Nachtzug nach Lissabon

Titel:
Nachtzug nach Lissabon

Autor:
Pascal Mercier

Inhalt:
Wenn einer eine Reise tut, dann wird er sich verändern...
Merciers philosophische Hommage an das Leben
„Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?"
Der Berner Lehrer für Latein und Griechisch Raimund Gregorius setzt sich mit genau dieser Frage auseinander als er beschließt aus seinem geregelten Alltag auszubrechen und den Spuren eines unbekannten Portugiesischen Autors zu folgen.
Auslöser ist das im Selbstverlag erschienene Buch Amadeu de Prados, welches dessen Leben als wohlhabenden Arzt im Kampf gegen die Diktatur unter Salazar in den 70er Jahren schildert, und gleichzeitig Erfahrungen und Fragen des Lebens in Worte fasst.
Fasziniert von dem im Buch abgebildeten Portrait des Autors, steigt Gregorius in den Nachtzug nach Lissabon und macht sich auf die Suche nach den Menschen, die an Prados Leben beteiligt waren. Es beginnt eine Reise durch die Geschichte Portugals und das Leben zweier grundverschiedener Menschen, die beide das selbe Ziel verfolgen: sich selbst zu finden.
Mit einer dichten und klaren Sprache nimmt Pascal Mercier den Leser in seinen Bann.
Je mehr Gregorius in dem Buch liest, desto intensiver wird der Leser in die Geschichte beider Charaktere involviert und beginnt sein eigenes Dasein zu hinterfragen. Was heißt es, einen anderen Menschen zu kennen, kann ich mich überhaupt verändern und welche Bedeutung hat das auf mein späteres Leben?
Man findet sich wieder, sowohl in dem Gewohnheitstier Gregorius, dessen Leben aus-gefüllt ist von der Welt der toten Sprachen, der Texte mehr liebt als das Leben und der aus Furcht vor Enttäuschung erst so spät den Mut findet, auszubrechen um zu prüfen, was sich noch in ihm verbirgt, als auch in dem Rebellen Amadeu, Sohn eines hohen Büro-kraten im Dienste der Diktatur, auch Sohn eines Vaters, der an einer unheilbaren Rü-ckenkrankheit leidet, aus diesem Grund Arzt geworden, oft überfordert von seiner eigenen Intelligenz und dem Wunsch, seinem strengen Vater zu gefallen.
Der Schweizer, an der Freien Universität Berlin lehrende, Philosoph Peter Bieri (60) veröffentlichte unter seinem Pseudonym Pascal Mercier drei Romane. Perlmanns Schweigen (1995) ist die Geschichte eines renommierten Sprachforschers, der plötzlich merkt wie ihm die Wissenschaft abhanden kommt. Der Inzestroman Der Klavierstimmer (1998) ist Bieris zweites Buch. Als bis jetzt letzte Erzählung folgte Nachtzug nach Lisa-bon (2004). In jedem Roman findet sich die Auseinandersetzung des Autors mit seinem realen Leben wieder. Die Furcht des Wissenschaftlers von den Fachgenossen nicht akzeptiert zu werden hat auch Bieri gespürt, als er der Situation ausgesetzt war, seine Rolle als Romanautor zu gestehen. Den Gedanken aus dem gewohnten Leben auszubrechen und einen völlig anderen Weg einzuschlagen hatte der Autor ebenfalls gehegt.
Alle Romane werden untermalt von einer kraft- und klangvollen Sprache. Sie behandeln die ganz großen Fragen zu Liebe, Freundschaft und Tod ohne jemals pathetisch zu werden.
„Die Fantasie ist unendlich viel intelligenter als der Verstand" sagte Bieri in einem Inter-view. Und das spürt man auch in seinem neuesten Roman. Er lässt den Leser in seine Schöpfungswelt eintreten und ihn mit ihr verschmelzen. Man findet in der Fülle an Charakteren scheinbar jede erdenkliche Persönlichkeit. Der strenge Vater, der in Wahr-heit nur Angst hat, sich vor seinem überlegenen Sohn lächerlich zu machen. Die große Liebe, die einen zurückweist„du bist zu hungrig" sagt sie und zerstört ein Leben. Jorge, den besten Freund und treuen Begleiter kennt wohl jeder, mit ihm führt Amadeu seine philosophischen Gespräche, sie stärken sich gegenseitig den Rücken, erst in der Schule, dann in der Revolution und setzten schließlich diese Freundschaft aufs Spiel.
Nachtzug nach Lissabon ist für Menschen, die Worte für ihre Gefühle und Gedanken suchen, die morgens aufwachen und nicht wissen, warum sie zur Arbeit gehen, und für Menschen, die wie Prado davon träumen eine Sprache zu finden, die klar ist wie Glas, weich wie Samt und frei von allen Klischees. „Ein Wind möge all die abgegriffenen Worte, all die faden Sprechgewohnheiten aus mir herausblasen, so dass ich zurückkommen könnte mit gereinigtem Geist, gereinigt von der Schlacke des immer gleichen Geredes."
Dieser Traum wird 495 Seiten lang erfüllt. (Und vielleicht noch über dieses Buch hinaus)  (Amazon)

ISBN:
978-3-442-73436-8 (9783442734368)

Persönliche Bemerkung:
Selten hat mich eine Geschichte so sehr gefesselt: Hier nur ein ganz kleiner Vorgeschmack, für die, die sich zum Buch verleiten lassen: Der 17 jährige Amadeus Prado hält in einem kirchlichem Gymnasium die Abiturrede. Es ist die Zeit der Diktatur in Portugal! Hier der erste Absatz seiner Gedanken: „Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich brauchte ihn gegen die schmutzige Einheitsfarbe der Uniformen. Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose Gebrüll des Kasernenhof und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Überschwemmung von überirdischen Tönen. Ich brauche ihn gegen die schrille Lächerlichkeit der Marschmusik. Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine Welt ohne diese Dinge, wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.......“

Wer jetzt glaubt, da käme ein Abgesang auf unsere heilige Kirche, dem werden beim Weiterlesen die Augen aufgehen. Versprochen! Was für ein wunderbarer Umgang mit der Sprache, was für eine außergewöhnliche Geschichte!

Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!