Drachenboottrommler
Drachenboottrommler
Brauchen Geschichten Vorgeschichten, um sie verständlich zu machen, sind sie normalerweise nicht Wert erzählt zu werden, oder sie sind schlecht erzählt.....
Und dennoch greife ich zur Vorerklärung. Ich möchte sicher gehen, dass diese Geschichte beim Erzählen so wirkt, wie ich sie erlebt habe. Dazu bedarf es aber eines kleinen Backgrounds!
Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Als sich 1968 die Welt in unserer Demokratie veränderte, zogen neben den politisch motivierten Studenten und Intellektuellen auch bunte Gestalten durch unsere Landen. Die bis heute Hippies genannten Blumenkinder wurden in der kleinen Provinzstadt Merzig einfach nur Gammler genannt. Wie wurde die Welt unserer Eltern und Großeltern fundamental erschüttert!
Sie ließen sich die Haare wachsen, lagen auf Luftmatratzen am Seffersbach, tranken, rauchten und sangen. Arbeit? Nee danke. Leben war angesagt. Ihre Art von Leben. Sex, Drugs an Rock ’n’ Roll. Ein neu entdecktes Lebensgefühl.
Bis auf die Tatsache, dass die Obrigkeit belächelt und ignoriert wurde, dass eine feste Arbeit als Versklavung empfunden - und allgemeine gesellschaftliche Erwartungen belächelt wurden, waren diese Gammler unpolitisch, friedfertig und irgendwie sogar liebenswürdig.
Einer von ihnen war Battis. Ein Bild von einem Mann. Seine naturgelockten Haare hatte er sich wachsen lassen und er sah mit seinem braunen Teint und dem Lockenkopf aus, wie die saarländische Antwort auf Jimmy Hendrix. Battis und co. verkifften die Tage, belachten die Konformitäten und wussten alles zu feiern. Sogar den Geburtstag von Herrn Strökers Hund.
Ein echter Skandal für die Erwachsenen, die den Krieg miterlebt und noch in den Knochen hatten; die im Hunger der Nachkriegsjahre gelitten hatten, die trotz allem Grauen den Glauben an die Obrigkeit nie ganz verloren hatten und gerade jetzt im Wirtschaftswunder erste Luxusgüter erwarben. „Wie können diese Faulenzer alles in Frage stellen? Das wird kein gutes Ende nehmen!", mahnten sie uns.
So sehr sich unsere Eltern und Großeltern über diese arbeitsscheuen Gammler echovierten, für uns in die Pubertät kommenden Nachwüchsigen waren Battis und co. Kultfiguren.
Vieles hat sich seither verändert. Einige der damaligen Gammler sind inzwischen tot. Zu viele Drogen, zu viel Alkohol. Zu viel Leben? Einer jedoch hat die wilde Zeit gut überlebt. Battis' Haare sind heute schneeweiß, noch immer naturgelockt. Seine Haut wenig faltig, bis auf die vielen Lachfalten um seine lustigen Augen, ist noch immer so sonnengebräunt, als täte er nichts anderes, als die lichten Momente unter Gottes großem Zelt zu genießen. Seine anarchistische Grundhaltung hat er bis heute bei behalten. Sehr spät begann er einer regelmäßigen Arbeit nach zu gehen. Heute ist er im Altenheim angestellt und obwohl er keine Ausbildung zum Altenpfleger hat, gilt er als der Mensch mit der empathischsten Fähigkeit. Die alten Leute lieben ihn. Bestimmt sind viele seiner Kandidaten alte Kritiker von ihm. Heute profitieren sie von seiner Menschlichkeit, seiner Wärme und seiner unbeschreiblichen Leichtigkeit des Seins. Battis ist ein liebenswertes Stück Merzig.
Ihr Völker der Welt.......
Für mich und all die anderen, die in Merzig aufgewachsen sind, ist diese Kleinstadt ganz im Südwesten der Republik der Nabel der Welt! Egal wo auf dieser weiten Welt, es kann nur weniger schön sein!
Dieser heimatverbundene Gedanke wurde von den verantwortlichen Kommunalpolitikern aufgegriffen und das Segel Tourismus wurde auf dem Kleinstadtschiff gehisst.
Ein Punkt der großen Eventliste sind die jährlichen Drachenbootrennen. Da finden sich Gruppen von Menschen zusammen, die sich paddelnd in schmalen Booten über die Saar quälen und sich dabei mit anderen Vereinen oder Interessengemeinschaften messen. Es soll ein Heidenspaß sein. So wurde in diesem Jahr nachfolgende Pressemitteilung veröffentlicht:
Hafenfestival Merzig
21. - 22. Juni 2008
Auf der Saar in Merzig findet das größte Drachenboot-Rennen des Saarlandes statt. Ca. 100 Drachenboot-Mannschaften kämpfen in den Klassen Fun, Fun-Fun und Fun-Sport um den 1. Platz.
Merzig baut seit Jahren darauf, touristisch attraktiv zu wirken und Menschen aller Herrenländer anzuziehen und zu verzaubern.
Ja, Merzig ist wirklich eine Reise wert und bietet dem Besucher reichhaltig Angebote zur Entspannung und Freude. Aber so mancher Merziger hat auch den Eindruck, dass die Stadt sich ein wenig prostituiert. Das soll ein anderes Thema sein.
Fassen wir zusammen: Merzig ist eine idyllische Kleinstadt im Südwesten von Deutschland, die Stadt liegt an der Saar, hat viel zu bieten, buhlt um die Gunst seiner Besucher und eines der Themen sind die Drachenbootrennen. Daneben lohnt es sich den Wolfspark zu besuchen, die gotische Kirche St. Peter, das Naturbad Heilborn, den Garten der Sinne, den Wolfsweg, die nahgelegene Saarschleife und und und. Sie sehen, obwohl ich schon lange nicht mehr in Merzig lebe, schlägt mein Herz saarländisch und das Erzählen über meine Stadt erfüllt mich mit Stolz.
Regelmäßig fahren wir „nach Hause" und sind quasi Touristen erster Klasse. So auch am letzten Wochenende.......
Wir haben es uns abgewöhnt, uns mit alten Freunden zu verabreden, wenn wir nach Merzig fahren. Nur die Familien werden informiert, dass wir wieder für ein Wochenende einfallen werden. Alles andere überlassen wir dem Zufall. So gehen wir abends los und stürzen uns ins wilde Merziger Nachtleben. Noch nie gingen wir gelangweilt nach Hause. Irgendwo treffen wir immer irgendjemanden und verbringen interessante Abende miteinander. Spontan, ungeplant und ungehindert. Herzlich.
Gegen 20.00 Uhr machen wir uns am Samstagabend auf den Weg in die Stadt. Eigentlich ist die Villa Fuchs unser Ziel, aber wir wollen noch einen kurzen Blick in den Kleinen König werfen, weil wir hoffen unseren Freund und Theker Schampes zu treffen. Wir sind zu spät, denn Schampes hat seine Schicht heute bereits beendet und hat sich vom Acker gemacht.
Dafür sitzt eine Runde altbekannter Gesichter unter der Markise vor der Kneipe. Micha K. und seine Frau, Micha Rauch und seine Petra. Ursula, die Exfrau von Herbert. Und Battis. Wir werden herzlich begrüßt, alle rücken zusammen und schnell finden wir uns wieder in dieser Runde lockerer Menschen unter einer Markise vorm Kleinen König. So, als wohnten wir noch in Merzig und wären nie weg gewesen. Das Wetter war den ganzen Tag über mild, leicht windig. Ein trockener, durchwachsener Sommertag. Jetzt, gerade als wir uns zu unseren alten Freunden an den Tisch setzen, geht eine dicke Schauer über Merzig hernieder und wir alle rücken noch ein Stück näher beisammen. Trotz Regen albern wir rum und lachen viel. Battis ist heute enorm gut drauf. Schon auf dem Weg in die Stadt hatte er eine Zigarette geraucht und wurde vorm Väterchen Franz genötigt ein kühles Bier und einen Ricard zu trinken. So sitzt er jetzt schon länger vorm Kleinen König und strahlt selige Zufriedenheit und gute Laune aus. Battis erzählt seine Geschichten mit einer solchen Unbefangenheit und Leichtigkeit, dass es pure Freude ist, ihm zuzuhören. Kaum beginnt er zu reden, kleben alle an seinen Lippen....
Dieser Rhythmus.......
Die letzten Tropfen des Regenschauers klatschen auf die nasse Markise. Micha K. staunt über den feinen Wasserstaub, der jetzt durch den Stoff hindurch rieselt. Aber der Himmel ist schon wieder blau und ein lauer Sommerabend verspricht lang zu werden. Keine Gedanken mehr an die Villa Fuchs. Dann eben beim nächsten mal.
Wir prosten uns zu und freuen uns, in dieser schönen Runde beisammen zu sein. Battis schmunzelt vor sich hin, dreht sich erneut eine Zigarette, betrachtet seine Bierflasche, als sei sie etwas ganz besonderes, trinkt genüsslich und als er die Flasche wieder auf den Tisch stellt, drückt der ganze Mensch Wohlwollen aus. Nun zündet er sich seine Zigarette an, zieht daran, inhaliert tief, verharrt einen Moment und atmet den Rauch lang und ruhig aus.
Ansatzlos beginnt er zu erzählen: „Da hat doch irgend so ein Weltmeister einem geistig und sozial Minderbemittelten ein Trommelchen geschenkt."
Die Stimmen an unserem Tisch und an den Nachbartischen verstummen. Ja, so könnte eine gute Geschichte beginnen. Battis sitzt neben mir, lächelt vor sich hin und erzählt weiter, ohne jemanden anzusehen.
„Den gaaanzen lieben langen Tag kloppt dieser Spinner auf der verdammten Trommel rum. Bum – Bum – Bum. Glaub' bloß nicht, dass der mal müde wird. Der muss Arme wie ein Preisboxer haben." Er schüttelt still vor sich hin den Kopf, zieht an seiner Zigarette, lächelt wieder still in sich hinein und fügt hinzu: „Aber weniger Hirn als die Raben da oben auf der Leitung." Dabei schaut er nach oben, und prostet den beiden Rabenkrähen zu, die dort auf der Überlandleitung sitzen.
„Ich kann Euch sagen, gegen Abend ist mir fast der Kamm geschwollen. Bum –bum – bum. Immer und immer wieder. Da bin ich los gelatscht ins Väterchen Franz und habe mich bei ein paar kühlen Bierchen beruhigt. Als ich meine Geschichte vom irgendwie benachbarten Trommler erzählte, lachten die Blödmänner an der Theke los. Kein Minderbemittelter scheint da zu trommeln. Nee, nee. Das sind die Spezialisten, die für das Drachenbootrennen trainieren. Da scheint auf jedem Boot ein Gladiator zu stehen, der den Sklaven mit seiner Trommel den Rhythmus vorgibt. Und ich dachte, wir leben im Zeitalter der aufgeklärten Motorbootfahrer. Na ja, Masochismus scheint viele Gesichter zu haben."
Wieder zieht er an seiner Zigarette, trinkt vom kühlen Bier und alle um den Tisch herum lauern auf die Fortsetzung der Trommlergeschichte.
„Da bin ich mal am nächsten Tag an die Saar gegangen und habe mir das Spielchen angeschaut. Wie die Irren paddeln die da die Saar rauf und runter. Schwitzen wie die Blöden und in jedem Boot ein Irrer, der mit der Trommel den Takt angibt. Bum – bum - -bum. Immer und immer wieder. Da wirste echt blöd im Kopp. Also bin ich mal hin zur Anlegestelle und habe gewartet, bis das erste verschwitzte Team anlegte. Die sahen mich an, als wollte ich ein Autogramm. Da habe ich den Trommler angesprochen: Na, Meister, alles klar bei Dir?"
Dabei schüttelte er seinen weißgrauen Lockenkopf, und machte mit der flachen Hand eine Scheibenwischerbewegung vor seinen Augen. Wir konnten uns alle vorstellen, wie der zornige Battis da am Anleger stand und das Unverständnis des Drachenbootteams beschwor.
„Den ganzen Tag, von moooorgens bis aaaabends hören wir diese bescheuerte Trommel. Bum – bum – bum. Immer und immer wieder. Fahrt doch mal ein paar Kilometer weiter Flussabwärts an der Saarschleife. Da ist Naturschutzgebiet. Ich bin mir absolut sicher, dass sofort der B-U-N-D kommt und Euch wortlos aus Euren Weltmeisterbooten heraus zieht. Aber Ihr fahrt immer schön hier an der Innenstadt entlang. Was keiner den armen Kormoranen zumutet, dürfen die doofen Merziger tagein tagaus ertragen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich der einzige Blödmann von 30 000 Merzigern bin, dem Ihr dermaßen auf den Sack geht."
Jetzt hat er sich in Rage geredet. Sein Gesicht hat eine sehr gesunde rote Farbe angenommen und seine Stimme ist problemlos für alle zu hören. Die später hinzu gekommene Hanne mischt sich ein. „Sag mal, ich wohne auf der anderen Saarseite. Ich habe die noch nie gehört..."
Battis sieht sie mitleidig an: „Na Hanne, Du bist ja auch taub, wie keiner. Du zählst nicht." Hannes Gesicht bekommt rote Farbe und sie relativiert: „Ja, da ist ja auch ein Wald zwischen Meiner Wohnung und der Saar." „Ja, so siehst Du aus, als wenn Du hinterm Wald wohnst!", sagt Battis und widmet sich jetzt wieder dem imaginären Trommler.
„Fahrt doch mal in die andere Richtung." Battis redet nun, als stünde der Trommler des Drachenbootes mitten auf dem Tisch. Auf der Anklagebank; oder besser auf dem Anklagetisch. „Fahrt flussauf nach Fremersdorf. Vielleicht finden die Euer Getrommel gut. Vielleicht sind die echt froh mit Euch? Ich würde Euch den Fremersdorfern gönnen. Nur wir!, wir haben die Schnauze gestrichen voll."
Alle sitzen rund um den Tisch und haben inzwischen Tränen in den Augen. Wahrscheinlich hat sich bisher noch nie irgendjemand über die trommelnden Boote Gedanken gemacht. Aber Battis, der sich in seiner Tagesruhe gestört fühlt, redet, als verkünde er ein Bürgerbegehren.
Dann sieht er mich an und sagt: „Weißt Du Micha, ich glaube, das hat den Typen überhaupt nicht interessiert. Der sah mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Und glaub bloß nicht, dass sich was geändert hat. Die fahren und trommeln weiter. Immer und immer weiter. Bum -bum – bum. Jetzt kaufe ich mir eine Trommel."
Er sitzt da, grinst, wie ein Honigkuchenpferd.
„Eine schöne dicke Trommel. Und dann stelle ich mich an die Saar und bringe die Drachenboote aus dem Rhythmus. Vielleicht steigen sie dann um auf Handzeichen. Die schauen doch sowieso diesen trommelnden Weltmeister an. Da kann er doch genauso gut winken!"
Dabei hat er die Hand gehoben, und im drei Sekundentakt geht die erhobene Hand immer vor und zurück.
„Hör mir doch einer off, mit dem Theater. Drachenboot fahren.... Die spinnen doch total! Die sollen sich ne schöne Tüte drehen und mit ihren Drachen in den Saarwiesen vergnügen. Aber doch net so ne Kacke!"
Und bei den letzten Worten steht er auf, zieht an der Zigarette, sieht erstaunt in die vom Lachen tränennassen Gesichter und fragt:
„Was ist denn mit Euch los? Hab ich was verpasst? Ich glaub' ich geh' mal pinkeln."
Alle lachen lauthals los und ein kopfschüttelnder Battis verschwindet durch die Kneipentür zum Klo.
Unglaublich, dieser Altgammler wird nie von dieser Welt sein, und nie in unseren Bahnen denken. Gottlob!
Noch auf dem Nachhauseweg lachen wir über die Drachenboottrommler. Es war mal wieder ein wunderbarer saarländischer Abend.
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