Vom Wasser

Titel: Vom Wasser
Autor:
John von Düffel
Inhalt:
Bei diesem Roman ist der Inhalt schnell zusammengefasst, wobei dieses Buch sich nicht durch den Inhalt, sondern durch die Erzählkunst des Autors als besonders wertvoll darstellt.
Die Mißgunst ist ein Stück Land zwischen Diemel und Orpe, zweier Flüsse. Der Ururgroßvater des Erzählers lässt sich nicht vom Namen abschrecken und gründet auf der Mißgunst seine Papier- und Pappefabrik. Er weiß, wie man aus dem schwarzen Wasser weißes Papier und daraus Geld macht.... So erzählt von Düffel in der Ich-Form die Geschichte der Papierherstellerfamilie, die beständig wächst und zu Wohlstand kommt. Der erste und zweite Weltkrieg ziehen an der Fabrik vorbei, ohne äußeren Schaden anzurichten. Doch im Inneren, nicht sichtbaren Gefüge, da entsteht Schaden. Und immer hängt alles mit dem Wasser zusammen. Auch wenn der Lebemann, der Ururgroßvater, sein Nachfolger, der Zahlenfanatiker und kriegkleinrechnende Urgroßvater und auch der ungeliebte Krüppel, der lieber Maler geworden wäre, jedoch Fabrikdirektor werden muss, weil seine beiden hoffnungstragenden Brüder feuerflammend in den Krieg ziehen, umfassend beschrieben werden, so entstehen dennoch keine klaren Bilder wie sie in den meisten Romanen entstehen, die Menschengeschichten erzählen. Die Familiengeschichte bleibt immer nur wie durch einen dünnen Nebelschleier sichtbar. Die Größe dieser Geschichte liegt in den Worten. John von Düffel baut Sätze, die echte germanistische Akrobatik sind, und dabei ist die ganze Geschichte Poesie auf höchster Ebene. Zwischen den Zeilen und den Worten haucht die Liebe, ohne je mit einem Wort genannt zu werden. Auf der Mißgunst gibt es Mißgunst zu Hauf. Da wird eine Frau nur deshalb zum Franzosenliebchen, weil sie aus der Liebesanbahnung ihres späteres Mannes und Fabrikdirektors mit den aus reiner Liebe gefischten Forellen den französischen Kriegsgefangenen das Essen aufbessert. Das Franzosenliebchen wird sie aber erst, als ihr der Patriarch die Ehe anträgt, ihr, der Küchenmagd. Nun schlägt die Mißgunst zu, jetzt erst wird sie zum Franzosenliebchen. Wie sehr verleumdende Worte zerstören können, wird subtil deutlich. Auch der Ich-Erzähler kann den werdenden französischen Liebhaber seines eigenen Franzosenliebchens nicht im Wasser besiegen, obschon er ein außergewöhnlich guter Schwimmer ist. Ja, zwischen Zeilen und Worten haucht die Liebe; die nie glücklich werdende Liebe.
Wie anfangs bereits erwähnt, ist es nicht die Geschichte an sich, die mich so sehr gefesselt hat, dass ich es kaum erwarten konnte abends auf die Couch zu kommen und mit meinen Gedanken zu den Flüssen Diemel und Orpe zu reisen. Es sind die wunderbar gewählten Worte. Um verstehen zu können, was ich meine, zitiere ich zwei Passagen aus dem Buch. Der erste Absatz beschreibt ein aufkommendes Gewitter. Ich musste diesen Absatz gleich dreimal lesen, so fasziniert war ich:
Gewitter
Die Gewitterwolken schienen sich weiter zusammenzuschieben und stürzten wie eine tosende, schäumende Brandung über die Wälder der Hügelkuppen. Das vielfarbige Grau der Wolkenfront, die schwellende Düsternis ihrer Wellenbäuche und die helle zersplissene Gischt, die zu Schaumkronen aufschoß, verschluckte die letzten verlorenen Flecken von Blau in der Atemlosigkeit des Himmels. Sogar das schwarze, so lichtlose Wasser der Orpe verfinsterte sich, wurde schwärzer als schwarz, verlor seinen seidigen Glanz und schwoll unheilvoll an, wie aufgetrieben und zum Platzen voll mit dem stumpfen, dräuenden Grau der Wolken. Es war, als würde das Wasser der Orpe der herannahenden Flut des Himmels antworten, als stünden der schwarze Strom und das sich himmelwärts türmende Unwetter in elementhafter Entsprechung zueinander, in einer Art katastrophaler Korrespondenz, die sie zueinanderdrängte, den schwellenden Fluß an die Feste des Himmels trieb und die schweren, tiefhängenden Wolken zum Aufriß und Sturz in den Strom versammelte, zu einer Vereinigung von Wasser und Wasser in sintflutartiger Totalität.
Und das zweite Zitat beschreibt den viele Jahre nach dem Krieg heimkehrenden einstigen Hoffnungsträger der Familie, der nun zu nichts mehr zu gebrauchen ist. John von Düffel, so langatmig er an anderen Stellen sein kann, fasst das Leben dieses Mannes auf wenigen Seiten zusammen. Sehr komprimiert, sehr ergreifend und verständlich.
Tod
Dabei schien er so zwingend, dieser Tod, so logisch, setzte er doch dem Leben ein Ende, in dem es nichts mehr zu verlieren gab außer diesem Leben selbst, dem bloßen Überleben. Und so sehr der Onkel auch dafür gekämpft hatte, in den Jahren seiner russischen Kriegsgefangenschaft, halb wahnsinnig vor Hunger, und in den Jahren der Erniedrigung nach seiner Heimkehr, halb wahnsinnig vor Einsamkeit, so schien es doch das beste für alle, wenn er starb. Was lag ihm an der Verlängerung seines Elends um weitere drei einsame, geächtete Mahlzeiten pro Tag? Was konnte der Mißgunst daran liegen, die Zumutung des Mitleids und Bedauerns länger zu ertragen, die sich erhob, wo immer er auftauchte, tatterig, krumm, ein Greis von nicht einmal sechzig Jahren, ein Gespenst vergangener Tage, die Erinnerung an einen gemeinsamen Irrtum, an ein im Jubel begangenes Unrecht, die Enttäuschung eines längst vergessenen Versprechens. Nein, die Mißgunst hieß den Tod willkommen, denn sie liebte es nicht, an ihre Irrtümer erinnert zu werden. Längst war aus dem stummen Ansinnen der Reue, das der Onkel vor sich hertrug, ein allgemeines Ärgernis geworden, und die ständige Zumutung von Mitleid, die er mit sich brachte, erschien nicht mehr nur unangenehm, sondern auf die Dauer lästig, wenn nicht sogar unverschämt. Er wurde, je länger es dauerte, zum Bettler der Mißgunst, der gefallene feine Herr, der zu nichts mehr nutze war und nur noch die Geschichte seines Unglücks fortsetzte. Und so wie ein Bettler, den man täglich sieht und dessen Leid, das unveränderlich ist und zu einem großen Teil aus dieser Unveränderlichkeit besteht, allmählich langweilt, ärgerlich oder gar verächtlich erscheint, so wünschte auch die Mißgunst dem Onkel die einzige Veränderung, deren sein Leid noch fähig zu sein schien: den Tod.
Anmerkung: Die „Mißgunst“ beschreibt das kleine Stück Land zwischen den Flüssen Diemel und Orpe , auf dem die Familie ihre Papierfabrik betrieb und lebte.
Persönliches Fazit: Mein Freund Karl-Heinz hat mir dieses Buch ausgeliehen und ans Herz gelegt. Ja, auch ich habe eine sehr enge Beziehung zum Element Wasser . Ich schwimme oft und gerne. Doch ich bin sicher, nicht das Wasser wollte mir Karl-Heinz zeigen. Ich bin sehr froh, diese wunderbare Geschichte gelesen zu haben. Sie hat mir die Welt wieder ein bisschen größer gemacht, meinen persönlichen Horizont erweitert. Allerdings ist es kein Buch für ungeübte Leser. Die verschachtelten Sätze, die unglaublich phantasievollen Metaphern verlangen Leseübung und die Fähigkeit des Tiefgangs. Wie nach jedem Buch, das ich lese, habe ich mir die Mühe gemacht, in verschiedenen Rezensionen zu diesem Buch zu lesen. Bewusst lese ich solche immer erst, nachdem ich das Buch selbst gelesen habe. So werde ich nicht in meiner Art zu lesen und zu verstehen beeinflusst. Es verwunderte nicht wirklich, dass die Rezensionen teilweise eher mittelmäßig ausfielen. Vom Wasser ist schwere Kost, die sich wirklich nicht für jeden eignet. Ich verleihe ihm mein persönliches Prädikat "sehr wertvoll"!
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