Deutschstunde
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In der Deutschstunde arbeitet Lenz die Nazizeit auf und zeigt den Gegensatz zwischen kritikloser Pflichterfüllung und Verantwortungsethik.
Dem Roman Deutschstunde hat Siegfried Lenz (*1926) seinen Durchbruch zu verdanken. Wie viele andere Dichter der Zeit machte auch Lenz damit den Versuch einer Vergangenheitsbewältigung, einer Aufarbeitung der Nazizeit und des Krieges. Obwohl ein Großteil der Handlung in den Jahren 1943-45 angesiedelt ist, stehen die Nazis meist nur unterschwellig immer im Hintergrund. Auch der Krieg ist nur in einem Kapitel das beherrschende Thema. Vielmehr werden die Geschehnisse der Zeit auf einer Mikroebene abgehandelt.
Handlung
Siggi Jepsen, Insasse einer Besserungsanstalt für schwer erziehbare Jugendliche bringt es wegen Materialfülle nicht fertig, in der Deutschstunde einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ zu schreiben. Also muss er den Aufsatz als Strafarbeit in seiner Zelle schreiben. Er fasst das aber gar nicht als Strafe auf, sondern als Befreiung, so dass er über Monate hinweg täglich an seinem Aufsatz schreibt.
Der Aufsatz behandelt im Wesentlichen einen Abschnitt seiner Kindheit, die Zeit von 1943 bis in den Spätsommer 1945, Siggi ist zehn bis zwölf Jahre alt und lebt mit seiner Familie bei Husum an der Nordseeküste. Die zentralen Personen sind neben Siggi als Ich-Erzähler sein Vater Jens Ole, der Dorfpolizist von Rugbüll, und der Maler Max Ludwig Nansen. Der Sonderling Siggi, der von seinen Schulkameraden gehänselt wird und kaum gleichaltrige Freunde hat, ist mit dem Maler befreundet. Auch der Vater war einst mit Nansen befreundet, der Maler hatte ihm sogar einmal das Leben gerettet. Mit fortschreitender Handlung spitzt sich das Verhältnis zwischen den beiden Männern aber immer weiter zu. Der Grund ist die gewissenhafte Pflichterfüllung des Vaters. Nansen wird als entarteter Künstler eingestuft und erhält Berufsverbot. Der Vater muss dieses Verbot durchsetzen und außerdem vorhandene Bilder beschlagnahmen. Siggi steht zwischen den beiden Männern: Während sein Vater ihn als Komplizen zu gewinnen versucht, gelten die Sympathien des Jungen eindeutig dem Maler, so dass er anfängt, Bilder von ihm vor dem Vater zu verstecken. Der Vater hingegen ist von seiner Pflicht so besessen, dass er nicht einmal nach dem Zusammenbruch des Naziregimes von ihr lässt, sondern noch bei Ankunft der Aliierten Bilder von Nansen vernichtet.
Im Zentrum: Die Freuden der Pflicht
Das zentrale Thema des Romans wird durch Siggis Aufsatzfragestellung bezeichnet: Die Freuden der Pflicht. Dabei lebt der Roman von der Polarisierung. Auf der einen Seite steht – ziemlich einsam – Siggis Vater, teilweise im Verbund mit der Mutter, auf der anderen Seite in erster Linie der Maler und Siggi selbst mit ihrer konträren Pflichtauffassung.
Der Vater fungiert als Negativbeispiel für überzogenes und unreflektiertes Pflichtbewusstsein. Seine Umsetzung des nationalsozialistischen Berufsverbots für Nansen rechtfertigt er mit den Worten: „Wer seine Pflicht tut, der braucht sich keine Sorgen zu machen – auch wenn die Zeiten sich einmal ändern sollten.“ Seine Pflichtauffassung steht stellvertretend für die gesamte konservative Elterngeneration und bietet somit einen Erklärungsansatz für die Machtfülle der Nazis. Das Pflichtbewusstsein geht dem Vater sogar über die Liebe zu den eigenen Kindern. Als Klaas, Siggis älterer Bruder, sich selbst verstümmelt, um der Front zu entgehen, wird der Sohn von den Eltern regelrecht verstoßen. Als Siggi später straffällig wird, stehen für seinen Vater wiederum seine Pflichten als Polizist im Vordergrund: Er schwört Siggi, dass er ihn zur Strecke bringen werde. Bereits zuvor, als der Vater merkt, dass er auf der Seite des Malers steht, droht er seinem Sohn: „Ich bin mit Klaas fertig geworden, mit dir werd ich allemal fertig werden.“ In diesem Ausspruch manifestiert sich deutlich, worin die Freuden der Pflicht für den Vater eigentlich bestehen: in der Teilhabe an der Macht.
Nansen und Siggi als Gegenentwürfe
Als bildender Künstler und Intellektueller stellt Nansen schon von sich aus das Gegenmodell zu dieser Pflichtauffassung dar. Dem Polizisten macht er seine Position mit klaren Worten deutlich: „Gut, sagte er leise, wenn du glaubst, dass man seine Pflicht tun muss, dann sage ich dir das Gegenteil: man muss etwas tun, was gegen die Pflicht verstößt. Pflicht, das ist für mich nur blinde Anmaßung.“ Sein expliziter Protest gegen die Pflicht besteht im „Malen“ unsichtbarer Bilder: weiße Blätter Papier, die er bereitwillig vom Polizisten beschlagnahmen lässt. Die Ernsthaftigkeit, mit der dieser sich gerade um die leeren Blätter kümmert, zieht dessen Pflichtauffassung ins Lächerliche.
Auch Siggi ist ein Gegenentwurf zum Pflichtgefühl seines Vaters. Zwar tritt er ihm nicht offen entgegen, aber im Verborgenen versucht er, den Erfolg der Handlungsweise seines Vaters zu unterbinden. Dazu richtet er sich ein Versteck in einer alten Mühle ein. Seinen Bruder, der aus dem Lazarett geflohen ist, versteckt er hier vor den Nazis und vor seinem Vater. Hauptsächlich bringt er hier jedoch heimlich gemalte Bilder seines Freundes Nansen in Sicherheit. In diesem „In-Sicherheit-bringen“ entdeckt Siggi schließlich seine eigene Pflicht, es wird eine Manie und er wird als Kunstdieb verurteilt. Diese Pflicht, die er sich selber auferlegt, steht in einem krassen Gegensatz zu den Pflichten seines Vaters, die durch Vorgesetzte festgelegt werden.
Generationenkonflikt und Konflikt zwischen Mitläufertum und Widerstand
Der Konflikt zwischen unterschiedlicher Pflichtauffassung, der sich hier auftut, ist ein Generationenkonflikt, oder genauer gesagt, der Konflikt der konservativen unreflektierten Pflichterfüllung gegenüber dem kritischen Hinterfragen von Befehlen und dem Widerstand. Der Autor kritisiert hierin den blinden Gehorsam der Elterngeneration, der in den Krieg und in die Katastrophe geführt hat. Siggis Eltern fungieren als typische Vertreter der Eltern- und der NS-Mitläufergeneration, ihre beiden Söhne als typische jugendliche Rebellen und schuldlose Nachgeborene. Gegenüber dem Anstaltsdirektor äußert Siggi das Gefühl, als Sündenbock stellvertretend für das schlechte Gewissen seines Vaters im Gefängnis zu sein.
(22.07.2010 Norman Riebesel)
Persönliche Bemerkungen:
Die Deutschstunde ist mein zweiter Lenz. Wie gewaltig dieser Mann zu erzählen weiß! Nachdem ich das Buch gelesen habe, bin ich im Internet auf Meinungs- und Rezenssionssuche gegangen. Ich war erstaunt, über kritische Stimmen (Langatmig….. Erzählstil nicht dem Protagonisten angemessen….). Nein, ich kann mich nicht einem einzigen Punkt der Kritik anschließen. Von der ersten Seite an war ich gefesselt. Dabei war es nicht einmal wirklich die Geschichte, die mich erfasste. Die Kernaussage der Deutschstunde ist düster. Sehr düster. Bei der Pflichterfüllung gingen, gehen Menschen über Leichen und rechtfertigen sich mit eben dieser Pflicht. Diese Ungeheuerlichkeit konnte ich bereits in den Zeitdokumenten im Haus der Wannsee - Konferenz in Berlin hören und lesen. Die schlechteste aller Entschuldigungen für Mitläufer! Neben der ergreifenden Geschichte der Deutschstunde hat mich die Erzählgewalt von Siegfried Lenz fast erschlagen. Um zu verstehen, was ich meine, hänge ich einfach ein wahllos ausgesuchtes Zitat aus dem Roman hier an. Mir fehlt leider die Wortgewandtheit, verständlich zu erklären, was da im Buch auf den Leser wartet. Aber da sind so schöne Beschreibungen darin, dass ich gar nicht aufhören konnte, mit meinem Bleistift zu unterstreichen und zu Markieren. Viele Stellen habe ich zweimal gelesen; nicht, weil ich sie nicht verstanden habe, nein, nein. Ich las sie erneut, einfach nur aus Freude an der Schönheit der Wortkompositionen. Und ich freue mich schon auf die weiteren Bücher dieses wunderbaren Autors, die schon gestapelt auf meinem Nachttisch liegen.
Auszug 1:
Im Jahr dreiundvierzig, um mal so zu beginnen, an einem Freitag im April, morgens oder mittags, bereitete mein Vater Jens Ole Jepsen, der Polizeiposten der Außenstelle Rugbüll, der nördlichste Polizeiposten von Schleswig-Holstein, eine Dienstfahrt nach Bleekenwarf vor, um dem Maler Max Ludwig Nansen, den sie bei uns nur den Maler nannten und nie aufhörten, so zu nennen, ein in Berlin beschlossenes Malverbot zu überbringen. Ohne Eile suchte mein Vater Regenumhang, Fernglas, Koppel, Taschenlampe zusammen, machte sich mit absichtlichen Verzögerungen am Schreibtisch zu schaffen, knöpfte schon zum zweiten Mal den Uniformrock zu und linste - während ich vermummt und regungslos auf ihn wartete - immer wieder in den mißlungenen Frühlingstag hinaus und horchte auf den Wind. Es ging nicht nur Wind: dieser Nordwest belagerte in geräuschvollen Anläufen die Höfe, die Knicks und Baumreihen, erprobte mit Tumulten und Überfällen die Standhaftigkeit und formte sich eine Landschaft, eine schwarze Windlandschaft, krumm, zerzaust und voll unfaßbarer Bedeutung. Unser Wind, will ich meinen, machte die Dächer hellhörig und die Bäume prophetisch, er ließ die alte Mühle wachsen, fegte flach über die Gräben und brachte sie zum Phantasieren, oder er fiel über die Torfkähne her und plünderte die unförmigen Lasten. Wenn bei uns Wind ging und so weiter, dann mußte man sich schon Ballast in die Taschen stecken - Nägelpakete oder Bleirohre oder Bügeleisen -, wenn man ihm gewachsen sein wollte. (Auszug aus „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz)
Auszug 2:
Was ich weiß, das möchte ich auch zugeben. Auch wenn mein Wissen vom nächsten Regen abgewaschen wird: ich muß den rostrot getünchten, lange unbenutzten Stall von Bleekenwarf zugeben, einen diesigen Morgen mit flachen Nebelfeldern über dem Land, ich muß die Stalltür öffnen und den Blick auf das verwundete Tier ermöglichen und noch einmal alle Leute bei ausreichendem Tageslicht ver¬sammeln, die damals dabei waren, um eine Notschlach¬tung entweder durchzuführen oder aber mitzuerleben. Worauf ich mich gleich festlegen möchte, ist dies: der zugige und, wie gesagt, unbenutzte Stall auf Bleekenwarf mit Buchten für Schweine, den rostigen Ringen fürs Vieh und einer schräg hängenden, verschissenen Hühnerstiege; auf einem wackeligen Bretterstapel sitzend der alte Holmsen, seine Frau, Jutta, der Maler und ich; gegen die gekalkte Stallwand gelehnt, mit aufgestützten Vorderbei¬nen, keuchend, blasigen Schaum vorm Maul, das verwun¬dete Tier, das langsam blutete aus den Wunden am Hals und am Rückgrat.
Wenn ich sage, das Flugzeug hat die beiden Bomben hoch über Rugbüll im Notwurf ausgeklinkt, dann kann man natürlich fragen, woher ich das weiß. Nun, abge¬sehen davon, daß ich mir keinen Piloten vorstellen kann, der Rugbüll, noch dazu über den Wolken, einer Bombe für wert befunden hätte, halte ich die Frage: woher weiß der das? zumindest für nebensächlich. Jedenfalls hatte das Flugzeug die beiden Bomben im Notwurf ausgeklinkt, eine fiel in die See, die andere schlug tief in das sumpfige Weideland bei Bleekenwarf und riß einen Trichter; ihre Splitter trafen die Kuh am Hals und am Rückgrat. Es war Holmsens Kuh.
Wir saßen im Stall auf dem Bretterstapel und beobachteten das Tier, das sich nicht mehr erheben konnte, dessen Wunden aber auch nicht ausreichten, es sterben zu lassen. Auf einem ausgebreiteten Kartoffelsack lagen Axt, Messer und Säge - keine Knochensäge, sondern ein einge¬fetteter Fuchsschwanz -, daneben standen Schüsseln, eine Balje, ein verbeulter Melkeimer, auch eine rissige Le¬derschürze lag griffbereit auf dem Boden, alles war zur Notschlachtung vorbereitet. Wir beobachteten das Tier. Es schien auf seinen Hinterläufen zu sitzen, das dreckige Euter mit den fiebrig aufgerauhten Zitzen floß über den hartgestampften Boden, es pulste da im Euter, es schlug und zuckte. Der Schwanz mit dem verzottelten Quast wischte kurz über die Erde, manchmal peitschte er die Wand. Wie beim Trinken schob das Tier weit den Kopf hervor, schnaubte, leckte sich übers Maul bis zu den Nasenlöchern, prustete und stieß blasigen Schaum aus. Ab und zu scharrte es mit einen Vorderhuf, wollte sich von der Wand abziehen, das gelang nicht, es ließ sich zurückfallen mit einem schabenden Geräusch. Stetig sickerte Blut aus den Wunden, rann über das schwarzweiß gefleckte Fell in schimmernder Spur und troff auf den Boden. Ein Splitter hatte das rechte Hinterbein zerschla¬gen, hatte die Decke aufgerissen, den Knochen freigelegt.
Zweimal schon hatte der alte Holmsen versucht, mit der Notschlachtung anzufangen; angetrieben von seiner Frau - einem krummbeinigen, eigenbrötlerischen Wesen mit grauem Haarnetz, das ihm manchmal das Gefühl geben mußte, mit einem Dackel verheiratet zu sein -, hatte er die Axt aufgehoben und war vor das Tier hin-getreten, begleitet und weitergedrängt von den Aufforderungen der Alten, hatte, wie wir erkennen konnten, schon einen Punkt auf der kraushaarigen Stirn ins Auge gefaßt, hatte auch bereits festen Stand zum Schlag gesucht, doch obwohl die Aufforderungen dringlicher, wütender ge¬worden waren, hatte er es nicht geschafft, mit der Axt auszuholen: achselzuckend war er jedesmal zum Bretter¬stapel zurückgekehrt und hatte sich zu uns gesetzt.
Die Alte maulte und stichelte, sie hörte nicht auf, dem alten Holmsen zu drohen, auch jetzt drohte sie ihm, nach Glüserup aufzubrechen, um Sven Pfrüm zu holen, der lange als Hausschlachter herumgezogen war von Ort zu Ort und den er, Holmsen, würde bezahlen müssen, wenn er es nicht fertigbekäme, die Kuh selbst zu schlachten. Sie sagte, während der Maler auf das Tier starrte: Mach bloß zu, Holmsen, mach zu, Mann, sonst bleibt sie uns noch weg; und wir haben nichts als das Unglück, und um ihn hineinzuziehen in die notwendige Arbeit, schnappte sie sich den verbeulten Melkeimer, ging auf die Kuh zu und gab durch ihre Haltung zu verstehen, daß sie selbst das Blut auffangen wollte und überhaupt bei der Notschlach¬tung mitarbeiten würde.
Das half nicht, das verlieh dem alten Holmsen weder Kraft noch Zutrauen, er ließ sich vom Maler mit Tabak aushelfen und rauchte scharf zur Seite weg. Sie erinnerte ihn daran, daß er Enten geschlachtet hatte, auch Tauben und Hühner. Sie nahm die Axt, drückte ihm den Stiel in die Hand und gab ihm zu bedenken, daß die Bezahlung von Sven Pfrüm eingespart werden könnte. Das konnte er einsehen. Er nickte seufzend, erhob sich vom Bretterstapel, doch ein langer Blick auf das verwundete Tier bewies ihm die Grenze seiner Möglichkeiten, und er ließ die Axt auf den Boden gleiten. Vielleicht, wenn es eine andere Kuh wäre, sagte er, aber Thea nicht. Nicht Thea. Sie war meine zweitbeste Milchkuh und hörte aufs Wort. Aber jetzt, sagte die Alte, jetzt hört sie nicht mehr aufs Wort, weil sie halbtot ist: die kann man doch nur von ihren Schmerzen erlösen und notschlachten. Da wollte Jutta tatsächlich wissen, ob man die Wunden des Tiers nicht verbinden könnte in der Hoffnung auf Heilung, worauf Frau Holmsen gereizt, ihre Verachtung nicht verbergend, nur zu sagen hatte: Dir müßte man einen Verband anle¬gen, dir. So wird manchmal eine Frage begriffen. (Auszug aus „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz)
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