Exerzierplatz


Exerzierplatz


 

Siegfried Lenz

 

ISBN 978-3-423-10994-9 (9783423109949)

Schon während ich den Exerzierplatz las, da wusste ich, dass zu diesem Buch keine passende Beschreibung zu finden sein würde. Ich ahnte es wissend. Bei Amazon fand ich eine, aus der ich zumindest so viel Herz herauslesen konnte, dass ich annahm, dass der Schreiber ähnlich empfunden haben könnte wie ich selbst. Doch wenn ich hier ein Buch als lesenswert empfehle, dann soll die Begründung mit dem stimmig sein, was ich empfand. Gerade das macht ja den persönlichen Stil meiner Homepage aus. Also schreibe ich den Text zu dieser Buchempfehlung mal lieber selbst.


Im Klapptext des Buches wird wie folgt auf den Inhalt hingewiesen:


"Wir werden ihnen zeigen, was sich aus diesem Land machen läßt, das nur Kommandos und genagelte Stiefel kennt." Konrad Zeller, durch den Krieg heimatlos geworden, gelingt es tatsächlich, das Gelände eines ehemaligen Exerzierplatzes in eine blühende Baum- und Pflanzenschule zu verwandeln. Sein unermüdlichster Helfer, ist der etwas einfältige, von allen gehänselte Bruno, dem er auf der Flucht das Leben gerettet hat. Dreißig Jahre lang macht Bruno die Sache des "Chefs" zu seiner eigenen, er erlebt die Schwierigkeiten des Neubeginns mit, sieht die Kinder heranwachsen und die Familie zu Wohlstand und Ansehen gelangen. Er selbst bleibt der Außenseiter, der die Sprache der Bäume besser versteht als die der Menschen. Doch durch die jüngsten Veränderungen in der "Festung" wird eines Tages alles in Frage gestellt...


Das mag den Buchinteressierten vielleicht neugierig machen, sagt aber nicht wirklich etwas über diese außergewöhnliche Geschichte aus.


Bruno erzählt um die Familie von Konrad Zeller, seinem „Chef“, zu der er selbst in bestimmter Weise auch gehört, in der Ich-Form. Bruno, das ist der Knecht, ist der Mensch, der nicht viele Worte spricht, der scheinbar geistig etwas zurück geblieben ist (er darf keine Maschinen bedienen). Siegfried Lenz lässt den geistig zurückgebliebenen Bruno in der so wunderbaren Lenz`chen Sprache die Geschichte erzählen. Was ist das doch für ein Widerspruch in sich! Der Bruno ohne Worte erzählt als Ich-Erzähler in so schillernden Farben, da fühlt man sich als Leser zuweilen richtig klein. Siegfried Lenz schreibt über die unausgesprochenen Gedanken des zurückgebliebenen Brunos die Geschichte der Familie Zeller, die Flucht aus den Ostgebieten zum Kriegsende, den Aufbau der Baumschule und damit den Neuanfang für die ganze Familie auf dem ehemaligen Exerzierplatz, schildert die Tragödien der Familie Zeller, erwähnt indirekt Brunos große Liebe zu Ina und die pragmatische Bindung zu Magda. Da ist die Mutterliebe zum erfolglosen, nicht charakterfesten Sohn Joachim, da ist Max, der treue und gerechte Max, der am Ende auch an der Habgier scheitert. Da sind die Enkel des Chefs, die Bruno quälen, doch der sagt nichts, weil er Ina liebt. Da geht es um Betrug und um Vertrauensbruch. Es wird erzählt, von sich aus Habsucht verändernden Charakteren, aber auch von menschlicher Größe. In großen und kleinen Dingen.


Dieser Siegfried Lenz wirft den Leser einfach in die Situation. Mitten hinein. Da wird nicht viel erklärt, da wird nicht viel geschmückt. Soll er doch selbst sehen, wie er klar kommt, der Leser. Immerhin schafft Bruno es auch, und der ist ja nicht der allerhellste Zeitgenosse. „Schwachkopf“ wird er genannt.


Nachfolgend führe ich den ersten Absatz des Buches im Originaltext an. Lassen Sie sich entführen. Infizieren. Faszinieren…


„Sie haben ihn entmündigt. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber Magda hat gesagt, dass sie ihm einen Vormund bestellt haben, ihm, der eine Million Bäume und Pflanzen besitzt, die er wie kein anderer zum Wachsen bringt, hier, in den milden Ostseewinden. Solange ich denken kann, hat er dafür gesorgt, dass ich zu essen bekam, und er hat es bestimmt gewußt – wenn nicht sogar befürwortet -, dass Magda mir oft spät in der Dunkelheit Reste aus der Küche brachte, Brotenden und Wurst – und Käsescheiben für den Nachthunger. Er hat alles über mich gewußt, nicht nur über meinen ewigen Hunger, und vermutlich empfand er soviel für mich, dass er mich einmal seinen Freund genannt hat, seinen einzigen Freund; das war, als er mir die Aufsicht über alle Messer und Scheren anvertraute, über die schönen Okulier- und Stecklingsmesser, über die Schnelläugler und Schwunghippen. Wenn ich`s richtig bedenke, Bruno, hat er damals gesagt, bist du mein einziger Freund. Danach hat er sich hingesetzt, in unserem alten kleinen Geräteschuppen, den er für mich zur Wohnung hat ausbauen und mit Sicherheitsschlössern versehen lassen, hat sich hingesetzt und mich lange grüblerich angesehen.
Wenn Magda nicht gesagt hätte, dass sie ihn entmündigt haben, hätte ich mir gewisse Veränderungen gar nicht erklären können, jetzt aber weiß ich, woher sein besserwisserisches Lächeln kommt und die Mattigkeit und diese
Scheu, die ich nie zuvor an ihm festgestellt habe. Er ertappte mich, als ich in der Abenddämmerung die jungen Nadeln aus den Fichten riß …….“


Darum dreht sich die ganze Geschichte. Der Chef soll entmündigt werden, weil er alt geworden ist und offenbar eine notarielle Schenkungsverfügung hinterlegt hat, in der festgelegt ist, dass Bruno, sollte der Chef sterben, einen Teil der kultivierten Baumschule, die früher ein Exerzierplatz war, erhalten soll. Bruno der „Schwachkopf“. Will Bruno das? Nein, Bruno will einfach nur, dass alles bleibt wie es war. Bruno will keinen Reichtum, er sehnt sich nach dem schützenden Chef, der ihm das Leben gerettet hat, als man aus dem Osten flüchten musste, der ihm Arbeit und ein Zuhause gab. Dem er grenzen- und bedingungslos vertraut. Auch die ganze Familie kennt Bruno ein ganzes Leben lang. Als sie um einen Teil ihres Besitzes fürchten, da zweifeln sie an der Integrität des bis dahin so treuen Brunos. In Wahrheit zweifeln sie nur an sich selbst, denn Bruno hat weder Verständnis noch Interesse für materiellen Reichtum. Und genau das macht diesen Sonderling zum unermesslich reichen Menschen.


Am Ende - ganz am Ende - kommt alles ganz anders. Habe ich schon erwähnt, dass es hier um menschliche Größe geht. Um ganz viel Größe?
Ich empfehle dieses Buch als absolut lesenswert. Ein wahrer Schatz deutscher Literatur. Und ich warne jeden, aus Neugierde die letzten Seiten vorab zu lesen.

MSp

 

Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
von zitate-online.de
  "vermutliche" Nettotage bis zum Ziel!