Eisregen

Eisregen
(Überarbeitet am 02.04.2009)
Piep: „ Im Laufe des Vormittags zieht eine Schlechtwetterfront durch Südwestdeutschland. Es ist mit anhaltendem Eisregen zu rechnen. Fahren Sie vorsichtig, oder lassen Sie Ihr Auto am besten zu Hause stehen.“

Das war die Verkehrsmeldung auf SWF 3 heute Morgen. Um 11.00 h fielen die ersten Tropfen und in wenigen Minuten waren die Straßen und Gehwege spiegelglatt. Als ich um 15.30 h meinen Heimweg antrat, waren die Straßen zwar gestreut, aber das Fahren war immer noch abenteuerlich.

Nach anstrengender Fahrt zu Hause angekommen, war ich froh, eine warme Wohnung betreten zu können und bei einem heißen Kräutertee, in Jogginghose und dicken Norwegersocken, die Füße hoch zu legen.

Ja, ich genoß es, den immer noch anhaltenden Eisregen draußen zu hören, wohlig warm auf meiner Couch zu liegen und die länger werdenden Eiszapfen vor dem Fenster in der kommenden Dämmerung zu betrachten. Die Regentropfen, vom Wind gegen die Fensterscheiben geworfen, waren am Glas wie Tränen festgefroren. Es ging mir richtig gut in meinem warmen Zimmer.

So lag ich da, hatte meine halb aufgerauchte Pfeife weggelegt und spürte, wie meine Augen langsam schwer wurden. Fast wäre ich sanft eingeschlummert, wäre da nicht.....
„Yeah, - geil“ und lautes Lachen machte mich fast schon glauben, ich sei am Träumen. Aber es war kein Traum. Draußen waren frohe Kinderstimmen, die sich scheinbar köstlich amüsierten. Ich ging ans Fenster und in der Tat sah ich meinen Sohn und seinen Freund voller Freude im Eisregen über die Straße rutschen. So gut es ging, nahmen sie Anlauf und schlitterten laut schreiend und lachend über den dick vereisten Bürgersteig.
Stimmt, da waren auch noch andere Erinnerungen an Glatteis. Nicht nur „Oh Gott, hoffentlich komme ich gut nach Hause“, nee, da waren Erinnerungen an früher.

Damals waren die Wettervorhersagen nicht so konkret wie heute. Ich glaube, vor etwa 40 Jahren wurde die Vorhersage für den nächsten Tag mehr geschätzt, als gemessen.

Einmal überraschte uns der Eisregen völlig ohne Vorwarnung. Es war ein trüber Tag. Wir gingen morgens zu Fuß in die zwei Kilometer entfernte Volksschule St. Joseph. Schon seit ein paar Tagen war der Himmel grau und wir erwarteten den ersten Schnee. Er wollte und wollte nicht kommen. Auch heute war es schweinekalt. Ich hatte keine Handschuhe und vergrub meine kleinen Hände in der Jacke, während wir zur Schule stiefelten. Ich war im 3. Schuljahr. Erst zwei Jahre später sollten wir Schülerfahrkarten bekommen, um mit dem Bus zur Schule fahren zu dürfen.

Heute wollte es einfach nicht richtig hell werden. Auch als wir nach der 5. Stunde Schluß hatten, war der Himmel trüb und ein unangenehmer Wind blies uns auf dem Nachhauseweg ins Gesicht. Wir gingen schnell, denn es war ungemütlich. Keiner hatte so richtig Lust, etwas für den Nachmittag abzumachen. Daheim angekommen, machte ich mir ein paar Brote. Meine Mutter war zur Arbeit und warmes Essen sollte es erst abends geben. Ich setzte mich an den Wohnzimmertisch und wollte meine Hausaufgaben machen, als ich bemerkte, daß sich draußen etwas tat. Nicht der erwartete Schnee fiel vom Himmel; nein, jetzt im kalten Dezember, kurz vor Weihnachten, fing es an zu regnen.

Sie können sich vorstellen, daß meine Stimmung nicht unbedingt stieg, stand mir doch ein langweiliger Nachmittag daheim bevor. Aber ich kam nicht dazu, meinen Trübsinn in die Hefte zu graben. Es klingelte und an der Tür stand Winnie. Winnie war ein ganz verrückter Kerl. Die Kapuze von seinem Anorak hatte er über den Kopf gezogen und die Schnur fest unter dem Kinn zusammen gebunden. Die Hose in die Gummistiefel gesteckt und die linke Hand auf seinen Schlitten gestützt stand er strahlend vor mir und rief: „ Komm, wir wollen Schlitten fahren.“ Ich hielt ihn mal wieder für übergeschnappt. Im Regen Schlitten fahren?, typisch Winnie. Er spann aber nicht rum, nein, der Regen gefror sofort auf dem kalten Boden und alles war spiegelglatt. Ich zog mich an, holte meinen Schlitten aus dem Keller und wir arbeiteten uns die Straße gegenüber von unserem Haus hinauf. Das war gar nicht so einfach. Die Straße steigt ziemlich steil an und endet nach etwa 300 Metern als Sackgasse. Im Winter, wenn Schnee liegt, fahren alle Kinder aus dem  Schinkenloch dort Schlitten. Als wir oben waren, setzten wir uns auf unsere Schlitten und fuhren los. Wir bekamen eine Geschwindigkeit drauf, daß wir uns vor Angst fast in die Hosen machten. Unsere Schlitten rasten den Berg hinunter und ließen sich überhaupt nicht lenken. Wir drehten uns, purzelten durcheinander, setzten uns wieder drauf und fuhren weiter.

Beim zweiten Mal gingen wir nicht mehr ganz den Berg hoch und konnten so viel weiter fahren. Denn dort, wo die Straße bergauf ging, machte sie einen Linksknick. Da wir die Schlitten nicht lenken konnten, fuhren wir genau dort gerade aus und landeten unsanft auf dem unebenen Stück zwischen der Doppelstraße „Am Stadtwald“. Jetzt ist dort ein schöner Grünstreifen angelegt. Damals nutzten die Leute den Streifen, um allen möglichen Bauschutt dort abzulagern. Die Häuser standen ja noch nicht lange und jeder hatte irgendetwas daheim zu bauen. So fuhren wir in den abgelagerten Bauschutt und landeten ziemlich unsanft. Heute würde es sofort Klagen hageln, weil die Kinder sich verletzt hätten. Wir steckten den Schmerz weg, gingen nicht mehr ganz soweit den Berg hoch und konnten jetzt dem Linksknick folgen und fuhren auf der spiegelglatten Straße weiter, als wir es im Schnee jemals geschafft hatten. Immer mehr Kinder gesellten sich mit ihren Schlitten zu uns. Wir machten eine lange Schlittenkette. Jeder legte sich mit dem Bauch auf den Schlitten und hakte mit den Füßen den Hintermann ein. Die schlechteste Position hatte der erste, denn der bekam am meisten ab. Am tollsten fühlte sich der letzte, denn der wurde geschleudert, daß ihm schwindelig wurde.

Den ganzen Nachmittag donnerten wir mit unseren Schlitten über die Straße. Autos konnten nicht fahren und der Streudienst verirrte sich ohnehin nicht ins  Schinkenloch.

Wenn wir Durst hatten, brachen wir uns vereiste Zweige von den Sträuchern und lutschten daran. Wir stellten uns vor, es sei ein Eis am Stiel mit den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen. Ja Phantasie hatten wir. Völlig durchgefroren und klitschnass gingen wir abends heim. Niemand von uns hatte bemerkt, wie ausgehungert wir waren. Die Kleider wurden neben den Ölofen gehängt und im Schlafanzug wurde das Abendessen eingenommen. Kein Wort des Schimpfens oder Unmut. Es war einer dieser glücklichen Kindertage im  Schinkenloch.

Daß keiner von uns am nächsten Tag die Hausaufgaben hatte, fiel nicht auf. Unser Lehrer erzählte uns, daß er sich fast zu Tode auf diesen gefährlichen Straßen gefallen habe. Wir kicherten uns einen und er dachte wohl, daß die Kinder aus dem  Schinkenloch arme gefühllose Wesen seien, die er zutiefst bemitleidete.

Und jetzt lag ich am Fenster und freute mich, meinem 11 jährigen Sohn zuzusehen, wie er voller Freude über die vereiste Straße, der ich vor einer Stunde soviel Unmut entgegen gebracht hatte, schlitterte. Fast hatte ich Lust, mir draußen einen Zweig abzubrechen und ein Eis am Stil, wie in meinen Kindertagen zu genießen. Aber wahrscheinlich hätten meine Nachbarn den Kopf geschüttelt und sich gesagt: „ Der wird auch nie erwachsen.“

Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!