Der Turm

 

Titel: Der Turm

Autor: Uwe Tellkamp   

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN-10 3518420208
ISBN-13 9783518420201

 

 

 

 

                                                                            

Ausschnitt der Rezenssion aus Zeit - Online:

Tellkamps klassischer Bildungsroman über die DDR erzählt meisterlich aus einer stillgelegten Zeit: »Der Turm«

Dieses Buch steht außerhalb der Zeit. Es will sich nicht auf die herrschenden Bedingungen einlassen. Auf den ersten hundert, zweihundert Seiten glaubt man sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, in ein behagliches, zurückgezogenes, deutsches bürgerliches Erzählen. Da werden Kindheitssehnsüchte und Naturbilder wachgerufen, wie man sie zuletzt wohl bei Adalbert Stifter oder Hermann Hesse gelesen hat – die stille Landschaft, die dunklen Bäume, die großen Wohnungen mit ihren Schatten spendenden Gärten und den fein ziselierten Intarsien der Möbel.
Es geht chronologisch um einige Jahre zurück, endet 1989.  Zu Beginn fährt der jugendliche Christian, der etliche biografische Daten mit dem Autor Tellkamp zu teilen scheint, Anfang der achtziger Jahre von seinem Internat übers Wochenende nach Hause. Er benutzt die Standseilbahn hinauf in ein altes, bürgerliches Dresdener Villenviertel und liest dabei einen Band mit »Alten deutschen Dichtungen«, zum Beispiel die Geschichte vom Goldsporenritter, der mit zweiundsiebzig Schiffen ausgezogen ist, um Königin Bride zu freien – darin findet sich Christian selbst wieder.
Die stillgelegte Zeit, die hier beschrieben wird, hat konkrete Daten. Es geht um ein Bildungsbürgertum, das in der DDR, speziell in Dresden im Stadtteil Weißer Hirsch, zu überwintern versuchte und eine deutsche Kulturtradition aufrechterhielt, die in der Bundesrepublik währenddessen verschwand. Der schillernde DDR-Wissenschaftler Manfred von Ardenne residierte hier mit seinem Privatinstitut (er taucht im Turm in der Figur des Barons Arbogast auf), und Schriftsteller wie Durs Grünbein oder Ingo Schulze, die nach 1989 auf irritierende Weise gleichermaßen zeitgenössisch und gebildet auftraten, waren in diesem Milieu groß geworden.
Tellkamps Figur Christian kommt aus dem Internat, um den fünfzigsten Geburtstag seines Vaters zu feiern. Dies ist ein klassischer bürgerlicher Höhepunkt und ein klassischer Romaneinstieg: Er zeigt Größe und bereitet den anschließenden Verfall vor. Christian spielt Cello, in einem Quartett aus Familienmitgliedern, er geht in diesem Cellospiel auf wie weiland Thomas Mann im Wälsungenblut.
Aber in dieser Dresdener Abendgesellschaft gibt es nicht nur Musik: Richard Hoffmann, der Vater, bekommt als Überraschung von den Ärztekollegen aus dem Klinikum sein Lieblingsbild eines zeitgenössischen Malers geschenkt. Und Meno, Christians Onkel, liebt alte Folianten und das Stöbern in unzugänglichen Antiquariaten; er arbeitet als Lektor in der feinen »Dresdener Edition«. Meno verfasst selbst heimlich Prosa und hat ein Leitmotiv: »Dresden…in den Musennestern / wohnt die süße Krankheit Gestern«. Liebevoll nennen sich die Bewohner des Viertels selbst »Türmer«, nach der zentral gelegenen Turmstraße, aber dass Goethes »Turmgesellschaft« aus dem Wilhelm Meister hier Pate steht, versteht sich von selbst.
Eine von den Zeitläuften losgelöste Kulturversunkenheit als Widerstand gegen die Zumutungen des DDR-Sozialismus – der Roman zeigt, wie diese Haltung zuerst gegen die DDR und dann auch mit der DDR untergeht. In lange und geduldig ausgesponnenen Handlungsfäden werden viele verschiedene Personen miteinander verbunden und streben gemeinsam dem Ende entgegen. Als Christian 16 ist, identifiziert er sich noch mit der vergleichsweise kleinen Erzählung über Tonio Kröger: »Wenn Christian durch die spärlich beleuchteten, nach Schnee und Braunkohlenasche riechenden Straßen ging, war ihm, als wäre er selbst Tonio Kröger, nicht ganz stilrein freilich, denn er war nicht der Sohn von steifleinenen Lübecker Patriziern.« Doch Christian will höher hinaus: »Mit 500 Seiten begannen die wirklichen Romane. Mit 500 Seiten begann der Ozean, drunter war Bachpaddeln.«
Uwe Tellkamps Roman endet bei ausgedruckten 975 Seiten. Der lange Atem ist Programm. Zunächst wird die bürgerliche Welt in den entsprechenden vergangenen Tönen ausgemalt, wir vertrauen uns einer längst verlorenen auktorialen Erzählhaltung an. Dann wird der bürgerliche Realismus beinahe unmerklich durch eine Art DDR-Realismus abgelöst, einer harten, ungeschönten Prosa mit Armee, Repression und Denunziantentum. So schonungslos, so radikal, so ohne Illusionen, in solch sozial- und alltagsgeschichtlich akribischer Weise wurde das Leben in der DDR bisher noch nicht dargestellt.
Die Mühen der Materialbeschaffung, die Lagermentalität und das allgegenwärtige Misstrauen – die DDR steht hier in ihren fast schon vergessenen Facetten wieder auf, mit ihrer Stasi-Atmosphäre und all ihren Sprelacart- und Wofasept- und Dederon-Depressionen. Der schwarze Schimmel, der sich in den alten Bürgerhäusern breitmacht und auch nicht mit Bootslack zu beseitigen ist, ist nur ein Vorbote, eine kleine Metapher für das Kommende.
Richard Hoffmann holt eine alte Stasi-Geschichte wieder ein, und seine Liaison mit einer Nebenfrau treibt immer wildere Blüten, bis zu einem Selbstmordversuch. Christian kommt direkt vom Cellospiel zur Armee, dem authentischsten DDR-Konzentrat. Meno wird immer tiefer in die Aporien der DDR-Literatur hineingezogen, und nebenbei entstehen Porträts von Möglichkeiten der DDR-Autorschaft, die nichts auslassen zwischen dummdreister Systembekräftigung, arrogantem Opportunismus, ausweglosem Lavieren und Verzweiflung. Dieses Buch ist ein Monstrum, und es will ein Monstrum sein.
Natürlich hätten es keineswegs tausend Seiten sein müssen. Einige Kapitel wirken überflüssig, und manche scheinen einfach aus früheren Skizzenbüchern des Autors integriert worden zu sein. Sich wiederholende Passagen in Dresdner Mundart verselbstständigen sich, die Briefe des gerade einberufenen Soldaten verselbstständigen sich, die eingeschobenen Manuskripte Menos verselbstständigen sich. Ausgefeilte assoziative Passagen wie die über die letzte Dresdener Straßenbahnfahrt auf dem Weg zur Armee zeigen die Fähigkeit zur Verdichtung, zu einem elegischen, symbolischen Schreiben – aber sie deuten auch eine unangenehme Fallhöhe zu breiter angelegten, eindimensionalen Erzählperioden an.
Tellkamp hat offenkundig nach formalen Möglichkeiten gesucht, den realistischen Erzählstrom ab und zu zu stauen, Schleusen einzubauen, es gibt kurze Einschübe, die fragmentarischer, »zeitgenössischer« daherkommen. Dennoch wirkt das Buch insgesamt so, als ob es die jeweils beschriebene Bewusstseinsebene – konservierte Bürgerlichkeit, Armeedrill, Pubertätswirren – mit den ihr entsprechenden sprachlichen Mitteln einfach abbilden möchte.
Der Turm ist eine gewaltige Kraftanstrengung, ein abschließender Blick auf die DDR, der groß angelegte Selbstvergewisserungsversuch eines bedeutenden Autors. Dass »deutsche« Themen, die in Westdeutschland in Zusammenhang mit der 68er-Bewegung »bewältigt« wurden, auf dem Territorium der DDR immer noch virulent sind, wird in diesem Roman sehr beredt. Es geht um Innerlichkeit, um individuelles Pathos, um Schicksal. Das Buch ragt aus der üblichen Saisonware deutscher Gegenwartsliteratur weit heraus. In der Beschreibung der kleinen DDR-Welten, der Ängste und Zerstörungen, in der Analyse einer Diktatur entwickelt es mitunter einen starken Sog.

 

Persönlicher Eindruck:

Fast 1000 Seiten mit Worten gemalt! Selten habe ich so lange an einem Buch gelesen, doch Tellkamp schildert die letzten 10 Jahre der untergehenden DDR so bildhaft, so anschaulich, ohne je eindringlich zu werden, da musste ich aufmerksam lesen; fast war mir, als besuche ich einen Galerie mit Bildern unserer jüngsten Geschichte. Wie soll man auch schnell lesen, wenn einer seinen Kater "Chakamankabudibaba" nennt? Immer orientiert an den nachvollziehbaren wirklichen Daten, zieht der zuweilen  sehr authentisch wirkende Roman sich wie ein (nicht immer klar erkennbarer) roter Faden durch das Leben mehrerer bürgerlicher Familien in Dresden. Nein, nicht die einfache Arbeiterfamilie mit ihren Nöten wird geschildert;  es ist das Bürgertum, das ehemals wohlhabende Bürgertum, das sich mit der Mangelwirtschaft der DDR arrangieren muss. Nöte und Sehnsüchte, die uns in der Freiheit völlig fremd sind. Die Sprache ist für mich teilweise mehr als anspruchsvoll, ich war und bin fasziniert.
So zum Beispiel, als Meno sich der „ausgeschlossenen“,  hochtalentierten Schriftstellerin Judith Schevola annimmt, die vom System aufgrund ihrer nicht konformen Gedankengänge zu niederen Arbeiten verurteilt wird. Sie, das vielleicht vielversprechendste Schriftstellertalent der DDR, ist abkommandiert zum „VEB Kosara“, wo sie als Blauzugkopiererin Broschüren an Alkoholwannen im „Ormid“-Verfahren abziehen muss. Wankend, besoffen von den Alkoholdünsten, kam sie aus dem VEB. Meno bringt sie nach Hause und Judiths  Sarkasmus   wächst, statt zu brechen.  Als Meno spürt, dass er sie mit seinem Versuch, sie aufzumuntern und zum Weiterschreiben anzuregen, scheitert, will er gehen. Judith wirft ihre Gleichgültigkeit ab und versucht auf ihre Art nett zu sein:
„… Sie können auch bleiben, wenn sie schon mal da sind…Wie sie wollen. Ich hab`ne Platte mit indischer Musik, geschrieben für Lebende und Tote, genau das Richtige für Sie und mich. Haben Sie Hunger?“
„Ja.“
„Das ist dumm. Hab`bloß aus Höflichkeit gefragt. Also schlage ich vor: Wir essen zuerst nichts, und danach gehen wir tanzen.“
„Ich kann nicht besonders gut tanzen. – Wie geht`s  Ihnen? Arbeiten sie? Schreiben Sie?“
„Wir wollten so hoch hinaus, und wohin ist es mit uns gekommen“, sagte Judith nach einer Weile.
„Das ist mir zu sentimental. Sie müssen schreiben, die Zeiten ändern sich, und ich glaube nicht, dass Ihr Ausschluss von langer Dauer sein wird.“ …….

Szenenwechsel finden zuweilen mitten im Satz statt, ehemalige Wehrmachtssoldaten, fronterfahren, heute überzeugte Kommunisten, die still für sich zweifeln, schildern nebenbei unfassbare Erlebnisse aus dem Krieg.

klick«,
sagte der Alte vom Berge, »klick,
höre ich das Feuerzeug schlagen, das blaue Licht flammt auf, aber der Wind bläst es aus; nach Osten, nach Osten, der Tambour schrie, und der Soldat schnallte den Tornister fester. Nach Osten die Panzer rollten, es schrie der Größteführerallerzeiten Deutschland Deutschland; der Soldat hatte einen Kameraden, der riß den Brief seiner Liebsten auf, lachte, als er zu lesen begann, eine Kugel stanzte ein Loch in den Stahlhelm, da fiel er hintüber, und seine Augen starrten zum Himmel. Ein anderer Kamerad wollte gleich die Stiefel haben klick,
und der Soldat hatte Wache nachts am Biwak am Fluß, und die Wache versah er schlecht, denn er las ein Buch im Mondschein, und es kamen Partisanen nachts zum Biwak am Fluß und erstachen die anderen Wachtposten, die nicht hinab zum Fluß gegangen waren, und erstachen die Kameraden im Schlaf, der Hund des Kompanieführers bellte endlich und die, die es noch konnten, sah der Soldat sich aufrappeln, er sagte nichts und schrie nichts, denn das konnte er nicht mehr; aber die anderen schrien und griffen zu den Waffen, Schüsse Schreie Feuer die roten Lanzen des Mündungsfeuers, und er sah, wie der Kompaniekoch mit einem Tranchiermesser Du Sau du Sau du Russensau
einer Partisanin die Kehle durchschnitt, und vorher rollte die Schapka in den Schnee und das Haar fiel herab, das weiche blonde Haar klick klick,
eine Hymne erklingt, im weißen Oval heben sich die Hände, der Größteführerallerzeiten tritt ans Mikrophon, erklärt die Olympischen Sommerspiele, Berlin, 1936, als eröffnet, ein Grammatikfehler, über den der junge blonde Mann nur eine Sekunde nachdenkt, denn gleich wird die Kamera mit der verwegenen jungen Regisseurin oben auf der Schienenkonstruktion auf seinen Pulk schwenken, deutsche Jugend turnt, antike Jugend, ewige Jugend vor einem Himmel aus blauer Seide, über den wie ein schlankes Bügeleisen ein Flugzeug schlittert, der Puls des blonden jungen Mannes rast, er spürt, wie seine Bewegungen mit denen der anderen Jungs: Gau Brandenburg Gau Breslau Warthegau zu etwas Höherem verschmelzen, er sieht die lachenden Menschen auf den Tribünen, hört die vor Begeisterung flimmernde Stimme des Stadionsprechers, was für ein herrlicher Tag, was für ein herrliches Leben, dann sucht der blonde junge Mann den Blick seines Vaters, er steht in der Abordnung der schlesischen NSDAP, der Blick ist stolz zum ersten Mal, und der blonde junge Mann spürt etwas, das die Kehle zuschnürt, durch die Adern steigt es, in die Augen, ein Schwimmer frei wie die lichten Wolken hoch dort droben
Schnee. Frau Holle schüttelt ihre Betten. Alte Frau mit gütigem Gesicht, manchmal sah man es in den Seen schlummern, zwischen den Seerosen verzittern, wenn die Hechte erwachten. Schnee, der die Schlammfurchen der Wege Rußlands füllte, weicher, schleichender Schnee. Die Pferdeleiber dampften, der Schirrmeister und die Soldat rieben sie trocken. Sie wieherten und ruckten die Köpfe ängstlich zurück, scheuten im Geschirr, die Augen wie Pechklumpen. Flocken, langsam sinkende Hände, weiße sechsfingrige Hände, strichen den Kameraden übers Haar, die Schultern, betasteten die Zelte, Funkwagen, Kräder, Panzer. Weiße Hände schnitten weiße Weidenzweige, flochten weiße Körbe um das Biwak. Weiße hinabgestreute hinabtauchende Daunenhände, die schmolzen nicht mehr; vor Moskau, der Soldat sah die Türme: den Spassky, den roten Stern auf der Lomonossow-Universität, die farbigen Zwiebelkuppeln der Basilius-Kathedrale; vor Moskau, schraffiert von der Flak, zog der Winter seinen Eisschraubstock an, geriet die Kompanie zwischen seine Kältezangen. Der Schnee wurde rauer, streichelte nicht mehr, und manchmal hörte der Soldat Fetzen von Liedern oder Stimmen heranwehen, die kleine Meerjungfrau war tot, die rote Blume lag gefroren im Malachitberg, der Soldat meinte den fallenden Schnee scheppern hören zu können, wie Zinntellerchen klirrten die Flocken. Ein Kamerad ließ neben ihm Wasser, es gefror vom Boden herauf; er brach es fluchend ab. Schnee verpackte die Kübelwagen, die Decken auf den Pferden, die mit ihren bereiften Nüstern an die steifgeeisten Zelte stupsten. Schnee sperrte die Panzer, die auf Moskau rollten, und dann gefror der Diesel, dann gefror das Öl, und die Soldaten der Kompanie sahen die Menschen auf den Straßen Moskaus hin- und herhasten, sahen Straßenbahnen und Transparente
»Farnzunge knisterte aus dem Volksempfänger, Lale Andersen sang Lili Marlen, und Zarah Leander sang Ich weiß es wird einmal ein Wu-hunder gescheh'n, deutsche Frontweihnacht, und Goebbels schrie, und der Größteführerallerzeiten schrie, und die Reichsrundfunkstimmen, und die Russen schrien. Urrääh urrääh, sie brachen vor Moskau aus, schwarze Punkte erst am weißen Horizont, Nadelstiche, verfließende Schwärme, dann Klumpen, dann Nester, und dann kamen die Panzer von den Flanken auf uns zu, und unsre lagen mit vom Eis geknackten Ketten und hatten keinen Sprit, und ein Kamerad schoß mit einer Panzerfaust in den Öltank eines T 34, der leckte, das Öl eine schwarze Spur im Schnee, und brannte, die Flammenspinnen liefen über die Ketten, aber der T 34 fuhr weiter, die fuhren auch ohne Öl, und dann überm Kameraden in seinem Panzerloch einmal rechts gedreht, der Soldat feuerte das Magazin leer, aber es machte nur pling pling pling auf den Panzerflanken, und einmal links gedreht, bis die Schreie des Kameraden nicht mehr zu hören waren, und dann drüber, und der Soldat nahm eine Handvoll Schnee und sah sie an, er wußte nichts anderes Häng ihn auf Nein
Auf dich ist das Los gefallen, also Ich will nicht. Häng ihn auf, den Juden. Ich kann nicht. Damit du es lernst, du Feigling, das ist ein Befehl das war in dem ukrainischen Dorf. Der Hauptmann zog die Pistole und richtete sie auf den Soldaten, der sah den schwarzen Kreis der Mündung aufsein Gesicht zielen. Ein Befehl, und wenn du ihn verweigerst, blas' ich dir das Licht aus! Und die Kameraden sagten zum Soldaten Na los! Ist doch bloß 'ne Judenlaus! Und zogen den dünnen jungen Mann am Haar, ein zwanzigjähriger Bursche war es, so alt wie der Soldat, und sein Hut lag im Schnee, und daneben wimmerte sein Mädchen, kroch zum Hauptmann und zog ihn am Mantel, er stieß sie weg, sie kam wieder, er schoß, sie blieb liegen. Da sagte der Soldat Ich kann nicht. Und der Hauptmann Und ob du kannst, ich werd dir Beine machen! Hier! Und warf das Galgenseil über einen Ast der Linde neben dem Dorfbrunnen, die am Stamm keine Rinde mehr hatte, die einzelne, zu einem weißen Gespenst geschossene Linde, an der der Bürgermeister und der Arzt und der Rabbi baumelten, reihum war es gegangen unter den Kameraden, der Hauptmann zischte Los, oder, lud durch und drückte die Mündung auf die Stirn des Soldaten. Und der Mensch neben ihm machte hampelnde Bewegungen und griff in die Luft und versuchte mit seinen Händen den Hauptmann zu erreichen und sackte in den Schnee neben sein Mädchen und fuhr sanft über ihren Ärmel und schüttelte ihren Kopf. Die Kameraden zerrten ihn auf und fesselten seine Hände auf den Rücken, zogen ihm ein Tuch übers Gesicht. Der Soldat nahm den Strick, die Kameraden hoben den Burschen auf den Schemel, zurrten die Schlinge eng, der Soldat stieg auf einen Schemel daneben, der Hauptmann wischte mit der Waffe durch die Luft, der Soldat strich dem Mann behutsam die Schneeflocken vom Kragen. Der Atem blähte das Tuch und zog es zusammen, und dann hörte er, daß der Mann zu blöken begann, abgerissen und schief wie ein Ziegenbock, häßlich, wie der Soldat in diesem Moment fand, und dabei näßte der Speichel das Tuch. Das klingt so albern, ich will seine Fresse sehen, runter den Fetzen! lachte der Hauptmann. Aber da stieß der Soldat schon den Schemel weg klick«, »der Schnee bedeckte die Ebenen, bedeckte die Dörfer, Argonauten sahen ihn in der Kolchis, auf dem Kasbek und dem Elbrus, wo die Hakenkreuzfahne wehte, der Soldat bekam Typhus, und in Stalingrad erfror der Verlobte seiner Schwester. Ein Zaunkönig lag erstarrt im Schnee. Flugzeuge trudelten vom Himmel in Flüsse, die brannten. Fetzen von Liedern, von Dudelsackweisen, mit denen Truppen des Marschalls Antonescu ins Gefecht zogen, Flakhämmern, Artillerie, das Knattern der Ratas und das heisere Bellen der Schmeisser-MPis, die Steppenhexen wisperten, Krautkugeln, die der Wind vor sich hertrieb. Der Geschmack von Sonnenblumenkernen, tanzende Nutten in einem Frontbordell, die Lakritzstangen zwischen ihren Mündern kleinkauten; in den Straßengräben Pferde mit aufgetriebenen Leibern, die Augäpfel in Stille geschraubt. Die geschlachtete Kostümhändlerin im Städtchen am Narew, aufgebrochene Truhen, splittrig zerstiefelte Bauernschränke, einer der Kameraden lachte, ging in den Vorgarten, knallte die im Wind sich wiegende Teerose vom Stengel, zupfte die Blütenblätter Sie liebt mich sie liebt mich nicht, ach hoFs der Teufel, Scheiße, Kameraden, lachte nicht mehr, lud die Parabellum durch, hob die in die Ecke gedrängte Katze der Kostümhändlerin hoch, klemmte ihr die Mündung unters Kinn, drückte ab klick,
die Taschenlampe des Feldgendarmen, der durch das Lazarett ging auf der Suche nach Drückebergern. Lungensteckschuß, sagte der Arzt, der sich über den Soldaten beugte. Instrumente klirrten, in eine Schale geworfen, der Geruch von Tabak, langentbehrt, ein Operateur in blutdurchtränktem Kittel, eine Schwester hält ihm in einer Klemme eine Zigarette hin; der Soldat erinnerte sich an den süßen Doldenduft, der aus der Anästhesistenmaske strömte. Frontlazarett, Schüsse, lichtstickende Katjuschas, ein abbrennendes Verwundetenzelt, die Schreie werden ihn nachts aus dem Schlaf fahren lassen. Klirren von rangierenden Zügen, eine Lokdampfpfeife zerschneidet den Hitzevorhang des Fiebers, Rübezahls Geister machen sich lustig. Rückzug in der Rasputitza, der Schlammperiode. LKW blieben stecken, wühlten sich bis über die Räder in den Schlamm, mußten von Pferden und Mannschaft herausgezogen werden. Joch und Kandare, Soldaten und Kriegsgefangene hängten sich in die Sielen, versuchten die Troßwagen herauszutreideln, die Achsen brachen, die Deichseln der Furagewagen brachen. Moskitos zerfraßen die Gesichter, krochen in Ohren, Münder, Nasenlöcher, stachen in die Zunge, durch die Kleider, krochen in die Kragen. Dann wieder der Frost, er kommt abrupt, die Luft scheint innezuhalten, wird gedehnt, gespannt, gestaucht, beginnt zu knirschen, bleibt eine Weile reglos, dann bricht sie wie ein Flaschenhals. Der Schlamm fror betonhart, die bizarren Grate zerschlitzten die Lastwagenreifen und Stiefelsohlen. Rückzug. Dörfer, Koffer im Schnee, aufgesprengte Schlösser, verstreute Briefe, Fotos
 klick,
der Rundfunkknopf Ideale! Dir ist, Liebes! nicht einer
Geschützfeuer, Nahkampf, die weißen Augen des Russen, dann ist er über mir, sein keuchender Atem und die verdreckte Kragenbinde, ich sehe die scharfumrissene Linie einer Wolke über seinem Messer Nicht einer zuviel gefallen
die Schweißtropfen auf der Stirn des Russen, der Soldat sieht einen Leberfleck und gleichzeitig eine Szene aus einem Puppentheater seiner Kindheit, das schöne bunte Harlekinskostüm, versucht noch einiges wie Strampeln mit den Beinen, Schreien, spürt, daß er dem Russen unterliegen wird, der schweigend arbeitet und stärker ist als er, das Messer nähert sich, plötzlich reißt der Russe den Kopf zurück, die Augen weiten sich, er öffnet den Mund
Der unbedingte Wille zum Sieg und die fanatische Kampfbereitschaft des deutschen Soldaten werden den Feind öffnet den Mund zu einem tonlosen Staunen, der Hauptmann hat ihn von hinten erstochen Jeder Zollbreit Land wird bis zur letzten Patrone Blut schwappt aus dem Mund des Russen, sprudelt über das Gesicht des Soldaten Bis zum letzten Mann verteidigt Kostet dich 'ne Runde, Freundchen
sagte der Hauptmann, die Klinge in der Armbeuge abwischend« »klick«,
»Für'n Sechser fetten Speck und Gräber im Schnee, eiserne Kreuze mit Stahlhelm und angehängter Waffe, offene Gräber voller starrender Gesichter, MG-Ne&ter mit erfrorenen wie schlafenden sich umarmt haltenden in weiße Tarnumhänge gehüllten Schützen Für'n Sechser fetten Speck und schnitten, in den ruthenischen Wäldern, den Erhängten und Erdrosselten und Erschossenen das Lederzeug vom Leib, um es zu kochen in schneegefüllten Stahlhelmen, um es weich zu kriegen zum Kauen und es hinunterzuwürgen gegen den Hunger, wie die Talgstümpchen, die der Koch noch im Vorrat hatte; weichgekochtes Leder und Talglichter fraßen die Soldaten, und die dünngeschälte Rinde von Espen klick, machte das Feuerzeug aus der Sertürner-Apotheke, steckte die Fackel in Brand, der Soldat schüttelte den Kopf, hob den Arm Was willst du tun, willst du mich hindern, das verdammte Judenloch anzuzünden, höhnte der Stellvertretende Ortsgruppenleiter der NSDAP von Buchholz und wies mit der brennenden Fackel auf das Hagreiterhaus der Gebrüder Rebenzoll, der reichsten Kaufleute am Ort, die zu Tisch regelmäßig den Bürgermeister, den Kreisarzt, den Pfarrer, den Apotheker gehabt hatten; jetzt prangte der gelbe Stern an der Tür und an den Mauern zwischen den eingeworfenen Fenstern Wo sind die Rebenzolls? Na wo schon, dort, wo sie hingehören, im Haus ist nur noch ihre Verwandtenbrut, die der Bürgermeister geschützt hat, dieser Volksverräter, er ist genauso ein Jammerlappen wie du Du wirst es nicht tun Wie du schon immer gewesen bist Du wirst es nicht tun, oder Was der Soldat hob die Waffe, aber der Stellvertretende Ortsgruppenleiter der NSDAP von Buchholz, Inhaber der Sertürner-Apotheke, lachte nur kurz und zuckte die Achseln, oben begann eine Frauenstimme zu flehen, als der Vater des Soldaten die Fackel hob
Schluß damit, diese Leute Judengeschmeiß, Halsabschneider, sie haben mich erledigen wollen mit ihren Wucherzinsen, also Nein Verreckt!
und warf die Fackel, das Haus begann sofort zu brennen, die Flammen loderten hoch bis zum ersten Stock, wo verschreckte Gesichter erschienen, gleich darauf setzte Tumult im Haus ein, Getrappel, Kreischen, und der Soldat blickte seinem Vater ins Gesicht, das er nicht mehr kannte, für einen Moment befremdeten ihn das graue Haar und die wie hilflos herabhängenden Hände
Willst du die Hand gegen deinen Vater erheben Du hast das Haus angezündet Das sind doch bloß Juden Menschen! Menschen! Gehörst du jetzt auch zu den Verrätern Menschen!
Hältst die Waffe auf mich Menschen!
Ich schlag dich tot wie einen tollen Hund, du bist nicht mein Sohn, du Bastard der Soldat erschoß seinen Vater.«

Während die einen zweifeln, glauben die anderen. Fast schon träge ziehen sich die Jahre von Anfang der 90er Jahre hin, doch die Geschichte fesselt spannend trotz der Langsamkeit. Dann, als die Uhr ins Jahr 1989 springt, dann plötzlich nimmt die Geschichte Fahrt auf, fast zu schnell für den Leser. Wahrscheinlich wurden die Menschen in der damaligen DDR ganz genauso von der Geschwindigkeit der Ereignisse überrollt. Tellkamp bringt eben diese Geschwindigkeit, die Wucht der Ereignisse wunderbar und anschaulich in die Geschichte, und dabei wird er nie ungenau.
Von „Der Turm“ bin ich so besoffen wie Judith Schevola von den Ausdünstungen im VEB Kosara.
Meine Empfehlung: Unbedingt lesen!


Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
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