(Un)Vernunft

Die Bürde der Vernunft
(Überarbeitet am 02.04.2009)
Mein Gott, was waren wir für Helden, mit 13 , 14 Jahren. Jeden Tag mussten wir aufs Neue beweisen, daß die Welt uns gehörte. Ich glaube, die Erwachsenen hatten an jedem Tag, den der liebe Gott uns schenkte, eine Heidenangst vorm Dunkelwerden. Einerseits fürchteten unsere Eltern, daß wir schon wieder irgendeine Teufelei ausheckten, die immer mit Schwierigkeiten bei Nachbarn einher gingen. Andererseits mußte jeder damit rechnen, auf die unmöglichste Art und Weise Leidtragender zu sein. Im Schinkenloch zerbrachen regelmäßig Fensterscheiben, Briefkästen wurden mit den dicken China – Böllern gesprengt; Fahrräder von „Meckerern“ wurden platt gestochen und so weiter und so weiter.

Selten wurden wir erwischt. Klar, es war nicht sonderlich schwer, auszumachen, wer hinter all diesen Dingen steckte. Aber wir hielten dicht. Verrat war verpönt, und die Strafen daheim konnten niemals so hart sein, wie die Verachtung in der Gruppe.

Jürgen und ich waren ein unschlagbares Team. Wir beide besaßen ein altes Fahrrad mit einer 5 – Gang – Schaltung. Den Rennlenker hatten wir umgedreht, die Schutzbleche und den Gepäckträger abgeschraubt. Jürgen war der Fahrer und ich saß immer auf dem Lenker. Sie hätten uns sehen müssen. Niemand konnte uns einholen und in die Kurven legten wir uns wie Formel -  Eins - Fahrer. Natürlich fielen wir immer wieder mal auf die Nase. Abschürfungen, Prellungen und Blutergüsse waren normal. Und dennoch waren wir Akrobaten, die im Schinkenloch keinen ebenbürtigen Gegner fanden. Jürgen war zwei Jahre älter als ich. Wir sahen  uns sehr ähnlich und wer uns nicht kannte, hielt uns für Brüder, die gerade mal ein Jahr auseinander waren. Jürgen war eindeutig der Stärkere. In den Jahren unserer engen Freundschaft gab es unzählige Schlägereien. Doch nie hatten wir gegeneinander gekämpft

Damals gab es hauptsächlich ein Thema: Na, Sie können sich es schon denken, was?, Mädchen!

Jeder ging mit jedem. Es wurde geknutscht, gefummelt, geprahlt, betrogen und gelogen. Aus einer Mücke wurden Elefanten gemacht, und wären alle Heldentaten vollbracht worden, die wir uns hinter vorgehaltener Hand „ganz im Vertrauen“ erzählten, der liebe Gott hätte sich abgewandt und bitterlich geweint. Wie alle Jungs und Mädchen, die von pubertären Schwankungen gebeutelt werden, übertünchten wir unsere Unsicherheiten mit Heldengesängen auf uns selbst.

Bei all den Lügen und Geschichten, waren Jürgen und ich in dieser Sache ehrlich miteinander. Keiner von uns beiden hatte „es“ schon getan. Bei den anderen wussten wir, daß sie Geschichtenerzähler waren, doch gab das keiner zu. Jürgen und ich wollten uns gegenseitig beweisen, wer es als erster täte. Daß er zwei Jahre älter war, machte ich durch meine Frühreife wett.

Es passierte im Mai, als ich 14 war. Ich war mit Biggi zusammen. Sie war die ungekrönte Prinzessin im Schinkenloch. Erst vor einem Jahr zugezogen, war sie den Mädchen aus dem Schinkenloch eine ganze Nasenlänge voraus. Auch sie war eine Frühentwicklerin. Mit ihren 13 Jahren sah sie aus wie 16. Während die anderen Mädchen nur BHs  trugen, um sich Tempos rein zu stecken, damit sie die begehrten Wölbungen unter den T – Shirts hatten, konnte Biggi zwei Brüste vorweisen, von denen so manche erwachsene Frau noch träumte. Wir Jungs baggerten vom ersten Tag an ihr rum. Sie hatte keine andere Wahl, als sich als Heldin zu fühlen.


Mein Vorgänger war Bernd. Als wir vor kurzem im Wald in einer Blockhütte mit unseren Freundinnen rumknutschten ( ich war da mit Steffi zusammen ) wagte Bernd einen Schritt, den wir alle bis dahin nicht gewagt hatten. Bernd wagte den Griff in Biggis Jeans! Er war ab diesem Tag der König. Ihn selbst hatte dieses Erlebnis wohl dermaßen überwältigt, daß er am nächsten Tag mit Biggi Schluß machte ( sie erzählte, sie hätte Schluß gemacht ) und sich lange Zeit nicht mehr bei uns sehen ließ. Biggi war frei und wir beide hatten sowieso in den letzten Wochen heftigst miteinander geflirtet, also machte ich mit Steffi Schluß und ging mit Biggi. Steffi machte auch nicht viel Streß und ging mit Eddi. So einfach war das damals.

In diesem Mai glich der Frühling schon fast dem Sommer. Die Tage waren lang und warm und auch die Nächte wussten nichts mehr vom Frost der vergangenen Monate. Die Mädchen hatten beschlossen zu Zelten. Anders als wir Jungs, hatten die Mädchen ein Auge für Äußerlichkeiten. Wir brauchten nur Zelte, Luftmatratzen, Lagerfeuer und fertig. Ganz anders die Mädels: den ganzen Tag schleppten Sie Utensilien zum Platz. Zwei Zelte stellten sie gegenüber, Campingstühle ( damals ein Luxus ) und ein Tisch wurden aufgebaut, eine Kühltasche mit Getränken war dabei und so manche Leckerei zum Knabbern. Ihnen war klar, daß die Jungs kommen würden und sie sollten mindestens so lange bleiben, bis die Eltern eines der Mädchen voller Empörung einschreiten würden. Daß die Mädchen wirklich dort oben am Waldrand allein schlafen würden, glaubte niemand so recht. Nicht einmal die Mädchen selbst. Sie taten es auch nicht.


Am späten Nachmittag machten wir uns auf den Weg. Wir gingen die Brandschneise hoch und kamen von hinten am Zeltplatz an. Es herrschte schon reges Treiben. Steffi und Eddi knutschten ohne Unterlass. Ich fragte mich, welche Technik sie sich zum Atmen ausgemacht hatten. Anne, Tine und Biggi waren noch alles Mögliche am Räumen. Als wir kamen, war Biggi voller Freude und wir beide beschäftigten uns intensiv miteinander.

Was wir Jungs nicht wussten, war, daß das Thema Nummer eins bei den Mädchen Jungen waren. Auch bei ihnen ging’s um das erste Mal. Biggi, die äußerlich am meisten Frau war, sollte natürlich auch als erste diese Erfahrung machen.

Welche Szenarien hatte ich mir in meiner Phantasie ausgemalt, was ich anstellen würde, um sie rum zu kriegen. Es kam aber ganz anders.
Biggi war heute besonders zärtlich zu mir. Mit einem wunderbaren Lächeln im Gesicht fragte sie mich: „Sollen wir rein gehen?“ Das war ungewöhnlich, denn das, was wir bislang miteinander getrieben hatten, konnte, ja sollte sogar immer im Beisein der Anderen stattfinden. Mein Herz klopfte wie verrückt und wir gingen ins Zelt. Den Reißverschluss zugezogen, waren wir mit unserem Mut völlig allein. Das Licht war gedämpft und im Zelt war es angenehm warm. Unter der Decke fingen wir unbeholfen an, uns zu streicheln und uns irgendwie auszuziehen.
Es hatte nichts mit Erotik zu tun, nein. Wir beide sollten die ersten sein, die „es“ tun. Und wir taten es. Zügeln sie Ihre Phantasie, es war weder für Biggi, noch für mich schön. Es war auch für uns beide nicht hässlich. Nein, wir taten nur einen weiteren Schritt auf der Anerkennungsleiter. Die anderen hatten sich um das Zelt versammelt und gelauscht. Biggi und ich hatten es eilig, das Zelt zu verlassen und uns wieder zu den anderen zu versammeln. Wir waren Helden und alle wollten wissen, wie es war. „Wunderbar!“ war unsere einhellige Antwort. Wir saßen in der Runde als strahlende Sieger und wurden bewundert und beneidet. Biggi war es, die mich fragte, ob ich noch mal Lust hätte. Was hätte ich sagen sollen?, hatten wir beide doch gerade noch so geschwärmt. Also verzogen wir uns nochmals in das Zelt und wiederholten die Prozedur. Nicht mehr ganz so aufgeregt, beeilten wir uns, diesen vermeintlichen Akt der Erotik zu vollziehen. Als wir jetzt wieder bei den anderen waren, hatten wir keine Zeit zum Prahlen mehr.

Annes Mutter kam, um nach dem Rechten zu sehen. Sie fiel aus allen Wolken, als sie Jungen und Mädchen versammelt sah. Eddi und Steffi waren immer noch am Knutschen. Annes Mutter war schon fast so weit, daß sie das Zeltlager abbrechen wollte. Dann sah sie mich und ihr Blick hellte sich auf.
„Michael, du bist doch der Vernünftigste hier; sorge bitte dafür, daß hier kein Unfug passiert.“ „Klar Frau Geier, mach` ich “,  stotterte ich heraus. Frau Geier ging mit Kopfschütteln von dannen.
Ich wußte nicht, wie mir geschah, und die anderen rollten sich vor Lachen auf dem Boden. Einerseits waren Biggi und ich den anderen wieder einen weiteren Schritt vorausgeeilt. Andererseits hatte die Äußerung von Annes Mutter mich für Wochen zum Gespött gemacht.

Wenn Biggi und ich zusammen gesehen wurden fragte jeder im Schinkenloch: „Na, wart ihr wieder vernünftig?“

Biggi und ich machten schon ein paar Tage später Schluß miteinander. Wir mögen uns noch heute, aber für die große Liebe hatte es nicht gereicht.

Wir waren die ersten in der Clique, die „es“ gemacht hatten. Es hat uns nichts geschadet, aber gebracht hat es uns außer der damaligen kindlichen Anerkennung nichts. Oder vielleicht doch die Erinnerung an einen warmen Maitag voller (Un) vernunft.

Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!