Jeder stirbt für sich allein

Jeder stirbt für sich allein

 

Roman von Hans Fallada

(Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten)

 

ISBN-13: 9783841200785; ISBN-10: 3841200788

Es ist nicht die Müdigkeit, die Frau Kluge, Postzustellerin in der Berliner Jablonskistraße 55, in den Beinen spürt, die ihr den Weg über die Stufen nach oben so schwer macht. Die Briefträgerin weiß, was sie da für einen Brief, der eine maschinengeschriebene Adresse inne hat, aus dem Felde kommend, ausliefern soll. Sie hat Glück im Unglück, denn nicht Anna Quangel, die fast täglich auf die Feldpost ihres Sohnes Ottichen von der Front hofft, öffnet die Tür; nein, Otto Quangel, ihr stiller Mann, öffnet und nimmt den Brief kommentarlos entgegen. Für Anna bricht die Welt zusammen, als sie liest, dass ihr einziger Sohn tapfer und heldenhaft für Führer, Volk und Vaterland gefallen ist. Ihr Ottichen war nicht tapfer, wollte kein Soldat sein, hatte Angst. Nun hatte ihn der Führer als weiteres Opfer auf seinem verbrecherischen Konto. Anna, die ergebene Anna Quangel, ist verzweifelt, und in ihrem unbeschreiblichen Kummer begehrt sie einmal gegen ihren Mann auf, schnauzt ihn, der ihr mit seinen bescheidenen Mitteln Trost spenden will, mit den Worten „Du, und Dein Hitler…“, an. Das trifft Otto hart. So hart, dass er beschließt, ihr und der Welt zu beweisen, dass er er ist, und dieser er mit Hitler nichts, aber auch gar nichts verbindet. Otto Quangel beginnt regimefeindliche Parolen auf Postkarten zu schreiben, und er verteilt diesen Hochverrat am Nationalsozialismus anonym in Berliner Häusern. Er ist sich sicher, diese Postkarten mit den ungeheuerlichen Wahrheiten, werden aufgefunden und still und heimlich weitergereicht. Otto Quangel hofft auf eine stille, aber breite Zustimmung, hofft, mit seinen Postkarten dazu beizutragen, dass diese verbrecherische, nationalsozialistische Diktatur alsbald zerbricht. Anna Quangel ist Mitwisserin, ja, so manche Karte „trägt“ auch sie aus. Geht die Rechnung auf? Nein, geht sie nicht. Und hierin liegt der außergewöhnliche Kern dieses Romans, der auf den Fakten echter Dokumente der Geheimen Staatspolizei, der gefürchteten GeStaPo, beruht.

Es gab dieses Berliner Arbeiterehepaar, Otto und Elise Hampel, im Jahr 1940, als die Deutschen gerade in Paris einmarschiert sind, wirklich. Und sie riefen zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf. Es sind hilflose Botschaften, ergreifend in ihrer Diktion: „Nieder mit dem Zwangs Elend Dicktat in unser Deutschland! Eine Hitler Regierung dürfen wir nicht Entlasten!!“ lautete beispielsweise die fünfzigste aufgefundene Botschaft am 30. März 1941. Im Roman deutet der Autor an, was sie seine Helden an Mühe kosteten, indem sie zum Schreiben zwei solcher Postkarten einen ganzen Sonntag brauchen. 1942 werden die Hampels, im Roman Quangels genannt, angezeigt und verhaftet, 1943 durch das Fallbeil hingerichtet.

Im Roman hofft Otto Quangel auf die Finder und Leser seiner Karten, die natürlich seine aufgeschriebenen Wahrheiten kennen – wer kennt sie nicht in dieser Zeit – und diese weiter verbreiten. Hans Fallada, heißt in Wirklichkeit Rudolf Ditzen, schreibt diesen großartigen Roman binnen acht Wochen. Und es gelingt ihm, die damalige Stimmung im Dritten Reich sehr subtil herauszuarbeiten. Otto Quangels Karten werden nicht weitergereicht. Fast allesamt - es werden weit über 250 an der Zahl sein, bis das Ehepaar verhaftet wird - werden sie unmittelbar nach dem Auffinden bei der GeStaPo abgeliefert. Inzwischen herrscht in Deutschland ein solches Misstrauen. Jeder misstraut jedem. Die Finder glauben sich in einer beobachteten Falle und kommen ihrer „Staatsbürgerpflicht“ nach. Fallada arbeitet deutlich heraus, dass Quangel natürlich den Nerv der Zeit trifft, aber die Angst vor dem Spitzelstaat ist so groß, dass allen Findern der Mut fehlt, und sie dadurch zu Feiglingen, statt zu Helden werden.

Im letzten Drittel des Buches sieht sich der Leser mit der Brutalität des NS-Regimes konfrontiert. Emotionslos wird der Lesende Zeuge der nationalsozialistischen Verhörmethoden. Da wird physisch und psychisch gefoltert, menschenverachtet, gelogen, unterstellt, gequält, in den Tod getrieben, totgeschlagen und am Ende gemordet. Alles ist Teil dieses verbrecherischen Apparates. Anna und Otto Quangel bleiben „anständig“, stellen sich tapfer gegen das Verbrecherregime und werden erbarmungs- und emotionslos geköpft. Das unmenschliche Geschrei des Präsidenten „Feisler“ am Volksgerichtshof, kann weder Otto noch Anna besiegen. Auch die ihnen beiden zugespielten Ampullen mit Blausäure, mit deren Hilfe sie ihr Leiden hätten schnell beenden können, nutzen sie nicht; die Nazis sollen ihre schmutzige Arbeit bis zum Schluss ausüben „müssen“.

Nein, ich habe nichts Neues durch diese authentische Romangeschichte gelernt, aber ich fühlte mich in die damalige, düstere Zeit versetzt, sehr lebendig und sehr bedrückend.

Beim Lesen der letzten Seiten erinnerte ich mich an Sprüche, die ich mit eigenen Ohren schon gehört habe: „… es müsste ein kleiner Hitler kommen…..“ „…wenn wieder einer kommt, ich stehe bereit…..“. Den ersten Spruch hörte ich mehrmals von einer Frau, die heute bereits tot ist, die diesen menschenverachtenden Irrsinn gottlob nie wieder daherreden kann. Den zweiten Spruch habe ich von einem Mann gehört, der nachweislich intellektuell nicht durchdringen kann, was er da sagte, denn ich bin sicher, er wäre damals schnell zum Opfer geworden. Es sind die primitiven Stammtischsprüche, die in diesem Duktus offenbart werden und unsere Freiheit gefährden können. Es sind die billigen Überschriften aus der Blödzeitung, die von den Dummen nachgeplappert werden. Durch den Roman „Jeder stirbt für sich allein“ ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie wichtig Bildung ist. Aufgeklärte, gebildete Menschen werden sich (hoffentlich) nicht wieder so schnell verführen und fehlleiten lassen wie die weniger Gebildeten.

Wir brauchen viele Ottos und Annas, die sich zu wehren trauen. Und wir brauchen intelligente Frauen und Männer, die unsere Geschicke lenken, ohne der Versuchung des Machtmissbrauchs und des Unrechts zu erliegen. Wir müssen freiheitliche, demokratische Strukturen bewahren, erhalten und immer verteidigen.

Für mich ist der neuentdeckte Roman „Jeder stirbt für sich allein“ ein Plädoyer an die Anständigkeit und ein Mahnmal gegen die nationalsozialistischen Verbrechen. Die Ironie des Schicksals in diesem Thema ist die Tatsache, dass ein späterer SED Funktionär Fallada zum Schreiben des Romans aufforderte, und eben dieses SED Regime kurze Zeit später eine Organisation „Staatssicherheit, kurz Stasi, hervorbrachte, die die gleichen Methoden anwendete wie die GeStaPo.

Wer diesen Roman liest, der versteht wie wachsam wir allzeit sein müssen, damit solches Unrecht nie wieder geschehen darf.

Eine echte Pflichtlektüre!

MSp

 

 

Zitat des Tages

Konrad Adenauer
Konrad Adenauer: „Man darf niemals 'zu spät' sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“
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