Vortrag "Islam und Gewalt" in der Frauenkirche

Islam und Gewalt in der Dresdener Frauenkirche

(Ein Vortragsabend in Dresden)

Kleine feine Vorurteile

Im September 2007 stieg ich mit meiner Frau in einen Billigflieger. Die Reise ging nach Rom. Wir lieben Städtereisen. Erst als die Tickets im Internet so unglaublich kostengünstig gebucht waren, fiel es uns wie Schuppen von den Augen, warum der Flug fast geschenkt war: Der Flug ging am 11. September! Die Gefahr, dass sich einer dieser gewaltbereiten, fanatischen Moslems mit uns unschuldigen Christen ins Jenseits stürzt, scheint immer noch ein großes Thema zu sein; zumindest im Unterbewusstsein.

So steigen wir in den Flieger, an einem regnerischen Morgen, und die Tatsache, dass ein bärtiger Mann, dunkelhäutig und ziemlich offensichtlich dem arabischen Kulturkreis zugehörend, nebst einer bekopftuchten Frau zwei Reihen vor uns sitzen, entkräftet unsere verborgenen Ängste – oder soll ich Vorurteile sagen- auch nicht wirklich.

Weder auf dem Hin- noch auf dem Rückflug sprengte sich (nebst uns) jemand in die Luft. Die Angst und die Vorurteile jedoch, die flogen mit.


Endlich Dresden

Im April 2008 endlich hatte ich wieder die Chance, beruflich nach Dresden zu reisen. Wie sehr ich mich freute, hatte ich doch das Erlebnis vom Vorjahr noch zu deutlich in meiner Erinnerung. Sofort, als ich den Termin bestätigt bekam, prüfte ich auf der Website der Frauenkirche, ob im besagten Zeitraum wieder eine Veranstaltung stattfinden würde.

„Der Dichter der Sehnsucht“ vom Juli 2007 hatte mein Leben echt bereichert.

Unglaublich, ja, am 17.April wird Frau Prof. Dr. Krämer zum Thema „Islam und Gewalt“ in der Frauenkirche vortragen. Diesesmal ist der Vortragsort nicht die Unterkirche, nein, es ist die Hauptkirche, die ich ja noch gar nicht richtig kenne. Ich freue mich auf den Abend und merke ihn mir sofort in meinem Terminkalender vor. Und noch etwas unternehme ich postwendend: Ich schicke eine Mail an Jost Hasselhorn, den Refernten der Frauenkirche. Über meinen Reisebericht zum „Dichter der Sehnsucht“ im letzten Jahr habe ich ihn kennen gelernt. Kennen gelernt? Wir tauschten Gedanken per Mail aus. Im wahren Leben haben wir uns noch nicht getroffen. Und genauso postwendend antwortet er mir, und wir verabreden uns eine Stunde vor dem Vortrag der Berliner Professorin am Eingang „F“ der Frauenkirche.

Somit habe ich gleich drei Gründe, mich auf den 17.04.2008 zu freuen. Ich werde in aller Ruhe das Innere der Frauenkirche kennen lernen, Jost Hasselhorn wird vom unbekannten Mailschreiber zum Menschen werden, und mich erwartet ein interessanter Vortrag an besonderem Ort von einer profunden Fachfrau zum Thema Islam.


Frühlingsgesicht

Der 17.04.2008 zeigt den ganzen Tag über ein freundliches Gesicht. Während die Eifel noch in der Nacht bei minus vier Grad gezittert hat, freut sich das Paris des Ostens, oder anders, das Elbflorenz über den beginnenden Frühling. Die Magnolien sind in voller Blüte, die Birken tragen ein unschuldiges Grün, und die Ostsonne lächelt breit über der einst zerbomten Stadt an der Elbe. Dresden hat heute ein echtes Frühlingsgesicht.

Mit Jost Hasselhorn bin ich um 19.00 Uhr verabredet. Schon am Nachmittag mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt. Mit dem Bus fahre ich bis zum Hauptbahnhof, steige dort in die erstbeste Straßenbahn in Richtung Elbe. Es ist mir egal, wohin sie fährt. Ich habe Zeit und will mich treiben lassen. Schon immer habe ich mich so auf Ereignisse, die mir Vorfreude bereiten, eingestimmt. Wenn ich auf ein Konzert gehe, bin ich bereits immer Stunden vorher unterwegs. Streß abschalten und die Gedanken treiben lassen. In jungen Jahren, wenn Prüfungen anstanden, bin ich vorher immer „ausgestiegen“. Habe mich nach Möglichkeit unter fremde Menschen gemischt und mich treiben lassen. Da spürte ich eine wunderbare Ruhe in mir, spürte mich selbst und konnte meine Kräfte sammeln.

Und auch heute möchte ich nicht von einem Termin zum nächsten laufen. Ich sitze in der Straßenbahn und fahre mit fremden Menschen los. Schon nach kurzer Fahrt biegt die Bahn links ab, in die Prager Straße. Es war die Paradeallee der sozialistischen Republik. Hier ließen der Schalmeienbläser Erich nebst systemtreuen Kumpanen sich vom Volke zuwinken. Heute ist es eine Einkaufsmeile per excellence geworden. Gerade so, als wollte das Kapital den gescheiterten Sozialismus verhämen.

Gemütlich schlendere ich durch die Fußgängerzone in Richtung historische Altstadt. Vorbei an schicken Läden, Boutiquen und natürlich an den ganz großen Warenhäusern, die in allen Städten unseres Landes gleich aussehen. Bereits nach wenigen Minuten habe ich die ersten dunklen Sandsteingebäude der Altstadt im Blick. Und im gleichen Augenblick wird mir erneut klar, wie treffend die Metapher „Paris des Ostens“ ist. Der Neumarkt ist eine gigantische Baustelle und während ich am Bauzaun entlanggehe, kommt die Frauenkirche in mein Blickfeld. Da steht sie in der Nachmittagssonne. Groß, hell, schön. Welch wunderbarer Bau. Viele Menschen tummeln sich auf dem Platz rund um die Kirche. Sie ist ein Magnet, diese evangelische Antwort auf den Petersdom. Während ich meinen Schritt verlangsame und das Altstadtpanorama genieße, sehe ich, dass auf dem Platz vor der Kirche eine neue Statue steht. „Martin Luther müsste sich eigentlich an diesem Ort wohlfühlen!“, denke ich und gehe auf die schwarze Statue zu. Je näher ich komme, um so deutlicher sehe ich, wie sich die Besucher mit der Figur und der Frauenkirche im Hintergrund fotografieren lassen. Wohl ein wirklich schönes Motiv fürs Fotoalbum.

Luther vor der Frauenkirche in Dresden

Dann komme ich bei dem dunklen Mann an, und es ist tatsächlich Martin Luther, der stolz auf dem Platz vor den hellen Sandsteinen steht. Im direkten Umfeld der Frauenkirche ist der Neumarkt bereits neu gepflastert, die Häuserfassaden sind renoviert und toll angestrichen. Es ist schön hier!


Die Kirche

Ich lehne mich an den dunklen Martin und betrachte den hellen Sandstein des wieder aufgebauten Gotteshauses. Ein beachtliches Mauerwerk! Wie beschreibt man dieses Gefühl der Ruhe und der Freude im Herzen? Es ist einer dieser schönen Lebensmomente, Glücksmomente, die ich gerade verspüre. Ich habe dieses Dresden für mich sehr lieb gewonnen, und gerade jetzt stehe ich hier an diesem schönen Ort, habe keinerlei Stressgedanken in mir und freue mich einfach über den Moment.

Den Moment bewusst genossen, mache ich mich ruhig auf zum Haupteingang der Kirche. „Heute offene Kirche“ steht auf dem Schild neben dem Eingang. Endlich kann ich mir den Innenraum der Frauenkirche in Ruhe ansehen.

In der rund angelegten Innenkirche habe ich den Eindruck, nur mit wenigen Besuchern anwesend zu sein. Dies ist allerdings einer der vielen Effekte dieses Bauwerkes; es wirkt gar nicht groß und protzig, und dennoch haben hier problemlos über 1200 Menschen Platz. Schnell versuche ich die Zahl der Besucher grob zu schätzen, und es sind scheinbar deutlich über hundert. Der Innenraum ist bei weitem größer, als ich es mir von außen vorstellte. Der Architekt wusste, was Effizienz bedeutet. Halbrund sind die Bänke in Richtung Altarraum angeordnet. Die gesamte Innenkirche ist rund. Nach Süden hin nimmt der Altarbereich fast einviertel der Rundung ein. Der Altar darf sich bis in die Kuppel entfalten, während der Rest des runden Raumes von Balkons erfüllt ist. Ich gehe in die Mitte und lege meinen Kopf in den Nacken. Der Blick nach oben in die lichtdurchflutete Kuppel, die sich mit ihrer Barockmalerei über den Kirchenraum wölbt, ist eine echte Augenweide. Während helles Licht einfällt, ist der Kirchenhimmel mit goldenen Malereien geschmückt. Und auch hier ist das Gesamtbild wieder rund. Später kann ich die passende Beschreibung lesen: „Im lebendigen Gustus barocker Malerei sind die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sowie Allegorien der christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung ergänzt, um die Barmherzigkeit mit den ihnen zugeordneten Symbolen dargestellt.“ Über die Beschreibung muß ich in Ruhe nachdenken. Der Anblick, der sich mir offenbart gefällt meinen Augen sehr. Ich stehe da, meinen Kopf noch immer tief im Nacken liegend, und lasse dieses kleine Wunder auf mich wirken.

Kuppel Fauenkirche


Ganz bewusst habe ich mich mit meiner Wahrnehmung noch nicht auf den alles dominierenden Altarbereich konzentriert. Ich drehe mich um meine eigene Achse und lasse den Blick über die dezent und edel bemalten Säulen der schwungvollen Rundbögen gleiten. Die erste Empore ist bis auf den Altarbereich rundum geschlossen und mit hellen Sprossenfenstern versehen. Früher verbargen sich die sogenannten Gebetsstübchen für die wohlhabenden Dresdner hinter diesen Fenstern. Die Borde unter den Fenstern sind ebenfalls mit barocker Malerei verziert; passend zu den Säulen. Die über der Gebetsstübchenfenstern liegenden Emporen sind offen und bieten den Kirchengängern reichlich Platz, um von oben am Gottesdienst teilnehmen zu können.

Gold, Rosa und Zartblau, das sind die Farben, die das Bild bestimmen. „Diese außergewöhnlichen Emporen tragen entscheidend zum einzigartigen Raumempfinden bei. Durch ihre runde Form, mit der sie den Kirchenraum auf drei Seiten umschließen, fühlt sich der Besucher willkommen und geborgen.“ (Homepage Frauenkirche). Es sind insgesamt fünf Emporenebenen. Sie bieten etwa zwei drittel der Platzmöglichkeiten in der Frauenkirche. Jetzt, wo mich der Kircheninnenraum voll und ganz in seinen Bann gezogen hat, lasse ich den Altarbereich in meiner Wahrnehmung zu. Er ist gigantisch!

Zwei gewaltige Säulen tragen den Rundbogen, der bis ganz nach oben in den Kirchenraum ragt. Der lichtdurchflutete Raum auf dieser Seite gehört einzig und allein dem Altar. Die Orgelpfeifen sind im oberen Bereich in barocke Ornamente eingefasst. Die Farbe Gold ist so dominant, dass sie mich fast erdrückt. Unter den eingefassten Orgelpfeifen ist ein über und über mit Gold verzierter und mit kunstvollen Ornamenten überladener Baldachin. Der Bildhauer Johann Christian Feige hat eine biblische Szene in den Mittelpunkt des Altars gesetzt. Jesus betet allein und einsam im Garten Gethsemane. Seine Jünger schlafen und am Stadttor nähern sich bereits die bewaffneten römischen Soldaten, die Jesus gefangen nehmen werden. „Denn im Grunde bin ich allein. Im Grunde seines Herzens ist jeder allein.“, geistert mir beim Anblick der Bibelszene dieser alte Chanson von Klaus Hoffmann durch den Kopf.

Der gesamte Altarbereich hinterlässt einen tiefen Eindruck der Faszination in mir. Neben der bewegenden biblischen Szenerie ist die Arbeit am Altar ein Gesamtkunstwerk von beachtlichem Ausmaß. Sowohl künstlerische als auch handwerkliche Perfektion sind hier zu sehen. An dieser Stelle ist es interessant zu erwähnen, dass aus den Trümmern der zerstörten Frauenkirche über zweitausend Einzelteile geborgen werden konnten. Dieses wunderbare Altarwerk besteht somit aus 80 Prozent Originalteilen.

Ich bleibe minutenlang in der Mitte des Raumes stehen und lasse diesen schwer zu beschreibenden Ort auf mich wirken. Auf dem Weg zum Ausgang kaufe ich mir zwei Kerzen. Eine zünde ich direkt an, bleibe mit meinem stillen Wunsch zwischen fremden Menschen stehen, die es mir gleichtun. Ein schöner Moment. Ruhe pur.

Die zweite Kerze stecke ich in meine Jackentasche; ich werde sie meiner Mutter schenken. Sie wird den Wert auch ohne Worte erkennen.


Dresdener Abendstimmung

Als ich draußen vor dem Ausgangsportal stehe, sehe ich das Ankündigungsschild für den heutigen Abendvortrag. „Islam und Gewalt“, vorgetragen von Frau Professor Dr. Gudrun Krämer. Ein kleines Foto von der Vortragenden ist auf dem Plakat abgebildet. Mit ihrer grauhaarigen Kurzhaarfrisur und dem freundlichen Lächeln hinter einer Brille wirkt sie sehr sympathisch auf mich.

Beim Blick auf die Uhr sehe ich, dass ich bis zum Treffen mit Jost Hasselhorn noch gut eine Stunde Zeit habe. Gemütlich schlendere ich durch die historische Altstadt zur Semper Oper. Bedingt durch das freundliche Frühlingswetter ist ziemlich viel los auf dem gepflasterten Platz des weltberühmten Opernhauses. Ich verweile wenige Minuten auf dem Vorplatz, genieße auch hier wieder diese wunderbare Kulisse der Dresdner Altstadt und gehe weiter in den Zwinger.

Die Brunnen versprühen schäumend weißes Wasser, erste Blumen blühen. Eine junge Frau in historischer Tracht erklärt einer Reisegruppe mit breitem sächsischem Dialekt, was der Zwinger bedeutet, und sie verpackt ihr Wissen in leicht ironische Anekdoten der damaligen Zeit. Kurz bleibe ich bei der Gruppe und ihrer interessanten Leiterin stehen, genieße ihre schelmisch vorgetragenen Geschichten, ihr Aussehen und ihren Charme.

Dresdener Zwinger

Inzwischen ist es 18.15 Uhr und das Glockenspiel im Zwinger ertönt mit einer Melodie, die ich als Unwissender in die Zeit des Barocks einordne. Mit etwa zwanzig weiteren Besuchern stehe ich da und lausche. Ein echtes Kunstwerk, dieses historische Glockenspiel.

Mir bleibt noch Zeit für einen Milchkaffee im Dresdner Frühlingsabend. Ich sitze direkt dem Zwinger gegenüber, genieße die wärmende Abendsonne und spüre den beginnenden Frühling. Die Rotbuche gegenüber steht schon in ihrer vollen Blätterpracht, während daheim in der Eifel die Bäume noch allesamt kahl sind.


Die Verabredung

Punkt 19.00 Uhr stehe ich am Eingang „F“ der Frauenkirche. Diese Seite der Kirche liegt bereits im Schatten und die Eingangstür ist verschlossen. Somit sind auch kaum Menschen hier. Ich setze mich auf die Mauer neben der Treppe und warte auf Jost Hasselhorn, den Refernten des Pfarrbüros der Stiftung Frauenkirche. Hier sind noch viele Steine verbaut worden die aus den Trümmern geborgen werden konnten. Sie sind sogar für den "kleenen" Saarländer gut zu erkennen. Im Gegensatz zu den neuen, hellen Steinen sind die Originale fast schwarz und verwittert.

Jetzt, wo die Sonne weg ist, spüre ich den kühlen April. Es ist fast 19.10 Uhr, als ich Jost Hasselhorn aus einer Gasse kommen sehe. Erstmals habe ich ihn gesehen, damals beim Dichterabend, aber ich erkenne ihn sofort. Mein Gesicht hat er höchstens mal auf unserer Website gesehen, und dennoch erkennt er mich auch auf Anhieb. Jost trägt eine braune Hose, ein braunes Hemd und während er zügig auf mich zukommt, wirkt er voller Energie. Haare und Bart sind noch wie vor einem Jahr. Wir begrüßen uns mit Handschlag und entschließen uns trotz des kühlen Abends, direkt neben der Frauenkirche draußen zu sitzen. Ich bestelle mir einen sächsischen Rotwein (wussten Sie, dass die Sachsen einen ganz hervorragenden Rotwein herstellen?) und Jost trinkt ein Weizen. Während wir auf die Getränke warten, läuft Jost schnell zum Haupteingang der Frauenkirche, um zweien seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter ein paar Flyer in die Hand zu drücken.

Der Kellner hat einen Gasstrahler unter unserem Sonnenschirm per Fernbedienung angeschaltet und schnell wird es angenehm warm unter unserem Stoffdach, nahe des Haupteingangs dieser außergewöhnlichen Kirche.

Bisher haben wir uns in unseren Mails immer mit „Sie“ angeredet. Jost wechselt gleich zum „Du“ und fragt mich, ob das O.K. ist. Natürlich ist es das. Wir tauschen unsere Befindlichkeiten aus, und schon nach kurzer Zeit sind wir gut im Gespräch, als würden wir uns schon lange persönlich kennen. Er erzählt von seiner Arbeit. Viele der Veranstaltungen in der Frauenkirche gestaltet, plant und organisiert er mit. Diese Arbeit ist nur mit ehrenamtlichen Helfern zu meistern. An Pfingsten werden mehrere Open-Air-Konzerte parallel laufen. Hinzu kommen Themenabende an unterschiedlichen Lokalitäten. Hierfür ist eine Zeltstadt für 2000 Jugendliche aufzubauen. Duschmöglichkeit und Frühstück inklusive. Jost sucht noch händeringend nach freiwilligen Helfern. Er erzählt mir, dass eine 50 Stundenwoche eher normal sei, und dennoch mache ihm die Arbeit nach wie vor unglaublichen Spaß.

Ich erzähle ihm vom erst kürzlich erlebten Hölderlinabend in der Eifel. Oliver Steller hatte mit zwei weiteren Musikern Friedrich Hölderlin vorgetragen und gesungen. Während wir da sitzen, kommt mir der Gedanke, dass Oliver Steller mit seinem Programm ganz hervorragend in die Frauenkirche passen könnte. Jost ist interessiert und ich verspreche ihm weitere Infos zuzusenden.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Als ich mich gegen 20.00 Uhr auf den Weg mache, gibt Jost mir noch einen Tipp, wo ich mich am besten hinsetze, um dem Vortrag gut folgen zu kennen. Er kennt die Kirche in- und auswendig und weiß, wo die Lautsprecher gut zu hören sind. Wir verabschieden uns und hoffen, dass dies nicht unser letztes Treffen war. Ich mag ihn, diesen bärtigen Organisator aus Dresden.

Es ist ziemlich genau 20.00 Uhr, als ich in die Kirche komme. Obwohl ich erst vor zwei Stunden staunend hier stand, bin ich erneut überwältigt. Beim Eintreten schenkt mir eine ehrenamtliche Mitarbeiterin (Jost gab ihr eben die Flyer) ihr Lächeln. Letztes Jahr beim Hesseabend war sie auch dabei und schleppte zusammen mit Jost und dem Küster (den ich irrtümlich als Priester bezeichnet hatte) Stühle herbei. Ihr „Hallo“ ist herzlich. Ja, und da steht auch der Küster. Wieder etwas pastoral gekleidet, im dunklen Anzug (oh jeh, wenn er das hier liest.......).

Jost hatte mich vorgewarnt und gesagt, dass sich die Zuhörer in der großen Kirche wohl verlieren werden. Die Unterkirche wäre der bessere Ort für diesen Vortrag gewesen. Ich gebe ihm in Gedanken Recht. Nur die vorderen acht Bankreihen der halbrunden Anordnung sind besetzt. Ich überfliege schnell die Köpfe und schätze die Zahl der Besucher auf 150 bis 170 Menschen. Erwartungsvoll sitzen wir in den Bänken und sind gespannt. Alte, Junge, Männer, Frauen, Christen, Muslime. Ein bunt gemischtes Publikum. Vor uns der wunderbare Altarbereich. Schon gerade weil das Publikum so offensichtlich heterogen ist, freue ich mich auf den Vortrag.


Der Vortrag

Ein Mann, Mitte 50, Professor, seinen Namen habe ich leider nicht verstanden, tritt nach vorne. Mit etwas leiser Stimme bereitet er den Weg für die Vortragende Islamwissenschaftlerin, Frau Prof. Dr. Gudrun Krämer. Die gelernte Historikerin hat profunde Kenntnisse des Korans, hatte unterschiedlichste wissenschaftliche Verwendungen durchlaufen, kann reichlich auf Reisen in die arabische Welt zurückblicken, und (und das empfand ich als sehr wichtig) hat die Menschen in der islamischen Welt kennen gelernt.

Die Laudatio ist beeindruckend und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, welches Überwesen gleich den Platz am Rednerpult einnehmen wird. Studium der Geschichte, Islam- und Politikwissenschaften sowie Anglistik. Promotion, Habilitation im Fach Islamwissenschaft und Politik, Professur für gegenwartsbezogene Orientwissenschaft in Hamburg, Professur für Islamwissenschaft in Bonn und derzeit Lehrstuhl für Islamwissenschaften an der Freien Universität in Berlin. Hinzu kommen Einsätze als Gastprofessorin in Kairo, Bologna, Paris und Jakarta. Dann werden noch zwei Hände voll Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Beiräten aufgezählt; national und international.

Ein dezenter Applaus geht durch die Frauenkirche, als die Frau mit der Kurzhaarfrisur und dem roten Schal um die Schultern ans Rednerpult tritt. Wie gesagt, die Haare jugendlich kurz geschnitten und ergraut. Kein Versuch, sich mit Farbe jung zu trimmen. Das macht sie echt und sympathisch. Sie trägt eine Brille und wirkt richtig frisch. Mit den ersten Worten bedankt sie sich bei ihrem Kollegen für die einleitenden Worte und entschuldigt sich im gleichen Satz, dass die Farbe ihres Schals nicht wirklich zum farblichen Ensemble des Altars passt. Ihre Stimme ist samtweich und über die Lautsprecher erreicht sie die Zuhörer problemlos. Unaufdringlich und getragen kommen ihre Worte bei mir an, der ich in der siebten Reihe sitze, wie Jost es mir geraten hat.

Schon mit ihren ersten Worten hat sie bei uns Zuhörern gewonnen. Diese eben noch so hochgelobte Wissenschaftlerin steht da vor uns und strahlt menschliche Wärme und Kompetenz aus.

„Das Thema ist zu komplex, um es mit einem Vortrag zu durchdringen. Ich werde versuchen, Ihnen das Thema „Islam“ und das Thema „Islam und Gewalt“ näher zu bringen. Dort, wo sie stehen, möchte ich sie abholen. Ich tue dies in der Hoffnung niemanden stehen zu lassen.“

Gudrun Krämer formuliert brillant. Ich schreibe bewusst ihren Namen, ohne die akademischen Titel, denn da redet keine Hochschulprofessorin, sondern eine kompetente, warmherzig wirkende Frau, ein sehr angenehmer Mensch zu uns. Das Thema „Gewalt“ schiebt sie erst einmal beiseite. Die Vorurteile scheint sie alle zu kennen. Und auch die Ängste. Sie redet über die islamische Welt, vermittelt Grundlagen. Sie erklärt uns, wie unterschiedlich der Islam selbst unter den Muslimen ausgelegt wird. Dass der Koran als das reine Wort Gottes zu sehen ist. Im Original nur in arabischer Schrift verfasst. Keine Interpretation, sondern das reine und direkte Wort Gottes. Ebenso wenig wie viele Christen die Gebete in Latein verstanden, beten sehr viele Moslems Gebete, deren Worte sie nicht verstehen, weil sie die Sprache nicht kennen. Frau Krämer macht uns deutlich, wie gewaltig groß die islamische Glaubensgemeinschaft in der Welt ist.

Eindringlich bittet sie uns zu unterscheiden zwischen Islam und Islamismus. Und der Hinweis, dass die fundamentalen Christen im Rahmen der Kreuzzüge und der Inquisition gewaltiges Leid im Namen Gottes in die Welt gebracht haben, leuchtet mir in diesem Kontext ein. Die Mehrheit der Muslime bekennt sich im Großen und Ganzen dazu, sich an islamischen Normen und Werten zu orientieren, aber sie wollen nicht unbedingt einen islamischen Staat errichten. Die, die diese Ziele lauthals verkünden, sind Fundamentalisten; Islamisten. Die Frau am Rednerpult appelliert an uns, nicht alle Menschen des Islam über einen Kamm zu scheren.

Frau Prof. Dr. Krämer widmet sich unter anderem dem „Jihad“. Mit meinen kleinen Vorurteilen bedeutete für mich „Jihad“ immer nur „Heiliger Krieg“. Die Islamwissenschaftlerin erläutert uns, dass mit dem Jihad der „direkte Weg zu Gott“ gemeint sei. Ja, auf diesem Weg kann es für den bedrohten Moslem notwendig sein, den Weg mit dem Schwert in der Hand zu gehen. Und während sie das sagt, wendet sie sich zum Altar um und sagt uns, dass uns Christen dieser Gedanke nicht einmal in den Gotteshäusern fremd ist. In der Tat sind mehrere Waffen in das biblische Altarbild eingebaut.

„Jihad ist der Weg zu Gott. Und dieser Weg ist kein schmaler Grat! Es ist ein breiter Weg, der den Menschen Spielraum lässt.“ Und auch wenn im Namen Mohameds gekämpft wurde, so wurden kirchliche Würdenträger, Pater und Nonnen verschont. Auch Nichtkombattanten. „Verträge werden eingehalten!“, dies sei ein hohes Gebot im islamischen Selbstverständnis.

Ich bin zunehmend erstaunt. Trotz meiner Weltoffenheit und meiner Toleranz bin ich voller Vorurteile. Über die Welt des Islam weiß ich fast nichts. Die Terroranschläge vom 11.September, das Schreckensregime der Taliban in Afghanistan, haben meinen Blick getrübt. Und dabei habe ich in Ostanatolien und in Bosnien die muslimische Gastfreundschaft so sehr kennen und schätzen gelernt.

Um meine Gedanken zu sortieren, bleibt mir keine Zeit. Gudrun Krämer lässt jetzt nicht locker. Sie hat uns fest im Griff, und mit ihrer sanften und eindringlichen Stimme teilt sie uns mit, dass die islamische Gewalt, die Terrorgefahr, in den Ländern des Islam sehr kontrovers diskutiert wird. Nicht in unserer Sprache und nicht in Englisch. Deshalb erschließt sich uns die Diskussion kaum. Aber sie findet statt. Und sie gibt uns zu bedenken, dass bei fast ausnahmslos allen Terroranschlägen überwiegend Mulime ihr Leben lassen. Den 11. September bittet Frau Krämer bei diesem Vergleich nicht mit hinzuzuziehen; dies sei als abscheuliche Besonderheit eines Terroranschlages nicht mit den im Namen des Jihad fehlgeleiteten Selbstmordattentätern vergleichbar. Und auch das Thema Afghanistan sei im Zusammenhang des heutigen Themenabends als Sonderfall zu betrachten.

Frau Krämer bringt uns den Begriff „Sitzen bleiben“ näher. Auch wenn immer wieder zum heiligen Krieg aufgerufen wurde, so hat sich die überwältigende Mehrheit der islamischen Welt nicht daran beteiligt. Dies wird als „sitzen bleiben“ bezeichnet. Politische Führer, die islamischen Fürsten, das Bürgertum und normale Durchschnittsmenschen verstehen sich als friedfertig in ihrem Glauben an Gott. Sie sind nicht so einfach und leicht manipulierbar, wie wir es vielleicht glauben.

Die terroristische Gewalt im Islam darf nicht schöngeredet werden und auch nicht verschwiegen werden. Aber sie darf uns auch nicht den Blick auf die überwältigende Mehrheit friedfertiger Muslime verklären.

Die Professorin ließ auch das Thema zum Rollenverhältnis Mann und Frau im Islam nicht außen vor. Dieses Thema sei ebenso abendfüllend wie das heutige und deshalb in diese Veranstaltung zeitlich nicht einzubauen. „Aber es ist ein ganz großes Thema. Hier haben wir besonders große Verständnisprobleme. Auch ich!“, sagt sie und wirkt auch dabei sehr glaubwürdig.

Nach ihrem Vortrag folgte eine lange und interessante Diskussion. Die Islamwissenschaftlerin machte den Lobesworten zum Eingang alle Ehre. Allen Fragen, allen Einwürfen stellte sie sich ruhig und mit enormem Sachverstand. Sie zitierte frei aus dem Koran (in arabisch und übersetzt in deutsch). Als ein sich an der Diskussion Beteiligender ihr offensichtlich das Wort im Mund verdrehen will, kontert sie mit samtweicher Stimme: „Ich bedaure sehr, dass ich meine Worte so ungeschickt gewählt habe, dass Sie mich missverstehen konnten.“ Diese Frau ist echt der Hammer!

Für mich war der Abend in der Frauenkirche eine echte Bereicherung. Frau Prof. Dr. Krämer hat mir freundlich und ohne erhopbenen Zeigefinger aufgezeigt, dass ich voll von kleinen und unfairen Vorurteilen bin. Ich habe erkannt, wie wenig ich vom Islam und den Menschen dieser Glaubensgemeinschaft weiß. Die Islamwissenschaftlerin von der Freien Universität Berlin hat an diesem Abend in Dresden meinen Horizont erweitert. Dafür bin ich dankbar.


Nachsatz:

Als ich anfing meinen Bericht zu schreiben, wurde mir klar, dass ich inhaltlich ein heißes Eisen anfasse. So schickte ich eine Mail an die Freie Universität nach Berlin an Frau Krämer und bat sie, mir ihr Skript zuzusenden, damit ich keinen inhaltlichen Unsinn schreibe. Erwartete ich eine Antwort? Ehrlich gesagt:“Nein!“, denn wo käme sie hin, wenn ein jeder sie anschriebe und sie ihre persönlichen Unterlagen verschicken sollte? Und vor allem kann man ja wunderbar schnell aus dem Zusammenhang heraus falsch zitiert werden.

Nach einer Woche hatte ich Post von Frau Prof. Dr. Gudrun Krämer. Sie hatte mir in der Tat geantwortet und mir ihren Vortrag zugesandt. Ich bedanke mich herzlich dafür.

Allerdings wurde mir beim Lesen klar, dass ich als absoluter Nichtkenner tunlichst die Finger vom Thema „Islam“ und „Islam und Gewalt“ lassen sollte. In meinem Bericht über den Abend in Dresden habe ich inhaltlich das wieder gegeben, was ich am besagten Abend glaube gehört zu haben. Im Skript von Frau Prof. Dr. Krämer habe ich nachgelesen, um grobe Fehler zu vermeiden. Und beim Lesen wurde ich neugierig. Ich habe die weltgrößte Suchmaschine mit den Begriffen „Prof. Dr. Krämer“, „Islamwissenschaften“ etc. gefüttert und unglaublich viele Treffer gelandet. Die Wissenschaftlerin hat reichlich publiziert und vorgetragen. Es ist viel über sie zu finden und zu lesen. Ich schreibe dies in der Hoffnung, durch meinen kleinen Bericht Ihr Interesse geweckt zu haben, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Vielleicht hilft es uns, das ein oder andere Vorurteil zu überdenken. Und vielleicht macht das den Umgang mit andersgläubigen Menschen einfacher und freundlicher. Dann hätten wir alle etwas gewonnen!

"Ach ja".......: Sollten Sie die Chance haben, einem Vortrag von Frau Prof. Dr. Gedrun Krämer beiwohnen zu dürfen, so rate ich Ihnen: Nehmen Sie die Chance wahr!

Hier noch einige Links, die ich fand.

http://www.spjm.de/Vortrag-von-Prof-Dr-Gudrun-K.35.0.html

http://www.daimler-benz-stiftung.de/home/events/lecture/all/bbv20_kraemer.pdf

http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/islamwiss/mitarbeiterinnen/professorinnen/kraemer/index.html

Und noch ein Buch, das kostenfrei über das Bundesministerium des Inneren bezogen werden kann. Titel „Islamismus“. Zu beziehen über „Texte zur inneren Sicherheit“ beim BMI http://www.bmi.bund.de

Und noch ein "Achja"......: Danke an Marion, Sandra und Karl-Heinz fürs Korrekturlesen.

Image

Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!