Kleine Guerilleros

Kleine Guerilleros
(Überarbeitet am 02.04.2009)
Vor ein paar Tagen, den ganzen Tag über fühlte ich mich total beschissen, weil eine Grippe mich erwischt hatte, hatte ich mir einen ruhigen Abend auf meiner Couch vor dem Fernseher verordnet.
In der Fernsehzeitung war ein Hinweis auf die Dokumentation über Ernesto Che Guevara. Das wollte ich mir ansehen, habe ich doch schon zwei Biographien über diesen wohl berühmtesten aller Freiheitskämpfer gelesen. In meiner Pubertät war ich ein bedingungsloser Fan des Che; als ich aber etwas älter wurde und mich für Politik zu interessieren begann, wurde mir klar, daß er ein Phantast war, der sogar von seinen eigenen Weggefährten, vorneweg Fidel Castro, beschissen wurde. Noch heute glaube ich, daß der Che wohl der einzige wahre Kommunist dieses Jahrhunderts war. Alle anderen, egal wie sie hießen, wurden korrupt, als sie Einfluss und Macht erlangten. Für mich bedeutet diese Tatsache noch heute, daß Kommunismus vom Grundgedanken nicht schlecht wäre, allerdings sind wir Menschen von Natur aus Egoisten und im praktischen Leben gar nicht zu dieser Ideologie fähig. Der Che hatte bis an sein Ende daran geglaubt. Aber ich glaube, er war ziemlich allein mit seinen Träumen.

Meine Sichtweisen sind bestimmt nicht die allerbesten. So beurteile ich Menschen und ordne sie bestimmten Kategorien zu: Gut; schlecht; angenehm; unangenehm; schön; hässlich; nachahmenswert; ablehnungswürdig; Realist; Phantast usw.
Che kam und kommt noch heute ganz gut in meinem persönlichen Beurteilungsbild weg. Allerdings halte ich ihn nicht für nachahmenswert und ordne ihn in die Kategorie Phantast. Mir ist der Realismus näher. Bestimmt oftmals nicht so interessant, dafür weniger enttäuschend.
An diesem Abend sah ich mir die Sendung über ihn an. Neues hatte ich nicht erwartet, habe ich doch wirklich schon einiges über ihn gelesen. Die Berichterstattung war ziemlich lückenhaft. Gegen Ende wurde es aber dann doch noch interessant. Che hatte die letzten Tage seines Lebens einen Terminkalender als Tagebuch benutzt. Die Kameraführung rekonstruierte die letzten Tage der Guerilleros, dieser Handvoll Männer, die schlecht bewaffnet und noch schlechter ausgerüstet durch die Berge Boliviens zogen, um den Menschen eine bessere Welt zu bereiten. Ich frage mich, wie sie das eigentlich anstellen wollten. Es endete wie es kommen mußte: Die völlig erschöpften Männer wurden gestellt, diese neue Leitfigur der Linken wurde brutal ermordet. Was übrig blieb ist ein Mythos.
Als die Sendung vorbei war setzte ich mich auf meinen Balkon und rauchte eine Zigarette. Klar weiß ich, daß rauchen Mist ist, insbesondere wenn man erkältet ist.
Bei diesem Bericht über die letzten Tage der Guerilleros kamen mir Gedanken an meine Kindheit im Schinkenloch. Wir Jungs waren auch Guerilleros. Nein, wir hatten keine großen Ziele, wollten die Welt nicht verbessern und folgten keiner Ideologie. Aber dennoch waren wir Guerilleros.
Drei verschiedene Banden gab es. Unsere Bande, das waren die Jungs vom Stadtwald. Immerhin waren wir meist zwischen 12 und 15 Jungs stark. Die Zahl schwankte, weil wir uns natürlich auch untereinander bekämpften und der ein oder andere hin und wieder mal ausfiel. Der Ausfall konnte mehrere Gründe haben. Verräter wurden auf Lebenszeit verbannt und waren in der Regel eine ganze Woche ausgeschlossen. Verletzte mussten eine Auszeit gemäß ihrem Leiden nehmen. Winnie z.B. war unser Standardpechvogel. Wenn sich einer den Arm brach, war es Winnie; hackte sich einer ins Bein, Winnie; bekam einer was in die Fresse, Winnie. Winnie hatte noch einen Bruder und fünf Schwestern ( der arme Hund, fünf Schwestern!; ich stellte mir das immer grausam vor, zumal die meisten von denen größer und stärker waren als er).
Na ja, und manchmal hatten wir solchen Unsinn getrieben, daß der ein oder andere von uns mal ein paar Tage nicht vor die Tür durfte. Für diese Fälle hatten wir die abenteuerlichsten Kommunikationssysteme entwickelt. Wir spannten Wollfäden vom Arrestzimmer nach draußen und befestigten am jeweiligen Ende des Wollfadens einen Deckel einer Haarspraydose. Wenn der Faden stramm gespannt war. Konnte einer in den Deckel hineinrufen, während der Empfänger am anderen Ende den anderen Deckel ans Ohr hielt und so mit seinem arrestierten Kameraden Telefonieren konnte. Manchmal war die Verbindung so unverständlich, da mußte man einfach nur den Deckel vom Ohr nehmen und schon konnte man den anderen ganz gut verstehen. Aber es war eine spannende Geschichte. Eine andere Variante waren Pfeil und Bogen. Der Inhaftierte schrieb eine Nachricht, wie z.B. <<verdammte Scheiße, ich will hier rau>> auf einen Zettel, rollte diesen um einen Pfeil und befestigte ihn mit einem Gummi daran. Dann wartete man, bis einer der Kameraden in der Nähe war, dem man seine Weisheiten mitteilen wollte und schoss mit dem Flitzebogen den Pfeil auf den Freund. Natürlich durfte man nicht in die Augen zielen und auch nicht zu fest schießen, denn sonst wurde man wiederum zum Feind und hätte nach der Arrestzeit nicht mehr zur Bande gehört.
Es gab noch zwei weitere Banden im Schinkenloch. Die vom Reisberg und die vom Kammerforst. Sowohl die einen, wie die anderen waren sehr gefürchtet. Sie kamen aus den sozial schwächeren Teilen des Schinkenlochs und dort wehte ein rauerer Wind als bei uns am Stadtwald. Sie waren einfach härter als wir. Allerdings waren sie auch immer wieder untereinander dermaßen zerstritten, daß sie gar keine Zeit hatten, gegen uns zu Felde zu ziehen. Es war auch schwierig ihre Anführer auszumachen. Maroni und Guido, die eigentlich zu uns gehörten wechselten hin und wieder die Fronten und schafften es sogar am Reisberg die Bande anzuführen.
Besonders gemein war es, als Guido einmal die Fronten gewechselt hatte, ohne uns das zu sagen. Wir hatten tagelang eine geniale Taktik ausgearbeitet und wollten das Baumhaus des Reisberges angreifen. Es war ein solch geniales Baumhaus, das wir vor Neid erblasst waren, als wir es erstmals sahen. Bestimmt 10 Meter hoch in die Bäume gebaut und so groß daß die ganze Bande zum Kriegsrat einrücken konnte. Vorne und hinten ein Fenster für die Beobachtungsposten.
Die Strickleiter konnte eingezogen werden und somit war diese Festung nicht mehr einzunehmen. Sogar das Dach hatten sie mit Dachpappe abgedichtet und die Innenwände mit alten Teppichen ausgekleidet. Diese Details sah ich aber erst sehr viel später (etwa eine Woche ), als ich auch einmal die Fronten wechselte. Eigentlich ist so etwas unbedingt abzulehnen, aber es bot sich halt gerade an, denn aus irgendeinem Streit heraus wurde ich aus unserer Bande lebenslänglich verbannt.
Also, wir hatten dieses wunderbare Baumhaus entdeckt und platzten fast vor Neid. So wurde ein Kriegsplan geschmiedet. Tagelang schnitzten wir Pfeile und Speere aus Haselnusssträuchern. Entlang des Weges oberhalb des Baumhauses brachen wir dicke Sandsteinbrocken aus der Felswand und legten diese an den Wegrand, oberhalb des Baumhauses. Zwischen zwei nebeneinander stehenden Bäumen hatten wir einen Fahrradschlauch befestigt, den wir als Riesenschleuder nutzten. Den Schlauch hatten wir aus dem Fahrrad von Herrn Gläsener ausgebaut. Aber der fuhr sowieso nie damit und das Rad rostete langsam vor sich hin. Wahrscheinlich hätte er es nie gemerkt, wenn nicht sein Nachbar sich zwei Tage später das Rad ausleihen wollte, um damit zur Arbeit zu fahren, weil er den Bus verpasst hatte.
Wir hielten aber dicht und das Geheimnis des Schlauches wurde nie gelüftet. Mit dieser Waffe konnte man faustgroße Steine bestimmt 30 Meter weit schießen. Und dann suchten wir jede Menge alte Wurzeln und dickere Knüppel, die wir dem Feind entgegen schleudern wollten.
Unser Plan sah so aus: Zwei oder drei Mann von uns würden mittags nach der Schule an das Baumhaus heranschleichen und sich bemerkbar machen. Die anderen würden sich weiter links, oberhalb am Hang in den Büschen verstecken. Während die Bande vom Reisberg die paar von uns jagen sollte, würden die anderen in Erscheinung treten und kämpfend zum Weg oberhalb des Baumhauses laufen. Die vom Reisberg würden natürlich folgen, wären aber später am Weg und dann würde die eigentliche Schlacht erst beginnen.
Der Tag der Entscheidung war gekommen. Was entschieden werden sollte, oder wie es nach der Schlacht weitergehen sollte, darüber hatten wir uns noch keine Gedanken gemacht. Vielleicht dachten wir uns, daß das Baumhaus nach dem Kampf in den Besitz der Sieger übergehen würde. Ich weiß es echt nicht mehr. Auf jeden Fall waren wir mit allerbester Kriegsbemalung und dicker Bewaffnung unterwegs.
Keiner hatte sich gedrückt, nur Guido war nirgends aufzufinden gewesen. Wir schlichen uns bei Edringers in den Wald und nutzten jede Deckung aus um nicht aufzufallen. Als wir in die Nähe des Baumhauses kamen, erschreckten wir ganz schön. Da standen zwei Birkenstämme und in einer Höhe von etwa drei Metern hing mit gespreizten Flügeln eine tote Rabenkrähe. Wie eine unausgesprochene Warnung hing sie dort und schien uns zu sagen: <<Bis hier hin und nicht weiter>>!
Die drei auserwählten schlichen weiter in Richtung Baumhaus. Der Rest der Krieger versteckte sich 15 Meter unterhalb des Weges mit unserer vorbereiteten Munition. Eigentlich sollten wir viel weiter unten und auch weiter links in Stellung gehen, aber der tote Rabe hatte 50 % unseres Mutes verbraucht. Während die drei Lockvögel schon fast am Baumhaus waren, ging über uns ein wildes Kriegsgeschrei los. Steinbrocken rollten uns entgegen, Steine wurden mit unserer Steinschleuder geschossen, Wurzeln und Äste prasselten auf uns nieder und Pfeile und Speere waren in der Luft. Uns wurde klar, was passiert war: Guido hatte mal wieder die Fronten gewechselt und unsere Taktik verraten, der Hund. Wir rannten so schnell, wie wir konnten und versammelten uns an unserem kleinen Baumhaus im Häcking`s Wäldchen. Wir waren völlig außer Atem und froh, daß wir alle unbeschadet angekommen waren. Unser kleines Baumhaus wirkte geradezu lächerlich über uns. Da konnten gerade mal drei von uns drin Platz finden. Wir hatten aber schon geplant, daß wir noch einen Stock darauf setzen wollten. Allerdings brauchten wir hierzu den Guido, denn der war ein echter Baukünstler. Doch diese miese Ratte hatte mal wieder die Fronten gewechselt und würde die schmachvolle Verbannung über sich ergehen lassen müssen.
Da stellten wir fest, daß wir gar nicht alle versammelt waren. Achim fehlte, aber den hatten wir gar nicht erst mitgenommen. Gestern beim Übungsschießen hatte er einen Pfeil ins Auge bekommen. Er wurde sofort zum Arzt gebracht, hatte aber Glück. Der Pfeil hatte nur ein Lid getroffen und nun mußte er mit einer echt geilen Augenklappe für eine Woche aufs Invalidenteil. Aber Winnie fehlte. Er war mit in den Kampf gezogen. Richtig stolz auf seine neue Steinschleuder war er gewesen, die er seinem Bruder geklaut hatte. In einem Strumpf hatte er lauter weiße, glatte Kieselsteine mitgebracht. Jetzt waren weder er noch seine Schleuder oder die Kiesel zu sehen. Wir mussten also wieder ins Feindesland unseren Kameraden suchen. Wahrscheinlich hatten sie ihn gefangen genommen und forderten als Auslösung von uns, daß wir alle unsere Waffen abgeben mussten. Pah, da würden sie lange warten müssen. Wir waren überrascht. Niemand war mehr zu sehen. Weder Winnie, noch die Bande vom Reisberg. Das Baumhaus war leer und keiner war mehr da. Also machten wir uns auf den Heimweg, stolz auf unseren Mut, nochmals das Feld der Niederlage betreten zu haben. Hätte Guido uns nicht verraten, wäre alles sowieso anders gekommen. Als wir aus dem Wald kamen, staunten wir nicht schlecht. Guido und ein paar von der Reisbergbande standen am Stadtwald. Wir wollten gerade schon wieder in den Wald fliehen, als wir merkten, daß etwas nicht stimmte. Sie standen vor Winnies Elternhaus und Winnies älteste Schwester stand bei ihnen. Langsam gingen wir hin und wussten nicht so recht, wie wir uns verhalten sollten.
Dann sagten sie uns, was passiert war. Winnie hatte es wieder erwischt. Eine der fliegenden Wurzeln hatte ihn am Kinn getroffen und ihm den Unterkiefer gebrochen.
Au Scheiße. Es war doch alles nur ein Spiel! Als wir wegrannten blieb Winnie liegen. Guido erkannte sofort, daß etwas nicht stimmte und lief zu Winnie. Der war fix und fertig und heulte vor Schmerz. Sie brachten ihn zu Frau Goldsch, unserer Sanitäterin im Schinkenloch und die rief einen Krankenwagen an, der den Verwundeten mitnahm.
Einerseits waren wir ziemlich geknickt, weil es den Winnie diesmal so hart getroffen hatte, andererseits waren wir sauer auf ihn. Er hätte mit der Abfahrt wenigstens warten können, bis wir da waren. Schließlich fuhren damals nur ganz selten Autos im Schinkenloch, und Krankenwagen mit Tatütata und Blaulicht schon gar nicht. War mal wieder typisch Winnie; er wollte seinen Schmerz und Spaß für sich alleine haben.
Abends kam Winnie heim. Man hatte ihm die Zähne mit einem Draht zusammen gebunden. Damit er nicht reden konnte. In den nächsten sechs Wochen würde er sich nur von Brei und Suppe ernähren müssen. Suppe finde ich ekelig, aber beim Gedanken an feinen Brei wurde ich fast eifersüchtig.

Wir erkoren Winnie zum Held des Tages und in den nächsten zwei Wochen sollte er unser Anführer sein. Mit der Reisbergbande hatten wir erst einmal Frieden geschlossen und auch Guido wurde aus der Verbannung erlöst, da er ja als letzte Tat Winnies Retter war.
Nach zwei Tagen mussten wir Winnie wieder des Häuptlingsamtes entbinden. Kein Mensch verstand, was er sich da zwischen seinen zusammengebundenen Zähnen zurecht nuschelte und wir bekamen ständig Streit, weil jeder was anderes verstand. Also mußte er ein paar Wochen mit Achim, unserer Augenklappenreserve vorlieb nehmen.
Zwar hatten wir vom Kämpfen erst einmal die Nase voll, aber es gab genug andere Abenteuer zu bestehen.

Aus unserem Baumhausausbau wurde allerdings nichts. Als wir ein paar Tage später nach der Schule heim kamen, war es abgebrannt. Die vom Reisberg konnten es nicht gewesen sein, denn mit denen hatten wir in der Schule fangen gespielt.
Winnie und Achim waren nicht in der Schule, aber sie würden sich doch niemals an der Stätte unserer Treue vergreifen, oder?
Hasta la victoria siempre.


Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
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