die in diesen Häusern wohnten, waren sozial schlecht gestellt und wohnten zur Miete. Die Miete wurde an die Stadt gezahlt.
Kategorie 2 waren Häuser des Bundesvermögensamtes. Diese Häuser waren deutlich größer und hatten zwei 3 – Zimmerwohnungen, der Garten war größer und der wesentlichste Unterschied lag darin, daß die Leute, die hierin wohnten diese Häuser gekauft hatten. Sie zahlten zwar in monatlich kleinen Raten ihre Schulden ab, wie eine Miete, aber sie waren Anwärter darauf, später, in etlichen Jahren, einmal ein Haus zu besitzen. Wir wohnten in einem solchen Haus.
Kategorie 3 waren kleine Einfamilienhäuser, die vornehmlich entlang des „Am Kammerforst´s“ nach ähnlichen Kriterien der Hauskategorie zwei gebaut wurden. Während in der zweiten, wie in der ersten Kategorie immer zwei Familien in einem Haus lebten, genossen die Leute der Kategorie 3 den Luxus, mit einer Familie allein im Haus mit 4 oder 5 Zimmern zu wohnen. Daß diese kleinen Einfamilienhäuser anfangs keine Bäder hatten, wurde kaum als beachtenswert gesehen.
Ich erinnere mich, dass bei Freunden von mir samstags immer Badetag war. Die Familie hatte fünf Mädchen und zwei Jungen plus die Eltern. Am Badetag wurde im Keller der Waschkessel mit heißem Wasser zubereitet und gebadet wurde in einer Aluminiumwanne, die in der Waschküche aufgestellt wurde.
Sie müssen sich das Schinkenloch vorstellen, wie eine kleine Siedlung, die in einem Kessel liegt. Während der Bauarbeiten für die vielen Häuser hatte man die Erdaushübe und jede Menge Tierkadaver aus dem Krieg- und was weiß ich noch alles - in die Schlucht inmitten der großen Baustelle geschüttet und später die beiden Straßen „Am Stadtwald“ und „Am Kammerforst“ darüber gebaut. Von diesen Tierkadavern hat der Ortsteil seinen Namen: Schinkenloch. Der Name steht heute sogar in den Landkarten.
Die Straßen führen wie ein Ring durch diesen Kessel, der höchstens 1000 Meter Durchmesser hat. Rings um den Kessel steigen bewaldete Berge auf. Als hätte irgendwann ein gewaltiger Riese in die Landschaft gegriffen und mit seiner übergroßen Hand eine Handvoll Erde herausgerissen. Ich schätze, daß etwa 400 bis 500 Leute dort wohnten. Es gab zwei Kneipen und zwei kleine Geschäfte. Das Bier für die zwei Kneipen wurde einmal in der Woche mit einem Pferdegespann gebracht.
Wenn ich mich an früher erinnere, dann habe ich das Gefühl, daß die Sommer wärmer, länger und schöner waren und die Winter kälter und schneereicher. Sie rochen immer nach Weihnachten.
In der Erinnerung besteht meine Kindheit aus warmen Sommertagen mit kurzen Hosen und luftigen Hemdchen und aus dicken kalten Wintertagen, wo wir nichts anderes taten, als Schlitten fahren, Iglus bauen und Schneeballschlachten auszutragen. Ja früher war alles viel früher....... Die Sommer waren wärmer, die Winter kälter, die Bäume kräftiger, die Blumen bunter und alles war schöner und besser.
Sie können mir glauben, daß ich intelligent genug bin, zu wissen, daß das nicht stimmt. Aber irgendwie will mein Gehirn mir in meiner Erinnerung nur die schönen Seiten des Lebens erhalten. Wahrscheinlich ist das unsere Versicherung vor Verbitterung.
Meine kleine Geschichte, die ich hier erzählen will, handelt aus diesen schönen Sommertagen in meiner Kindheit. Ja, es war einer dieser warmen Sommertage. Ich trug damals eine verwaschene, ehemals schwarze Turnhose, wie die Fußballspieler sie trugen, mein Hemdchen war aus Leinenstoff mit kleinen Karos, die ehemals rot - weißen Farben waren verwaschen und an den Füßen trug ich diese obligatorischen Wassersandalen, die wir Kinder damals alle trugen. Sie kosteten weniger als 5 Mark und meistens hielten sie einen Sommer lang. Sie waren ganz aus Plastik und in den unmöglichsten Farben. Manchmal sehe ich heute noch Kinder im Schwimmbad damit rumlaufen. Es sind Kinder von Eltern, die ihren Kindern einen Schutz vor spitzen Steinen oder sonstigen gefährlichen Gegenständen auf dem Boden geben wollen. Ich finde diese Sandalen heute eher lächerlich, damals waren sie die Lösung der Schuhprobleme für uns Kinder. Unsere Eltern hatten alle nur wenig Geld und diese Wassersandalen waren erschwinglich.
Ja, dieser Sommertag begann wie Weihnachten. Nein nicht wie Weihnachten, denn es war so wunderschön warm. Er begann deshalb so ähnlich wie Weihnachten, weil ich an diesem Morgen von meiner Lieblingstante einen Groschen geschenkt bekam. Ja, ich weiß, ein Groschen ist doch gar nichts, werden Sie jetzt denken. Aber es war damals ganz anders. Gegenüber von meinem Elternhaus war eines der zwei Geschäfte im Schinkenloch. „Geh mal schnell zu Gläsener und hol....“, sagte meine Oma oft zu mir. Bei Gläsener, niemand sagte Herr oder Frau Gläsener, konnte man alles kaufen, was man zum Leben brauchte. Besonders günstig war der Umstand, daß man dort auch anschreiben lassen konnte, wenn man mal gerade kein Geld hatte. Damals hatten wir öfter kein Geld und so ließen wir auch öfter anschreiben. Aber meine Mutter ist wohl eine der ehrlichsten Seelen dieser Welt und beglich unsere Schulden immer umgehend, wenn sie am 15. des Monats Geld bekam. An diesem besagten Morgen war ich stolzer Besitzer eines echten Groschens.
Wenn Sie wüssten, daß es bei Gläsener diese begehrten Wundertüten gab, die genau einen Groschen kosteten, dann würden Sie auch meine Aufgeregtheit verstehen. Wir Kinder hatten damals wirklich fast nur eins im Sinn: Wundertüten! Jeden Groschen, den wir hatten, trugen wir für diese Wundertüten zu Gläsener.
Wenn wir davor standen, vor diesem großen Glas mit den unvorstellbar vielen Überraschungen, waren wir aufgeregt wie an Weihnachten.
Und heute war ich der Glückliche, der seine kleine Hand in das Glas stecken durfte, um eine der wundersamen Tüten herauszuziehen. In diesen Tüten waren kleine Plastikmännchen, die man zusammenstecken mußte, oder kleine Autos mit dünnen Achsen und wackeligen Rädern. Hatten wir was doppelt, tauschten wir untereinander. Somit waren auch die anderen, die gerade nicht im stolzen Besitz eines Groschens waren, gespannt beim Kauf einer Wundertüte. Vielleicht konnte man ja tauschen.......
Ich war früh auf gewesen und Gläseners hatte noch gar nicht auf. Immer wieder sah ich aus dem Fenster, um irgendwelche Regungen hinter dem Fenster ausmachen zu können. Bei der ersten Bewegung würde ich aus dem Haus rennen, über die Straße ins Geschäft und meinen Groschen, den ich in der Hand hielt (diese Hand zur Faust geballt, damit ich meinen wertvollen Schatz nicht verlieren konnte) gegen eine Wundertüte eintauschen.
Endlich war es soweit. Gläseners hatten den Kasten mit den Milchflaschen schon ins Geschäft geholt. Das war das Zeichen. Mit klopfendem Herzen lief ich rüber.
Wenn man die Tür öffnete, dann gab es ein kurzes Geräusch. Kein Klingeln, nein es war eher ein kurzes Summen. Obschon es viele Jahre her ist und das Geschäft schon lange geschlossen hat, höre ich noch heute ganz deutlich dieses kurze „Bsst“, wenn ich zur Tür herein kam.
Ganz aufgeregt kam ich ins Geschäft, ich war schneller als das „Bsst“ und lief sofort zum Wundertütenglas. Man wußte nie, wer aus der Wohnung ins Geschäft kommen würde; Herr oder Frau Gläsener. Beide waren schon ziemlich betagt und beide waren geschäftstüchtig. Auch ihre Kinder waren das, so hatte der eine Sohn, der im Krieg ein Bein verloren hatte, die Kneipe, die direkt neben dem Geschäft lag und ein anderer Sohn betrieb ein Fuhrunternehmen mit mehreren Lastwagen. Herr und Frau Gläsener kamen heute beide ins Geschäft oder waren schon beide drin, so genau weiß ich das nicht mehr. Eines weiß ich aber noch ganz genau: Sie nahmen gar nicht richtig Notiz von mir. Es war mir völlig unverständlich, daß sie meine Aufregung, die ich ja jetzt schon seit dem frühen Morgen in mir trug, nicht auch verspürten. Nein, sie packten, ohne mich groß zu beachten, irgendwelche völlig unwichtigen Kisten aus und stellten sie in die Regale. Als ob sich überhaupt jemand für Waschpulver, Konserven, Milch, Hartwürste oder Butter interessieren konnte, wenn in diesen Räumen das Zauberglas mit den glückversprechenden Wundertüten stand! Aber außer mir schien im Moment niemand diese Tatsache zu bemerken. Also kaufte ich mir ohne groß Beachtung zu finden meine ersehnte Wundertüte.
Nein, ich nahm sie nicht von oben. Ich langte so weit, wie ich konnte in das Glas hinein und versuchte dabei an so vielen Tüten wie ich nur konnte, herum zu fühlen, um herauszufinden, was eventuell drin sein könnte. So wollte ich vermeiden, daß ich etwas doppelt kaufte. Die Gläseners mochten das nicht, denn wir taten das alle. Die Tüten aber waren aus Papier und so manche war vom vielen Betasten kaputt. Niemand von uns würde auch nur eine noch so gering beschädigte Wundertüte kaufen. Nein, eine Wundertüte war nur dann eine Wundertüte, wenn sie völlig heile war. Also versuchte ich meine kleine Hand möglichst ungesehen in die Nähe des Glasbodens zu bringen um irgendwo die beste aller Tüten zu finden. Herr Gläsener sah schon mit düsterem Blick zu mir herüber, als ich etwas fühlte, was ich nicht deuten konnte. Meine Hand schloss sich und ich zog die Tüte aus dem Glas. Es fühlte sich merkwürdig an. Kein Auto und auch kein Püppchen zum Zusammenstecken. Es fühlte sich flach und breit an. Vorne, oder war es hinten?, war es spitz. Irgendwie war da noch etwas, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was darin war. Normalerweise läßt die Aufregung immer nach, wenn wir uns eine Tüte aus dem Glas genommen haben. Meist sind es halt immer nur Autos oder Puppen. Das Wunder, so glaube ich heute, lag wohl mehr im Glas und bei den Gläseners, die immer aufpassten, daß wir nicht die anderen Tüten zu sehr befühlten.
Ich hatte heute aber einen besonders guten Griff getan. Wenn man aus dem Geschäft heraus kam, mußte man sechs Treppen an der Hauswand herunter gehen. Die Treppen waren durch ein weißgestrichenes Rundeisen als Geländer gesichert und an der Hauswand hing ein Blechschild der Firma Underberg. In der aufgedruckten, grünen Flasche war ein Thermostat eingelassen und man konnte sehen, wie viel Grad es hatte. Ich konnte das allerdings noch nicht, weil ich zu klein war um die Ziffern lesen zu können. Außerdem war ich noch nicht in der Schule und brauchte sowieso noch nicht zu lesen. Neben der letzten Stufe war ein Papierkorb von Langnese. Ich blieb neben dem Papierkorb stehen und betrachtete meine Errungenschaft von allen Seiten. Schlauer wurde ich dadurch nicht, aber irgendwie konnte ich mich nicht dazu durchringen, die Tüte aufzureißen. Dann tat ich es natürlich doch. Sie werden es nicht glauben, in der Tüte war eine kleine Traufel. Aus Plastik, in brauner Farbe. Genau diese Traufeln verwenden die Maurer, wenn sie den „Speis“ mit einer eleganten Handbewegung aus dem Handgelenk heraus auf die Steine werfen um dann den nächsten Stein darauf zu setzen. Noch nie hatte ich eine solche Traufel in einer Wundertüte gesehen. Weder ich, noch meine Freunde hatten bisher eine.
Den ganzen Tag baute ich mit meinem neuen Werkzeug neben der Straße, dort wo Jahre später die Bürgersteige gebaut werden sollten, Straßen und Parkplätze für unsere Autos und Puppen. Zwei meiner Freunde gesellten sich zu mir und wir bauten uns ein hochkompliziertes System von Straßen, Plätzen, Bushaltestellen und allem Möglichen. Ja meine Wundertüte war echt ein Glücksgriff!
Wenn Sie mich jetzt fragen, was aus meiner Traufel geworden ist, so muß ich Ihnen leider gestehen, daß ich das nicht weiß. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, ob ich noch an anderen Tagen damit gespielt habe. Doch ich weiß mit Bestimmtheit, daß diese Wundertüte mich an diesem warmen Sommertag glücklich gemacht hatte.
Ja, der Grund, warum ich mich gerade an diese Begebenheit erinnert habe, ist mir unerklärlich. Doch Sie können es mir glauben, wenn ich heute manchmal durch Zufall in einem Geschäft eine Wundertüte sehe, dann möchte ich mir gerne eine kaufen. Ich lasse es aber lieber. Was würde ich tun, wenn wieder eine Traufel drin wäre. Würde ich mich an den Straßenrand setzten können und meine kleine Phantasiewelt bauen. Wohl nicht, denn dann würde man mich für ganz weggedreht halten. Aber es könnte ja auch noch viel schlimmer kommen: Am Ende wäre gar keine Traufel in der Tüte und mir wäre der ganze Tag verdorben.
Also lasse ich heute die Wundertüten Wundertüten sein. Den ganzen großen Griff hatte ich ja bereits.
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