Barbara vom Ritterfeld

Barbara vom Ritterfeld
(vielleicht heißt sie ja auch Conny?)

Wo der Osten im Westen liegt

„Im Osten geht die Sonne auf, im Süden steigt sie hoch hinauf, im Westen will sie untergeh`n, im Norden ist sie nie zu sehn.“ (Alter Kinderreim)

Noch vor einem Jahr war Kladow eines von vielen spanischen Dörfern für mich. Nie zuvor habe ich davon gehört. Und heute? Da habe ich so ein bißchen mein Herz dahin verloren.

Kladow ist eine Kleinstadt am Stadtrand von Berlin. Zum Bezirk Spandau gehörend. Zu Zeiten der innerdeutschen Teilung war Kladow die letzte westliche Bastion vor Potsdam. Zwei große britische Kasernen und ein britischer Militärflughafen dominierten das 12000 Seelenstädtchen. Kurz vorm eisernen Vorhang lag die zweite Kaserne der tapferen Briten, und das Kasino der Offiziere war fast an die Mauer angelehnt. Gerade mal so, als wollten die Gardisten ihrer Majestät den Kommunisten als lebendigen Beweis ihrer Verachtung ungetrübte Freude durchs Kasinoleben zeigen.

Im Sommer des Jahres 2008 habe ich zweimal dort übernachtet, und obschon die Briten wieder lange Jahre daheim auf ihrer Insel sind, konnte ich im altehrwürdigen Gebäude den Atem der deutschen Geschichte spüren. Alles ist noch so wie damals. Alte Erinnerungsfotos in den Fluren, schwere Teppiche auf den Böden, britische Kriegshelden allerorts.

Havel im Abendlicht

Und was gibt es noch zu diesem Kladow zu sagen? Zwischen Potsdam und Spandau liegt die kleine Stadt. Viel Wald gibt es hier. Und noch mehr Wasser. Auf der einen Seite fließt die Havel vorbei und ufert aus in den Großen Wannsee. Vom Kladower Hafen sieht man direkt gegenüber, zum Greifen nah, das Strandbad Wannsee. Auf der anderen Seite wird Kladow von zwei wunderschönen Seen eingefasst. Der Sarcrower See blieb den Kladowern zu Ost-West Zeiten im Wald hinterm eisernen Vorhang verborgen. Ein echtes Paradies, 10 Km lang misst der Umfang dieses bis zum Ufer mit alten Eichen eingerahmten Sees, dessen Wasserqualität nachweislich sehr gut ist und in dem sich ein großer Fischbestand tummelt. Schwimmen ist überall erlaubt. Der direkt daneben liegende Glienecker See war Grenzsee. Der innerdeutsche Unsinn verlief mitten durch den See. Die beiden Inseln in der Mitte des Sees war beliebtes Ziel wagemutiger Westschwimmer. Immer wieder mahnte der Osten diese leichtbekleideten Grenzverletzungen an. Den Berlinern war es ein beliebter Freizeitsport; den sozialistischen DDR-Grenzern ein imperialistischer Dorn im systemtreuen Auge.

Kladow ist heute quasi eine grüne Lunge am Berliner Stadtrand und gleichzeitig das Tor zum Osten. Über eine schmale Straße, Teil des Berliner Mauerwegs, fährt man durch einen wunderschönen alten Eichenbaumbestand rechts der hier majestätisch fließenden Havel in die ehemalige DDR. Schon nach drei Kilometern gelangt man nach Sacrow. Ein idyllisch verträumtes Ostdorf auf dem schmalen Landstrich zwischen Havel und Sacrower See. Der kleine Ort besteht nur aus wenigen Häusern, die alle zu den Ufern des Sarcrower Sees oder zur Havel hin gebaut sind. Die kleinen Häuser haben am Ende ihrer Gärten meist den unmittelbaren Zugang zum Wasser.

Direkt am Havelufer steht die Heilandskiche. Diese Kirche war die Hauskirche von Friedrich dem III., der sich jeden Sonntagmorgen von Potsdam aus zum Gottesdienst rudern ließ. Schinkel, der die preußische Architektur so sehr prägte, hatte sie erbaut, diese Kirche der Sarcrower am Havelufer. Ein echtes Schmuckstück!

Und damit der Wahnsinn perfekt war, ging die innerdeutsche Grenze direkt an den Kirchenmauern vorbei. 40 lange Jahre durften die Sarcrower ihr Gotteshaus nicht betreten. Russische Soldaten zerstörten wertvolle Apostelfiguren und nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war. 40 Jahre unsinniger Zerfall. Jetzt, 18 Jahre nach der Vereinigung, ist die Kirche aufwendig restauriert; nur noch die Orgel fehlt, und dafür wird fleißig gesammelt.

Die Straße weiter gefahren, ist man fünf Minuten später in Potsdam. Kladow war damals wirklich ein Ort zwischen den Welten und ist noch heute ein Tor zwischen Ost und West.

Und warum liegt in Kladow der Osten im Westen? Wo heute im Westen die dicht befahrene B2 als Verbindungsachse zwischen Potsdam und Spandau nur zwei Kilometer von Kladow entfernt verläuft, war damals die Grenze zur DDR. Die Kladower sagen heute noch liebevoll mit ihrer ironischen Berliner Kodderschnauze „Dunkeldeutschland“ zu diesem Teil Deutschlands. Da gab es kein Licht, da war der Todesstreifen. Da war das Nichts.

Und da stehe ich im Oktober 2008 am Stadtrand von Kladow und sehe eine dicke orangerote Sonne im Westen untergehen. Dort im Westen war der Osten. Ja, in Kladow liegt der Westen im Osten.

Die blonde EM-Barbara, das Mühlenbaguette und die Leberwurst aus Pommern

Wer in Kladow lebt, kann sich als Teilhaber eines noch bestehen Paradieses bezeichnen. Die Kleinstadt am Wasser und im Wald hat Charme. Wer Ruhe sucht, findet sie hier. Wer Wasser sucht, findet es hier. Wer Kultur sucht, findet sie innerhalb kürzester Zeit sowohl in Berlin, als auch in Potsdam. Kladow ist ein ruhender Pol direkt am Herzen Deutschlands größter Metropole. Habe ich schon erwähnt, dass Klaus Hoffmann hier lebt? Nicht er war der Grund, warum ich mich so sehr in dieses kleine Paradies verguckt habe, aber es ist mir ein schöner Gedanke, dass der Mann, der mich schon seit 30 Jahren mit seinen Chansons und Texten immer wieder tief in der Seele berührt, ebenfalls hier sein Glück gefunden hat.

Die Straße, die von Sacrow aus über Kladow direkt nach Spandau führt, heißt in Kladow Sakrower Landstraße. Und an der Sakrower Landstraße liegt die Ritterfeld Landbäckerei.

Im Sommer fuhr ich morgens recht früh auf der Suche nach was Essbarem über den Ritterfelddamm in die Sakrower Landstraße und sah die schmucke Landbäckerei. Ich hielt an, ging rein und sah sie. Würde ich nicht in geordneten Verhältnissen leben, wäre es „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen. Nein, sie ist keine dieser Modepuppen. „Eine Schönheit ist sie nicht“, würde Klaus Hoffmann singen. Hat sie ihn inspiriert, als er diesen Song schrieb? Sie ist in meinem Alter, vielleicht ein paar Jahre jünger. Nicht dick, nicht dünn. Die blonden Haare fast schulterlang. Und die Augen blau. Fast wie ein Meer so blau, so blau. Ein Lächeln, das Tote zum Leben erweckt. Sie ist bezaubernd.

Da stand ich nun vor der Theke und die Augen ließen mich im blauen Meer versinken. „Wat kann ick für Sie tun?“ Mein Gott, wäre ich in diesem Moment ehrlich gewesen, dann hätte sie bestimmt die Polizei gerufen. Ich versuchte mich ihrem Blick zu entziehen und suchte krampfhaft nach den kleinen Schildern in der Auslage, die all die wohlduftenden Waren beschrieben.

„Ähem…., zwei Mühlenbaguette (damals wußte ich noch nicht, was mich erwartete), zwei Croissants und ein paar Schrippen. „Wer soll das denn alles essen?“, dachte ich im gleichen Augenblick, aber ich hatte die Situation gerettet. Es war dieser Sonntagmorgen, als ich im Kasino der alten Britenkaserne genächtigt hatte. Schnell zahlte ich und die blonde Kuchenbäckerin wünschte mir einen schönen Tag. Als ich draußen stand, schnappte ich wieder nach Luft. Ihr Lächeln konnte ich durch die Glastür im meinem Rücken spüren. „Nur nicht umschauen!“, dachte ich, drehte den Kopf und sie hob die Hand, schickte mir einen wortlos freundlichen Gruß hinterher. Und einen Blick, den ich nicht vergessen will. Das wars. Vorerst.

Später, als ich endlich wieder bei Sinnen war, machte ich mich über die Tüte her. Ich sah mir an, was ich in Verlegenheit gekauft hatte. Bei einem Milchkaffee probierte ich dieses kleine, dunkle Baguettebrötchen. Wie hieß es gleich nochmal? „Mühlenbaguette“, fiel mir der Name wieder ein. In Gedanken wieder bei der blonden Kuchenbäckerin, war ich überrascht vom Geschmack. Dieses kleine Baguette schien aus Sauerteig zu sein, war knusprig gebacken, hatte ein paar Körner in sich versteckt und schmeckte wunderbar. In meiner Verlegenheit hatte ich also einen kulinarischen Glücksgriff gemacht.

Gegen Mittag führte mich mein Weg wieder am Ritterfelddamm vorbei, und weil ich wieder zurück nach Dresden musste, wollte ich mir noch etwas von diesen tollen Backwaren mitnehmen. Vielleicht wollte ich auch noch einen Blick in die blauen Augen werfen? Aber ich hatte Pech. Die Ritterfeld Landbäckerei hatte ihre Tore bereits verschlossen und die Unbeschreibliche war wohl inzwischen wieder am heimischen Herd; keinen Gedanken an den Saarländer, der am Morgen vertölpelt vor ihr stand.

Wochen später sind wir wieder in Kladow. Meine Frau und ich wollen uns diesen Ostzauber erradeln und die reichhaltige Kultur nutzend, unseren Horizont erweitern. Wir beziehen eine schmucke Ferienwohnung im Wossidloweg. Was für eine Ruhe! Da dachten wir, wir leben in der Provinz und kennen Beschaulichkeit. Nee, hier sind es die Vögel, die so klar und deutlich singen, dass es am frühen Morgen laut erscheint. Kein Auto, keine Maschinen, kein Zug; nichts! Und das am Berliner Stadtrand.

Schon am ersten Morgen mache ich mich mit dem Rad auf den Weg zur Sakrower Landstraße. Meine Frau bereitet das Frühstück vor und ich habe die Pflicht, frische Backwaren auf den Tisch zu zaubern. So radle ich den Krampnitzweg hoch zur Sakrower Landstraße und steuere die Landbäckerei an.

Ich erinnere mich gut; als ich noch ein Junge war, schlug mein Herz für Michaela Schäfer. Manchmal wäre ich am liebsten schon nachts zur Bushaltestelle gegangen um auf sie zu warten. Sie kam immer kurz bevor der Bus kam. Mein Puls schlug schnell und hoch. Dann kam sie angehuscht, schenkte mir manchmal ein schnelles Lächeln und sie zwinkerte betörend mit den Augen. Michaela war meine erste große Liebe. Sie hat es nie erfahren. Als wir 14 waren zog sie mit ihrer Familie weg. Jahre später hörte ich, dass sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist.

Während ich jetzt zur Bäckerei fahre und auf meine blonde, noch namenlose Kuchenbäckerin hoffe, da erinnert mich mein Puls an die Zeiten an der Bushaltestelle meiner Kindheit. Ich stelle mein Rad ab, verschließe das Schloss und betrete das kleine Backwarenparadies an der Sakrower Landstraße. Die blauen Augen scheinen mich zu erkennen. Oder lächelt sie allen Kunden so zu? Eben noch habe ich mir immer wieder durch den Kopf gehen lassen, was ich kaufen will und jetzt stehe ich schon wieder da und weiß nicht, was ich will.

„Drei Mühlenbaguettes, zwei Baguettebrötchen, zwei Schrippen und drei Tessiner.“ Die Blonde lächelt mich an und sagt: „Tessiner haben wir jetzt nicht.“ Ich schaue aufs Schild und die dazugehörigen Kreuzbrötchen. Will sie mich verarschen? „Aber das sind doch…..“ Ihr Lächeln wird noch breiter: „Die heeßen jetzt EM-Brötchen.“ Ich stehe mal so richtig auf dem Schlauch. Bis mir klar wird, dass es sich wohl um einen Werbegag der Bäckerei handelt. Immerhin läuft gerade die Fußballeuropameisterschaft. Da mischt sich ihre Kollegin ein und sagt zu ihr: “Na Du heißt ja auch nicht "EM-Barbara", nur weil da alle so nem blöden Ball hinterher laufen. Nu gib ihm schon seine Tessiner.“

Das Geheimnis war gelüftet. Meine blondhaarige, blauäugige germanische Kuchenbäckerin heißt Barbara (oder war es doch Conny?). Sie lächelt vor sich hin, als sie mir meine was weiß ich für Brötchen einpackt. Lächelnd fahre ich mit meiner Tüte Backwaren zu unserer Ferienwohnung und freue mich auf ein Frühstück auf der Sonnenterrasse.

Während wir frühstücken erzähle ich meiner Frau von der unglaublichen "EM-Barbara". Meine Frau schüttelt den Kopf über ihren großen Kindskopf und dann genießen wir das Frühstück. Vor lauter Gedanken an die blonde Kuchenbäckerin habe ich fast schon vergessen, was für ein Genuss diese Mühlenbaguettes sind. Schlank, braun, knackig. Dieser unverwechselbare Sauerteiggeschmack. Es sind kleine Sambatänzerinnen, die nichts anderes im Sinn haben, als sich mir hin zu geben. Noch nie zuvor habe ich solch feine Brötchen gegessen.

Zwei Wochen blieben wir in diesem Sommer in Kladow. Wir waren ständig „on Tour“. Auf den Spuren der Preußen gibt es viel zu sehen in der Märkischen Heide. Und auch Berlin kann man gar nicht oft genug bereisen. Jeden und jeden Morgen fuhr ich mit frohem Herzen zur Ritterfeld Landbäckerei. Und fast jeden Morgen bediente mich die bezaubernde Barbara-Conny. Wenn ich draußen auf mein Rad stieg, dann schenkte sie mir immer einen lächelnden Blick hinter ihrer Theke hervor und immer hob sie fast schon schüchtern ihre Hand zum freundlichen Gruß. Als die zwei Wochen vorbei waren, war erst mal Schluss mit den Mühlenbaguettes. Und auch Schluss mit Conny. Meine Frau lächelte und fragte mich, wie ich denn mit diesem Trennungsschmerz leben könne. Weder Mühlenbaguettes, noch Conny. Was für ein herber Schlag. Ja, meine Frau hat einen unbarmherzigen Humor.

Wieder daheim in der Eifel schmeckte mir kein Brot mehr. Ich hatte echte Entzugserscheinungen nach meinen Mühlenbaguettes. Wir probierten unterschiedlichste Backwaren von unterschiedlichsten Bäckern aus. Meine Frau kaufte Mehl und buk die Brötchen selbst. Doch wenn Du einmal diese kleinen braunen knackigen Kladower Wunderbrote gegessen hast, bist Du infiziert. Nichts anderes kann diesen Genuss auch nur annähernd ersetzen.

Meine Stimmung sank, mein Appetit ebenso. Der Zerfall begann. Schon bald schlotterten die Hosen an mir. Meine Körperhaltung gebeugt. Das Lächeln verschwunden.

Da ergriff meine liebe Frau die Initiative. „So geht das nicht mehr weiter!“, sagte sie, rief die freundlichsten Vermieter aller Berliner Ferienwohnungen im Wossidloweg an, und mietete uns eine weitere Woche in Kladow ein. Schon bei der Vorfreude auf die Mühlenbaguettes stieg meine Stimmung. Ich konnte wieder essen und kam somit zu Kräften.

Mitte Oktober war es soweit. Wir packten den treuen Berlingo voll und fuhren freitagmorgens beim ersten Büchsenlicht los. Staufrei reisten wird quer durch Deutschland. Das Laub stand allerorts in den buntesten Farben und die Sonne schenkte den Reisenden Engeln ihr freundlichstes Gesicht. Indian Summer Made in Germany. Wer freudig reist, kommt lächelnd an.

An einem Freitagnachmittag im Oktober bezogen wir bei tollstem Spätsommerwetter unser Obdach im Grünen. Beide spürten wir, dass wir uns inzwischen hier heimisch fühlen. Die Parks, die Seen, die riesigen Waldflächen und die spürbar nah pulsierende Großstadt. Und die Landbäckerei mit allem, was dazu gehört.......

Schnell machten wir uns auf den Weg in die ortsansässigen Geschäfte und deckten uns mit Speisematerialien fürs Wochenende ein. Die Landbäckerei ließen wir außen vor, denn dort sollte am kommenden Morgen frisches Gut erworben werden. In Ungedanken kaufte ich eine Leberwurst aus Pommern. Mit Apfel und Zwiebel. Sah ziemlich lecker aus, und ich wollte den Genuss am kommenden Morgen mit Connys Brötchen testen.

Wie gehabt fuhr ich in aller Früh durch den Krampnitzweg zur Sakrower Landstraße. Das Wetter schien den gestrigen Tag unbedingt übertrumpfen zu wollen. Der Himmel wolkenlos blau, die Sonne schon kräftig, der Wind still. Frohes Vogelvieh begleitete den munteren Radler zur Landbäckerei. Ich stellte mein Rad ab, schob das Schloss zwischen die Speichen und betrat das so sehr vermisste Backparadies.

Wahrscheinlich hat sie seit Monaten auf mich gewartet. Da stand sie, braun gebrannt wie ein Mühlenbaguette und lächelte mich an, wie eine Mutter den heimkehrenden Sohn. Ja, Conny war da, und sie erkannte mich wieder. Vertraut fragten wir uns nach dem jeweiligen Wohlbefinden und ich kaufte dabei die ersehnten Backwaren. Mühlenbaguettes! Schon, als meine Lieblingskuchenbäckerin die Tüte füllte, lief mir das Wasser im Munde zusammen. Conny kam wohl frisch aus dem sonnigen Süden zurück. Es hätte ja schlimmstenfalls passieren können, dass sie gerade dann im Süden weilt, wenn wir hierher kämen. Es wäre schrecklich gewesen. Aber da gibt es Einen, der unsere Geschicke lenkt, und der hatte mitgedacht. "Barbara-Conny" war da. Und all ihre Wunderwaffen: Schrippen, Baguettebrötchen, Knackis, Roggenbrötchen, ihr Lächeln, die tiefblauen Augen und ..... Mühlenbaguettes.

Das Einkaufsritual alleine ist die Reise hierher wert. Sehe ich diesen blonden Engel, dann geht mir das Herz auf wie eine Blume in der Sonne. Meine Frau hat vollstes Verständnis für mich und gönnt mir diese Freuden. Und das Gebäck!!!!

Ich kam mit meiner Tüte zurück und der Tisch war bereits gedeckt. Der beste Milchkaffee der Welt dampfte und die frischen Brötchen wurden in den Brotkorb gelegt. Da saßen wir zwei Landeier uns glücklich gegenüber am Frühstückstisch in Kladow und machten uns über die Leckereien her. Ich schnitt mein Mühlenbaguette auf, fühlte die knusprige Oberfläche, roch den sauren Teig. Ein Ritual, wie beim Weintrinken. Dann strich ich hauchdünn die Margarine aufs Oberteil. Immer zuerst das Oberteil, denn es ist besonders knusprig! Auf den Hauch Margarine strich ich die mit Äpfeln und Zwiebeln veredelte Leberwurst aus Pommern. Ich legte das bissfertige Brötchen noch einmal auf den Teller, nahm meine Kaffeetasse zur Hand, trank einen kleinen Schluck und genoss den Anblick meines lang ersehnten Mühlenbaguettes. Dann biss ich genussvoll hinein und ich dachte, die Welt ginge unter. „Einmal im Leben einen solchen Genuss und dann sterben!“, dachte ich. Die Kombination der verfeinerten Leberwurst, der hauchdünnen Margarine und dem knusprigen Mühlenbaguette war mir neu. Wenn ich bisher nicht wusste, was Perfektion ist; jetzt weiß ich es. Es gibt nichts Genussvolleres auf dieser Welt, als eines von Connys Mühlenbaguette, bestrichen mit einem Hauch feinster Pflanzenmargarine und dann etwa zwei Millimeter dicke Leberwurst mit Äpfeln und Zwiebeln aus Pommern. Ich war wie im Rausch! So musste sich Columbus gefühlt haben, als er Amerika entdeckte!

Als wir das Frühstück beendet hatten, schmiedeten wir einen Plan. Wir gehen mal davon aus, dass Conny die Hüterin des Mühlenbaguetterezeptes ist. Sie, die stolze germanische Schönheit aus der Sakrower Landstraße, birgt das Geheimnis zum Glück in sich. Wenn wir ihr das Rezept entlocken könnten, dann würden wir in der Eifel ein Mühlenbaguetteimperium aufbauen. Also musste Conny dazu gebracht werden, das Geheimnis preis zu geben. Wir dachten zuerst an eine Entführung. Wir könnten sie wochenlang in unserer Ferienwohnung gefangen halten. Während wir vor ihren Augen Mühlenbaguettes äßen, müsste sie sich bei Wasser und Toast vom Discounter quälen. Schon nach kurzer Zeit würde sie jedwede Beherrschung verlieren und das Geheimnis preis geben.

Aber könnte ich es übers Herz bringen, meine angebetete Conny zu quälen? Wohl nie. Die Entführung würde schon im Ansatz fehlschlagen. Statt sie zu fesseln, würde ich sie wohl lieber herzlich umarmen wollen. Also musste Plan „B“ auf den Tisch.

Wir sind ja schon ein "altes Ehepaar". Und Bestandsehen verkraften so einiges. Also würden wir die sanfte Gewalt anwenden. Mit all meinem Charme werde ich Conny locken. Eine Verabredung bei Kerzenlicht. Leise Musik, roter Wein, reifer Käse und kernlose Trauben. An einem Ort, den wir nie wieder vergessen würden. Die blauen Augen würden verklärt blicken und sie würde dahin schmelzen. Ich werde die Herrin des Rezeptes verführen und im Liebestaumel wird sie mir das Rezept ins Ohr hauchen.

Dann fahren wir zurück in die Eifel und bauen ein Imperium ungeahnten Ausmaßes auf. Wir werden Mühlenbaguettes verkaufen und die Eifelherzen werden allen anderen Bäckern Lebewohl sagen. Unser Dorfbäcker, all die Thulls und Lohners, die Eifelbrotfabrik, sie alle werden tatenlos zusehen, wie wir ein Vermögen mit unseren Mühlenbaguettes verdienen werden. Wir werden täglich fertig bestrichene Mühlenbaguette mit hauchdünner Margarine und zwei Millimeter Leberwurst mit Zwiebeln und Äpfeln aus Pommern anbieten und das Volk wird süchtig danach werden. Wie Junkies beim Dealer werden sie allmorgendlich vor unseren Toren lauern und um Ware betteln. Aus allen Teilen des Landes werden sie in unser Dorf pilgern.

Und Conny? Ach Conny werden wir als Beguetteheilige in unserem Dorf verewigen. Wir werden ihr ein Denkmal setzen, direkt neben dem Brubbel. Dort wird sie erhaben auf einem Sockel stehen. Groß, schön und milde lächelnd. Neben ihr der kleine Brubbel. Und die Menschen werden zu ihr pilgern, in jeder Hand ein Mühlenbaguette. So werden sie vor Conny in Ehrfurcht niederknien. Und Conny wird im kleinen Eifeldorf neben dem Brubbel stehen, wie die Loreley am Rhein.

Unser Plan hatte Gestalt angenommen. Ich hatte mein bestes Rasierwasser aufgelegt, meine Haare mit feiner Pomade gekämmt, ein frisches Hemd angezogen und fuhr wildentschlossen zur Landbäckerei. Heute würde ich sie mit all meinem Charme zum Rendevous bitten. Und dann würden die Dinge ihren Lauf nehmen. Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war!

Als ich die Bäckerei betrat, war keine Conny da. Ihre Kollegin erkannte sofort meine Enttäuschung. Dann sagte sie zu mir: „Ich soll Sie herzlich grüßen. Conny ist krank. Eine schlimme Erkältung fesselt sie ans Bett. Aber sie rief an und ich soll sie herzlich grüßen und Ihnen eine gute Heimfahrt wünschen.“

Vorbei der Traum mit unserem Mühlenbaguetteimperium!

Na ja, dann müssen wir eben wieder nach Kladow reisen. Und dann beginnt alles von vorne. Die Eifelloreley neben dem Brubbel muß noch warten.

Aber irgendwann.......

 

(Wie gesagt, die Barbara vom Ritterfeld heißt im wahren Leben Conny. Wenn sie das hier liest, hat sie vielleicht wieder dieses zauberhafte Lächeln im Gesicht?)

 

Zitat des Tages

Albert Schweitzer
Albert Schweitzer: „Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“
von zitate-online.de
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