Heimatmuseum


Heimatmuseum

Siegfried Lenz

 

ISBN-10: 3455042465 (3-455-04246-5)
ISBN-13: 9783455042467 (978-3-455-04246-7)


 

 Fast 700 Seiten gönnt sich Siegfried Lenz, um dem imaginären Martin - dessen gestellte Fragen sich nur anhand der Antworten des mit Brandverletzungen im Krankenhaus liegenden Zygmunt Rogalla rekonstruieren lassen - zu erklären, warum er, Zygmunt Rogalla, sein liebevoll zusammengetragenes masurisches Heimatmuseum angezündet und vollkommen vernichtet hat. Hört sich das langweilig an? Ich nehme es vorweg: da ist nichts Langweiliges drin, auf keiner einzigen Seite. Jetzt, nachdem ich das vielleicht größte Werk des Siegfried Lenz gelesen habe, jetzt bin ich in meinem Urteil sicher: Siegfried Lenz gehört zu den großartigsten Erzählern unseres Landes!

Ich habe es mir leicht machen wollen, suchte im Internet nach Rezensionen zum Heimatmuseum. Da gibt es reichlich Stoff, aber keine einzige Beschreibung spiegelte meine Eindrücke wider. Also, wie auch schon beim Exerzierplatz, versuche ich mich selbst an einer Inhaltsangabe, an einer – natürlich subjektiven – Bewertung.

Als ich zur Schule ging, da hieß unsere Schule „Volksschule St. Josef“. Unter normalen Bedingungen durchlief man hier neun Schuljahre, verließ die Schule mit einem Abschlusszeugnis (wenn’s schlecht lief mit einem Abgangszeugnis) und wurde der Ausbildung eines Handwerksberufes zugeführt. In den ersten Jahren, da hieß das Fach Geografie Heimatkunde. Heimatkunde, dieser in die Jahre gekommene Begriff zieht sich in allen erdenklichen Facetten durch den grandiosen Roman Heimatmuseum von Siegfried Lenz.

Man kann davon ausgehen, dass Lenz seine wirkliche Heimatstadt Lyck/Elk für diese Erzählung in Lucknow umgetauft hat. Ja, es ist hilfreich, ein wenig über die Biografie dieses Dichters zu wissen, mußte er doch wirklich in den Wirren des zweiten Weltkrieges mit seiner Familie die Ostpreußische Heimat zurück lassen, und nach Westen - nach Norddeutschland fliehen.

Anfang des letzten Jahrhunderts beginnt die Erzählung um Zygmunt Rogalla. Wenn er seinen Vater durch Masuren reisen läßt, auf einer kleinen Kutsche, vollgepackt mit Wunderheilmitteln, die dieser selbst zusammengebraut hat, wenn der sich theatralisch von der hauseigenen Kreuzotter, liebevoll "unsere Ella" genannt, vor seiner potenziellen Kundschaft auf Jahrmärkten in den Unterarm beißen läßt, um alsgleich das mitgeführte Heilmittel hierfür zu verkaufen, dann schildert Lenz das so lebendig, da möchte man gerne auf dem Marktplatz in der Menge stehen, den Geldbeutel öffnen und ein paar der handbemalten Glasfläschchen erwerben– auch wenn die Wirkung der Mittel mit klarem Menschenverstand nicht Ernst zu nehmen sein darf. Nicht nur der Schlangenbiss, nein, auch Heimweh, Gewehrkugeltreffer, Liebeskummer, Pest und Cholera, selbst Schwermut kann  mit den höchstgeheim hergestellten Mitteln behandelt werden. Da fehlt nüscht in der Palette der Rogallaschen Angebotspallette. Es kommt der erste Weltkrieg, da trifft den Vater auf seiner Kutsche eine Granate. Zygmunt und sein Freund Conny beobachten die Himmelsfahrt des Quacksalbers samt seiner Medizinkutsche. Die Familie Rogalla zieht zu Onkel Adam, der seine Lebensaufgabe darin sieht, sein Heimatmuseum zu erweitern. Er trägt masurische Zeijtzeijen zusammen, kunterbunt und möchte die masurische Geschichte auf ewig festhalten. Nicht ohne Spuren zieht der erste Weltkrieg zweimal durch Lucknow. Doch die hier ein- und durchziehenden Husaren erfreuen sich eher einer nicht zu düsteren Schilderung. Später, als sich Deutschland von den Nazis infizieren  läßt, da werden die Begebenheiten politischer und bedeutend düsterer. Da werden treue Masuren zu strammen Uniformträgern, da werden Ortschaften umbenannt, um deutscher zu klingen, da werden Familiennamen verdeutscht. Lenz benutzt nie das Wort Nazi. Er nennt sie Ostlandreiter. Seinem Freund Conny überlässt er die Rebellion gegen die Ostlandreiter, gegen ihre falschen Tugenden und verbrecherischen Ideale. „Eifersüchtig auf ihre Vergangenheit bedacht, werden sie für Reinheit kämpfen; und das ist das Schlimmste: wo einige Reinheit erzwingen wollen, da müssen andere dran glauben. Im Namen der Reinheit handeln immer nur die Zukurzgekommenen….[Seite 281]. Zygmunt hält sich verhalten begeistert, aber immer kritisch gegenüber den neuen Sitten und Bräuchen. Inzwischen verliert die Familie Onkel Adam an die Krankheit des Vergessens. Zygmunt übernimmt das Heimatmuseum, trägt es weiter, erweitert es. Erst, als die Ostlandreiter seinem Museum bestimmte Ausstellungsstücke vermiesen wollen, da diese nicht wirklich arisch anmuten, da beginnt sich Zygmunt und seine Frau Edith zu wehren. Gegen den Druck der Ostlandreiter schließt er sein Museum. Auflehnung ist in dieser Zeit purer Mut, da inzwischen die Massen allerorts jubeln und an 1000 glorreiche Jahre glauben. "Ich hoffe, Martin, daß du mich verstehst. Vergangenheit: sie gehört uns allen, man kann sie nicht aufteilen, zurechtschleifen; das verwächst doch miteinander, verschränkt sich, das bestätigt sich gegenseitig in Habgier, Macht und Niederlagen - manchmal, aber sehr selten, in Vernunft: und wer versucht, die Dinge und Beweise zu trennen, die uns hinterlassen wurden, wer sich einen reinen Ursprung zulegen will, der weiß, daß er Gewalt braucht." [Seite 445] Es kommt wie es kommen muß. Die neuen Herrscher übernehmen sich nicht nur im russischen Winter, die kälteerprobten Russen rollen mit ihrer gigantischen Kriegsmaschinerie nach Westen und die Masuren verlassen in langen Trecks ihre Heimat. Heimat! Lenz betrachtet diesen Begriff immer wieder unter neuen Aspekten. Diese Flucht, die muß man einfach lesen. Ich mache mir die Mühe, einen Textabschnitt der Flucht meiner Interpretation anzuhängen. Siegfried Lenz läßt die Lucknower auf Leiterwagen und Schlitten im Winter nach Westen fliehen; so anschaulich, so nüchtern lebendig, da meint man wirklich dabei zu sein, auf einem Wagen zu sitzen und hungernd zu frieren. Zygmunt verliert auf der Flucht seinen Sohn Paulchen, der durch einen Granatsplitter getötet wird. Seine Frau Edith geht wie in Trance, das tote Kind auf einem Schlitten hinter sich herziehend, in der Menge unter und wird nie wieder gesehen. Die Flucht über das Haff ist verlustreich und grenzenlos ungerecht. Verbrecherich gar die Szene, als der alte Statthalter von Lucknow der Schiffsbesatzung verbietet Schiffbrüchige aufzunehmen, nur um seine Haut und sein Hab und Gut zu retten. Nie wehklagt der Erzähler. Nur wenige retten sich nach Norddeutschland. Mit den wenigen geretteten Stücken aus dem masurischen Heimatmuseum baut Zygmunt mit einem masurischen Freund, dem krummbeinigen Bosniaken, ein neues Heimatmuseum auf. Mit der Zeit organisieren sich die Vertriebenen. Einzelstücke werden Zygmunt zugeführt, das Museum wächst. Conny, damals mutiger Gegner der Ostlandreiter taucht nach jahrelanger Gefangenschaft aus Russland wieder auf. Aus dem Paulus wird ein Saulus (leider erläutert Lenz hierzu keine Hintergründe). Conny mutiert zu einem erzkonservativen Vertriebenenfunktionär; stützt sogar den ehemaligen Statthalter Lucknows bei der Wahl zum Vorsitzenden, der Mann, der so viel Schuld auf sich geladen hat, dass Zygmunt ihm niemals die Hand reichen kann, denn an diesen Händen klebt Blut; Blut unschuldiger Menschen. Und jetzt wiederholt sich die Geschichte. Die Vertriebenenfunktionäre, allen voran Conny und auch der ehemalige Statthalter, wollen auf Zygmunt einwirken, wollen in der Ausstellung des Heimatmuseums Partei ergreifen, wollen manipulieren und verfälschen, wollen die Geschichte hinbiegen. Nicht anders, als die Ostlandreiter damals. Als Zygmunt unter Druck gesetzt wird (wie ähnlich die Argumente sind!), da sieht er nur noch einen Ausweg. Doch bevor das Ende, das endgültige Ende der masurischen Vergangenheit im Heimatmuseum geschildert wird, da greift Lenz noch einmal in die schriftstellerische Trickkiste. Er läßt einen Landschaftsfotografen einen Vortrag über Masuren halten. So lebendig beschreibt er die Bilder, da meinte ich wirklich staunend, und mit offenem Mund in den Stuhlreihen des Vortragsraumes zu sitzen und auf der Leinwand dem Wisent beim Kauen zuzusehen. Eine großartigere Landschaftsbeschreibung möchte ich mal gerne sehen, wenn es eine gibt! Hatte ich bisher immer geglaubt, meine Reiselust nach Osten wäre an den Grenzen unseres heutigen Deutschlands befriedigt, so belehrte mich Lenz in dieser großartigen Erzählung eines Besseren: Ich möchte das ehemalige Ostpreußen im heutigen Polen bereisen und sehen! Wer so atemberaubend schildern kann, der muss großartiges gesehen haben. Beim Lesen wuchs da eine unbändige Reiselust nach Ostpreußen in mir.

 

Bevor ich nun den Ausschnitt der Flucht als Originalzitat einfüge, empfehle  ich das Buch Heimatmuseum von Siegfried Lenz als absolut lesenswert. Ich glaube, das ist der großartigste deutsche Roman, den ich bis heute gelesen habe! Prädikat: grandios, wertvoll und wunderbar zugleich.

MSp

 

Zitierter Text aus „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz

(hier ein Ausschnitt aus der bewegenden Beschreibung der Flucht…)

…Siehst du, und so begann der Zerfall des Trecks, nicht die Auflösung, sondern nur das allmähliche Abbröckeln, denn wenn wir anfangs auch einander halfen, wenn wir beim andern in die Speichen griffen, wenn wir reparierten, das Verstreute einsammelten und von neuem verluden, wenn wir auch Leute und Lasten auf die heilen Fahrzeuge verteilten - einige wollten nicht, konnten nicht, bestanden darauf, mit ihrem eigenen instandgesetzten Fuhrwerk nachzukommen. Doch wer einmal zurückgeblieben war, der schloss nie mehr auf zu uns, da unser eigener Weg ja nicht den vorbestimmten, abgesprochenen Verlauf nahm, sondern - und das mussten wir früh erkennen -abhängig war von ständig wechselnden Straßenlagen, und das heißt: von den Bewegungen und Gegenbewegungen unzähliger Trecks, von zurückflutenden, geschlagenen Divisionen, ja, und auch von den unberechenbaren, schnell vorstoßenden Panzerspitzen der Russen.

Wir fuhren weiter, noch machten wir Boden gut Richtung Nordwest, über gefrorene Felder, manchmal über Wiesen und das tragende Eis der Seen; am Tag kochten wir am Waldrand ab, auf Feuerstellen, die andere aus Steinen errichtet hatten; nachts rasteten wir in verlassenen Gütern, in Ziegeleien, in deren Ofen die Glut erloschen war. "Wo nur, wo war es, als sich beide Artillerien, die unsere und die andere, über unsern Treck hinweg auseinandersetzten? Wir standen in einer Talsenke, hörten die Geschosse rauschen und hatten Mühe, bei zu kurz liegenden Einschlägen die Pferde zu halten. Wir sahen weder die einen noch die andern, wir horchten nur und fühlten unter unseren Fahrzeugen die winterliche Erde beben. Hier zerschlug ein fingerlanger Splitter den verglasten Sperrholzkasten, in dem die »Pflanzen der Heimat« mitreisten, die getrocknete Kuhschelle, die Silberdistel, der Porst, den wir als Mottenkraut nahmen; die pflanzlichen Reste zerstoben, rieselten ineinander; beim Anfahren warf Edith den zerstörten Kasten in den Schnee. Ja, nun weiß ich es: Wilucken, es war in der Talsenke von Wilucken, wo die Artillerie, unsere und die andere, ihr Duell über uns hinweg austrug; bald darauf passierten wir auch den Wald, dem das Dorf den Namen gegeben hatte, rumpelten und glitten an dem zerfetzten Holz vorbei, an dem schwelenden Unglück. Nicht allein Militärlastwagen und Geschütze, auch die Fuhrwerke eines Trecks hatten im Wilucker Wald Schutz gesucht, und sie hatten ihn wohl auch gefunden, bis die Geschütze zu feuern begannen. All die hingestreckten Tiere. Die zerschlagenen Fahrzeuge. Das zerstörte Gerät unter schräg hängenden, geknickten Stämmen. Das rotierende, das unaufhörlich rotierende Rad eines gestürzten Wagens, dessen Last ein Sturm weggerissen und über den Waldboden bis hoch hinauf in die Baumwipfel geschleudert hatte. Der alte Mann, der mit Hilfe mehrerer Soldaten steife Körper an den Rand eines Granattrichters trug und sie behutsam hineinrutschen ließ. Aufgeschnittene Kartons, Truhen, die ihren Inhalt erbrachen, Bettzeug, überall stockiges, fleckiges Bettzeug im Schnee und ein Geruch nach verbranntem Gummi. Keiner von unserem Treck stieg ab, um zu helfen, zu bergen, und die, die den Feuerschlag überlebt hatten, schienen nichts von uns zu erwarten, ja, es kam dir so vor, als bemerkten sie uns gar nicht, während wir uns vorbei quälten. Wir hatten sie noch nicht lange hinter uns, da machte meine Mutter eine Entdeckung, dass heiß, ein Ruf des Entsetzens sagte uns, daß sie eine schwerwiegende Entdeckung gemacht haben mußte: sie fuhr empört auf, sie schnappte und jammerte; zurückblickend sah ich, daß sie aus einem Kasten Kleidungsstücke herausriss, Sonntagskleider, Jacken, Hosen und Blusen, die sie anklägerisch in den schneidenden Wind hielt und dann erbittert zwischen die Möbel warf: Honig, ein Krug mit Honig und mehrere Gläser mit Honig hatten sich geöffnet und waren so über den Kleiderkasten gedrückt worden, daß ihr zähflüssiger Inhalt unsere Sonntagssachen tränkte und verleimte; das troff sämig und zog Fäden, das verklebte die Gewebe, das breitete sich sickernd aus und schenkte sich weiter, gerade als sollte kein Kleidungsstück zu kurz kommen. Und wenn sie im Kasten verschont geblieben waren, so bekamen sie ihren Teil zwischen den Möbeln ab, wohin meine Mutter die tropfenden Sonntagskleider nicht nur warf, sondern auch noch einen Augenblick niederpreßte, wie zur Strafe niederdrücke. Als schließlich alles befleckt und verklebt war, versuchte sie, einzelne Stücke mit einem Kodder zu reinigen - wobei sie es nicht unterlassen konnte, den dick aufsitzenden Honig mit gekrümmtem Finger aufzunehmen und den Finger mit geschlossenen Augen abzulecken. Für die nächsten Stunden jedenfalls hatte sie einen Grund zur Erbitterung.

Ah, diese Verluste; diese lange Spur von Trümmern und verlorenem Gut! Wie du, wenn auch nur für eine Weile, den Kurs eines Schiffes ermitteln kannst anhand der treibenden Abfälle und der über Bord gegangenen Flaschen und Becher und Latten, so konntest du damals die Wege und Irrwege der Trecks ablesen an den Dingen, die die vereisten Landstraßen säumten, - an all dem Verlorenen, Aufgegebenen. Jeder Treck gab das seine dazu, freiwillig oder unter Gewalt, jeder vermehrte den Saum des Unglücks, den die Nachfolgenden als Wegweiser nahmen, als Zeichen, dass sie in die Windstille hineinführte. Wie viel Besitz da zu Plunder wurde! Wie gründlich der Winter und das freie Feld den Dingen ihre Wertlosigkeit bewiesen! Aber ich muß dir von uns erzählen, von dem Abend, an dem wir gezwungen wurden, die Richtung der Flucht zu ändern. Um uns zur Nacht einzurichten, verließen wir die Chaussee, schaukelten, Krimkowskys Wagen voran, eine kahle Lindenallee hinauf zu einem verwüsteten Gut; Scheune und Stallungen waren von Granaten getroffen worden, nicht aber das Herrenhaus, dessen zersprungene Fenster wir mit Stroh und Säcken hofften, abdichten zu können. Wir waren kaum aufgefahren, da rief der Feuerwehrgeneral die Gespannführer zu sich. Wir trotteten steifgliedrig auf die Terrasse, wir stiegen über zerbrochene Blumenschalen hinweg und über Mörtel, den der Frost abgesprengt hatte; die beiden Türen schlugen im Wind, hinter den Fenstern bewegten sich zerrissene Gardinen. Er, der sogenannte Treckführer, erwartete uns im offenen Mantel zur Lagebesprechung, er blickte über uns hinweg auf die sanften, weißen Hänge, die zu einem ovalen See abfielen, er blickte zukunftssicher, unser Befehlshaber mit den gekreuzten Schlauchmundstücken auf den Kragenspiegeln. Wie jeden Abend wiederholte er mit denselben Worten seine Anweisungen, Fütterung der Tiere, Aufteilung der Räume, Ablösung der Wachen, er wiederholte Feuervorschriften und Verhaltensregeln bei Beschuß, und wie jedes Mal, ermunterte er uns zum Schluss, Fragen zu stellen.

Zwei, drei Arme reckten sich - doch er übersah sie; er schien plötzlich seine Aufforderung vergessen zu haben und starrte so gebannt auf die jenseitigen Hänge, daß wir uns unwillkürlich umwandten und das Ziel suchten, an das sein Blick sich verloren hatte. Keiner, der nicht sogleich den Reiter ausmachte, der im Galopp zum See hinabstürmte - ein einzelner dunkler Reiter, der nicht nur schnell, sondern auch umsichtig ritt und den tückischen Schneewehen auswich, so sicher und berechnet wie einer, der mit diesem Land vertraut war. Pferd und Mann schienen ein einziges miteinander verschmolzenes Wesen zu sein, als sie am Seeufer entlang flogen; im Sprung nahmen sie einen Bach, brachen durch starres Schilf und wendeten und kamen zum Gut herauf, immer noch nicht verzögert, obwohl der Reiter längst die Wagen des Trecks erkannt haben mußte. Er ritt an uns vorbei, vor der Auffahrt zum Herrenhaus ließ er sich aus dem Sattel gleiten, zog einen Karabiner aus einem Futteral und suchte sich, ohne das Pferd festzubinden oder ihm auch nur einen Befehl zuzurufen, einen Weg zwischen unseren Schlitten und Fuhrwerken hindurch zum Stallgebäude. Erst als der erste Schuß fiel, liefen einige von uns, lief auch ich hinüber ... Nein, Martin, das nicht; vielmehr standen und lagen im Stall mehr als ein Dutzend verletzter Pferde, Araber und Trakehner, um die sich niemand mehr hatte kümmern können, als detonierende Panzergranaten die Leute des Guts zur Flucht zwangen. Wie gesagt, sie standen und lagen in ihren Boxen, mit durchtrennten Fesseln, mit aufgeschlitzten Flanken, sie warteten da, nicht stöhnend oder ächzend, sondern allenfalls leise schnaubend, ins Stroh prustend. Sie standen da mit blutglänzendem Fell, mit freigelegten Knochen, eins beschnupperte stehend seine schillernden Eingeweide, auch dies ruhig, ohne panisches Reißen; alles, was du hörtest, war ein schwaches Scharren. Der Mann, im letzten Licht, das durch die von Granaten gerissenen Öffnungen hereinfiel, der Mann wankte von Box zu Box, verhielt sich einen Augenblick regungslos, hob dann allein mit der Rechten den Karabiner und schoß auf kürzeste Entfernung immer den gleichen Schuß, immer hinters Ohr. Ein Pferd nach dem andern knickte ein, brach zusammen; die im Stroh lagen, warfen sichtbar den Kopf hoch unter dem Schlag der Kugel, probierten noch einen Schritt, ehe sie sich streckten. Wie lange die Körper nachzitterten! Es stand für uns außer Zweifel, daß der Mann der Besitzer der Pferde war, wir unterbrachen ihn nicht, wir machten uns nicht einmal bemerkbar; schweigend folgten wir ihm und erlebten, wie einige Pferde den Kopf hoben und nickten bei seinem Anblick, wie zur Begrüßung nickten, ja. Als er nachlud, sah ich, daß er an der linken Hand einen Wildlederhandschuh trug, es war eine Holzhand.

Dann setzte er sich auf einen Hafertrog und rauchte und legte die Stirn gegen einen roh behauenen Pfeiler, und wir gaben ihm diese Zeit und traten nicht an ihn heran. Und du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er sich endlich ruckhaft erhob und auf uns zuwankte, benommen vor Schmerz und gleichzeitig erfüllt von bitterer Genugtuung, ein wortkarger Mann, wie sich zeigte, der Besitzer des Guts, der zwanzig Kilometer geritten war, nur, um die verwundeten Pferde nicht ihrem Schicksal zu überlassen, und der nun zum Nachtquartier seiner Leute zurückreiten wollte. Er hielt sich nicht auf, er wollte nichts über unsere Herkunft und den beschlossenen Weg erfahren; ohne die Gebäude auch nur blickweise zu streifen, ging er zwischen unseren Fahrzeugen hindurch und pfiff an der Auffahrt seinem Pferd; das trabte gehorsam heran, er schwang sich in den Sattel und schien erst jetzt gewahr zu werden, daß wir ihn umstanden. Es ist kein Durchkommen mehr im Westen, sagte er plötzlich, sie sind bis Elbing vorgestoßen und haben den letzten Weg verlegt. Und nachdem er das gesagt hatte, ließ er das Pferd wenden und ritt grußlos davon, und es ergab sich einfach, daß wir ihm nachblickten, bis er die jenseitigen Hänge gewonnen hatte.

Wir bezogen das kalte Herrenhaus und beratschlagten, das heißt, wir nahmen gemeinsam zur Kenntnis, daß uns nur ein einziger Ausweg geblieben war, der Weg über das gefrorene Haff und weiter über die winterliche Ostsee, und danach ging jeder zu seinen Leuten, um ihnen beizubringen, was sie auf der Fahrt nach Norden erwartete. Keine Auflehnung, kein Gemaule oder Protest; apathisch fügten sie sich dem neuen Beschluß; ah, wir waren mit jeder Entscheidung einverstanden gewesen, die uns eine Aussicht aufs Entkommen geboten hatte. Unter verstopften, verhängten Fenstern lagen wir auf dem hölzernen Fußboden der Halle, dicht aneinandergerückt, wir lagen in unseren Kleidern, von klammen Decken umsteckt, auf klammen Kissen, unentwegt huschte es, flüsterte es, du konntest dich nicht an das Wimmern gewöhnen und nicht an das Gebrabbel eines Alten, der im Schein eines Talglichts seine Wertsachen durchfingerte - es half nichts, wenn hier und da einer um Stille bat, sie kamen nicht zur Ruhe. Einige faselten im Traum oder schrien gellend auf, andere aßen heimlich unter den Decken oder erzählten sich unermüdlich selbst etwas vor;…….

 [aus: Siegfried Lenz - Heimatmuseum]

 

 

 

 

 

 

 

 

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