Arnes Nachlaß
![]() |
Arnes Nachlaß.
(1999, Hoffmann und Campe).
ISBN-10 3455042899. ISBN-13 9783455042894 |
Dieses außergewöhnliche Buch war bereits hier in meiner Bücherliste ganz hoch gehandelt. Erneut weise ich nun auf diesen Roman im Taschenbuchformat von Siegfried Lenz hin. Nach mangelnder Datensicherung ging mein Beitrag durch einem DB-Crash verloren (eine wunderbare Erfahrung in einer Zeit, in der man alles rückholbar glaubt!). Viel, sehr viel Mühe hatte ich mir mit der Inhaltsangabe und Interpretation zu „Arnes Nachlaß“ gemacht. Wie erschrocken ich war, als gerade dieser Beitrag unwiderruflich verloren war. Nun suchte ich verzweifelt nach aus meiner Sicht passenden Ansätzen, um „Arnes Nachlaß“ möglichst schnell wieder in meiner Bücherliste empfehlen zu können. Deshalb schnell, weil ich diesen Roman von Siegfried Lenz als so außergewöhnlich gut erlebt habe, weil ich glaube, dass dieser Roman so treffend in unser Heute passt, in der herzlos geprügelt und gemobbt wird, dass ich ihn einjedem, der die Fähigkeit hat, Bücher zu lesen, ans Herz legen muss. Arnes Nachlaß ist ein zärtliches, und dabei doch gewaltiges Plädoyer an die Menschlichkeit. Hier wurde ein junger Mensch herzlos, mit nur schwer zu erkennenden, dafür umso gemeineren Waffen ins Abseits geschickt. Erniedrigt und entehrt fühlt sich der Junge, als er - um der Liebe willen - einen Freund verrät. Der Weg, den er dadurch einschlägt, der ist konsequent und endgültig. Ohne den erhobenen Zeigefinger mahnt Siegfried Lenz uns zur Achtsamkeit, zum gefühlvollen Miteinander. In einer Zeit, die scheinbar für Gefühle zu schnelllebig geworden ist. Dieses Buch hat mich so sehr gefesselt, da musste ich zwei Nächte lang durchgelesen. So lieb hatte ich Arne auf den Seiten gewonnen, als er ging, spürte ich echten und traurigen Verlust.
Absolut lesenswert!
"Arnes Nachlaß": eine Variation über den Schmerz von Siegfried Lenz
Der Junge mit der Aureole
Besprechung von Eva Tropper aus Der Standard
Am Ende ist er verschwunden auf einem der Gewässer, die unermüdlich durch die Romane von Siegfried Lenz fließen: Arne, hinterlassener Sohn einer Familie, die sich im väterlich verordneten Suizid aufgelöst hat. Und nicht zu seinem besten hat der Knabe überlebt, denn er wird von einer feindlichen Welt noch Kerbe um Kerbe geschlagen bekommen, bis nichts mehr von ihm bleiben wird als ein paar Dinge: sein Nachlass.
Siegfried Lenz, Goethe-Preisträger der Stadt Frankfurt im Vorjahr und seit der Deutschstunde (1968) einer der publikumswirksamsten deutschen Autoren, hat seinen jüngsten Roman um diese materiellen Reste eines Lebens herum angeordnet.
Es sind Erinnerungs-Bumerange, die, aus der Gegenwart geworfen, ihre Schleifen im Vergangenen ziehen, um wieder zu sich selbst zurückzukehren. Auf diesen Plural ist zu bestehen: Keine große Erzählung will sich aus den unspektakulären Habseligkeiten eines Halbwüchsigen fügen; keiner Chronologie der Ereignisse beugen sie sich, vielmehr einer Choreographie des Gegenständlichen, die Zeit nicht linear denkt: Erinnerung hat sich an den Dingen abgelagert, steht sprichwörtlich im Raum.
Was Lenz einmal als das Interesse an den "Dingen im Abseitigen, im Unscheinbaren" formuliert hat, ist hier zum Prinzip geworden.
Arnes Nachlass setzt sich zusammen aus dem Abwurf eines Lebens im Hamburger Hafenbecken, genauer: auf dem Schiffsfriedhof im Hamburger Hafenbecken, wo Maschinen ausgeweidet und Boote abgewrackt werden. Arnes Nachlass: eine Summe von Unbrauchbarkeiten. Ein Stück Tau, ein Springmesser mit abgebrochener Klinge, ein Schiffsknoten. Am Abwrackplatz, wo das noch zu Gebrauchende strikt vom Wertlosen geschieden wird, ist Arne der Lumpensammler: ein Lumpensammler, der gegen den Imperativ der Funktion rebelliert.
Das Bild darf wörtlich genommen werden: auch Arne selbst versteht sich nicht aufs Funktionieren in einer auf Gebrauchswerte ausgerichteten Gesellschaft, die Lenz durch eine Gruppe Gleichaltriger in Szene setzt. Die lassen einen, der "anders ist", erwartungsgemäß draußen, und seinen verschobenen Blick auf die Welt ziehen sie erwartungsgemäß ins Lächerliche, um die eigene Normalitäts-Definition nicht zu gefährden. Sie sind die Meute, und der, den sie jagen, ist ein ohnehin nur noch auf Abruf Lebender, dem der Tod zu tief ins Aug geschaut hat, um ihn je noch wirklichkeitstauglich werden zu lassen. Doch Arnes einziger und hysterischer Wunsch besteht genau darin, wieder einer von den Lebenden sein zu dürfen; seine Liebesbedürftigkeit lässt ihn schließlich bis zur Anbiederung schwach sein.
Am Ende einer Kette von Zurückweisungen lässt sich Arne benutzen, weil ihm der vermeintliche Preis der Integration dafür winkt. Ein Raubüberfall, den die Gang von ihm decken lässt, wird zur Falle, man schiebt dem Buben mit der lilienweißen Seele den schwarzen Peter zu. Und dann verschwindet Arne auf dem Wasser.
Nur einer hat sich Arne in den zwei gemeinsamen Jahren zum Freund gemacht: Hans. Und der erzählt schließlich auch die Geschichte, indem er jeden Gegenstand aus dem Nachlass episodisch zum Sprechen bringt. Was Lenz in seinem 1998 publizierten Essayband Über den Schmerz mit glaubwürdigem Gestus des Mitgefühls als eine "Bruderschaft im Schmerz" postuliert hat, wird von dem Duo Arne und Hans nachvollzogen: "[Arne] nahm alles erstaunlich gelassen in Kauf - nicht zuletzt deshalb, weil auch ich viel gehänselt und verspottet wurde". Beide also schlagen sich an der Welt die Knie wund, und beide nehmen die ihnen zugefügten Verletzungen mit Demut zu Protokoll. Die Buben, das steht bereits nach den ersten Seiten fest, sind gealtert vor der Zeit.
Lenz schreibt ihnen eine Prise zuviel der Tugend auf den Leib, diesen moralisch jederzeit intakten Teenagern. Und Arne hätte man sich weniger typisiert gewünscht, diesen Jungen mit der Aureole, der mit seiner "Sanftmut und Duldsamkeit", mit seiner außergewöhnlichen Intelligenz und seiner Ungeschicklichkeit an einer gleich als ganzer der Oberfläche anheim gefallenen Gesellschaft scheitert.
Leider zerfällt die Welt in Moral und Unmoral, sauber geschieden. Da kann auch die Erinnerungsarbeit nichts anderes zu Tage fördern als von vornherein festgelegte Zuschreibungen. Wenn Lenz im Stadtgespräch die Unverlässlichkeit und Brüchigkeit von Erinnerung mitgedacht hat, wenn er in der Deutschstunde an der Unmöglichkeit verzweifelt ist, Erlebtes in seiner Totalität zu fassen, so ist er in Arnes Nachlaß zu einem Pragmatiker des Gedächtnisses geworden.
Ohne Not (wenn auch mit viel Tugend) gibt sich die Vergangenheit ein Stelldichein im Jetzt und hat ihre Bedeutungen mit dabei. Der offen gelassene Schlussakt - Arnes unaufgelöstes Verschwinden - bleibt künstlich, weil die nach den Geboten der Kausalität durchdeklinierte Geschichte keine Antwort schuldig geblieben ist.
Hinter diesem dualen Universum aus Gut und Bös steht allerdings nicht die gesellschaftskritische Offensive, die den frühen Romanen ihr Gepräge gegeben hat. Der späte Lenz (Die Auflehnung 1994, Ludmilla. Erzählungen 1996) hat die Milieustudie gegen das Interesse an einer Psychologie getauscht, deren Fluchtpunkt das Allgemeinmenschliche ist. So bleiben in Arnes Nachlaß die detailreich geschilderten Hamburger Hafenbecken auch mehr Staffage als Lebenswelt. Die jungen Leut infizieren sich nicht an dieser Wirklichkeit, die doch allen Anlass dazu gäbe, und stellen stattdessen die Parabel vom Menschen und des Menschen Wolf nach. Wie heißt es in den Essays aus dem vorvorigen Jahr: "Die überlieferten archetypischen Konflikte der Literatur heben die Zeit auf". Von der ist in der Tat keine Spur geblieben.
| < Zurück | Weiter > |
|---|




