Im Westen nichts Neues
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Im Westen nichts Neues
Roman von
Erich Maria Remarque
ISBN 978-3-462-02731-0
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Wann, wenn nicht jetzt? Aber warum jetzt und nicht schon früher? .......
1984 empfahl mir mein Lehrgangskamerad und Freund Peter B. den Literaturklassiker „Im Westen nichts Neues“. Peter und ich waren wie Katz und Maus. Er erzkonservativ, und in mancher Hinsicht - für mich - grenzwertig rechts. Ich für ihn politisch viel zu weit links orientiert, und auch er betrachtete mich ebenfalls als grenzwertig links. Trotzdem waren wir Freunde geworden, und wir fühlen uns bis heute miteinander verbunden. Wahrscheinlich sind es gerade die Gegensätze, und die gemeinsame Tiefe, die uns anziehen. „Nur“ weil seine Buchempfehlung zur Weltliteratur gehörte, kaufte ich mir das Taschenbuch und las (ich hätte mir doch damals von einem Konservativen kein Buch empfehlen lassen *grins*) es. Las? Nein, ich verschlang den in so einfachen und nüchternen Worten verfassten Kriegsbericht des Paul Bäumer regelrecht. Wie tief war ich erschüttert! Damals stand ich als Soldat der Fallschirmjägertruppe gerade in der Ausbildung zum Feldwebel. Nichts, aber auch gar nichts von der Lagerfeuerromantik, die man uns zuweilen aus Kriegstagebüchern erzählte, konnte ich im großartigen Roman von Erich Maria Remarque wiederfinden. Ich bin mir heute sicher, dass mich dieser Roman für meine innnere Einstellung und meinen weiteren Werdegang als Soldat maßgeblich mitprägte. Ich verabreichte den mir unterstellten Soldaten den gleichnamigen Filmklassiker, und fuhr - im Rahmen der politischen Weiterbildung - mit ihnen zu den Schlachtfeldern von Verdun, auf denen pro Quadratmeter 18 Soldaten ihr Leben lassen mussten (wir versuchten uns damals in Verdun mit 12 Mann auf einen ausgemessenen Quadratmeter zu stellen und konnten uns in etwa vorstellen, was es bedeutete, 18 Menschen auf einen m2 zu bringen; und das auf diesen endlos großen Schlachtfeldern?. Das konnten wir uns allerdings nicht mehr vorstellen…), führte sie ins Fort de Douaumont, wo alleine über 600 Menschen in einem Moment starben, als ein Munitionslager explodierte, und wir besichtigten schlussendlich zusammen das Gebeinhaus, in dessen Kellern die Knochen und Schädel von etwa 100.000 gefallenen Soldaten aufgestapelt sind. Männer, deren Namen so verschollen sind wie ihre (Lebens-) Geschichten. Diese Besuche hinterließen Spuren bei mir und auch bei meinen Soldaten. Wir waren uns immer unseres Berufes bewusst, aber niemals würden wir blind einem Wahnsinnigen folgen. Diese sehr freiheitlich demokratische Grundeinstellung als Staatsbürger in Uniform wurde mitgeprägt durch die erschütternde Lektüre „Im Westen nichts Neues“.
Über 25 Jahre ist meine Remarqueche Lektüre her. Jetzt habe ich mir auf den Fahrten zwischen Rheinland, Eifel und Saarland den Roman im Auto als Hörbuch angehört. Mit der gleichen Erschütterung wie ich damals las, hörte ich jetzt zu. Im Westen nichts Neues hat nichts an Aktualität verloren. Ich wünsche mir, dass dieses Buch zur Pflichtlektüre in den Schulen wird, wünsche mir, dass alle, die leichtfertig über Krieg und Waffengewalt reden, diesen Roman lesen müssen (und hoffentlich auch verstehen) und empfehle dieses Taschenbuch allen Soldaten dieser Welt!
Der Roman:
Paul Bäumer gehört zu einer Gruppe von Soldaten an der Westfront im Ersten Weltkrieg. In der Ruhestellung hinter der Front erinnert er sich zurück an seine Schulzeit. Die patriotischen Reden seines Lehrers Kantorek hatten die ganze Klasse überzeugt, sich freiwillig zu melden. Unter dem Drill ihres Ausbilders Unteroffizier Himmelstoß mussten sie bereits in der Grundausbildung lernen, dass alle ihnen bislang in der Schule vermittelten Werte auf dem Kasernenhof ihre Gültigkeit verlieren. Sie wurden an die Westfront verlegt, wo sie von einer Gruppe alter Frontsoldaten um den erfahrenen Katczinsky in die Gefahren an der Front eingewiesen wurden. Zwischen "Kat" und Bäumer hat sich ein Vater-Sohn ähnliches Verhältnis entwickelt. Paul lernt, zu überleben, die verschiedenen Geschosse schon am Klang zu unterscheiden, auch unter widrigsten Bedingungen etwas zu essen zu finden, und sich gegen den wirklichen Feind zu wehren - den Tod.
Bei einem kurzen Heimataufenthalt stellt Bäumer fest, wie sehr ihn die Erlebnisse an der Front verändert haben. Es ist ihm unmöglich, seiner Familie die grausamen Erfahrungen aus dem Schützengraben mitzuteilen. Enttäuscht kehrt er zurück zu den Menschen, die ihm nun am nächsten sind, seinen Kameraden an der Front.
Bei einem Angriff wird er durch Splitter verwundet und verbringt ein paar Wochen im Lazarett. Nach Monaten kehrt er zurück an die Front. Jetzt zerfällt Bäumers Gruppe. Einer nach dem anderen stirbt durch die Gas- und Granatenangriffe, im Trommelfeuer oder im Kampf Mann gegen Mann. Bis zuletzt auch er, nachdem er Verwundung und Wochen im Lazarett überlebt hat, als letzter seiner Gruppe kurz vor Ende des Krieges tödlich getroffen wird, "an einem Tag, der so ruhig und so still war, dass der Heeresbericht sich auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden." (aus: http://www.remarque.uos.de/iwnn.htm).
Da ist auch noch die Geschichte um Franz Kemmerich. Er ist der Zweite aus Pauls Klasse, der fällt. Sportlich und naturverbunden war er und träumte von dem Beruf als Förster. Franz Kemmerich ist der erste Besitzer der guten Lederstiefel, die zuvor einem englischen Flieger gehörten. Sie werden ein Symbol für den Tod, aber auch für die tiefe Kameradschaft, während sie von einem zum anderen weitergegeben werden. Kemmerich erliegt nach schrecklichen Schmerzen seiner Beinamputation. Paul ist bei ihm, als er stirbt, und er nimmt die Stiefel mit, übergibt sie Müller, der den sterbenden Franz Kemmerich darum gebeten hatte (es wäre doch schade, wenn einer der Sanis sich die guten Stiefel unter den Nagel reißt…). Die Stiefel werden in der Geschichte weitergegeben, wie ein roter Faden. Am Ende stirbt Paul darin, dabei hatte er sie doch einem seiner Kameraden „versprochen“, der allerdings fiel schon vor Paul.
Als Kat(czinsky), Pauls väterlichen Freund an der Front, kurz vor Kriegsende verwundet wird, scheint Paul schier zu verzweifeln. Er beschwört den verwundeten Freund durchzuhalten, trägt ihn laufend auf die Schultern geladen, durchs feindliche Feuer zu den Sanitätern. Der Sani teilt Paul lakonisch mit, dass er sich diesen Weg hätte sparen können, der Landsturmmann sei doch tot. Paul ist fassungslos, kann es nicht glauben, hatte doch eben noch mit Kat gesprochen. Doch während er seinen treuen Freund und Mentor in Sicherheit bringen wollte, wurde dieser von einem Granatsplitter getroffen und starb still auf Pauls Schultern. Kat und Paul waren jahrelang zusammen in den Gräben der Westfront. Warum musste der treue Landsturmmann so kurz vor Kriegsende noch sterben? Warum noch jetzt? Der Tod des Stanislaus Katczinsky ist ein weiterer Remarquescher Hinweis auf die Sinnlosigkeit des Krieges.
Noch eine Szene will ich für meine Buchempfehlung hier erwähnen: Paul hatte ein schlechtes Gewissen, als er aus dem Heimaturlaub wieder zu seiner Einheit an die Front gelangt. Während der Feind ständig neue, wohlernährte und ausgebildete Truppen, neue Waffen und Munition an die Front wirft, blutet das Deutsche Heer aus. Deutschland schickt zum Kriegsende unausgebildete Kinder und Invaliden in Uniform an die Front (Soldaten sind das nicht), die Ausrüstung ist katastrophal, die Waffen sind ausgeschossen, die Rohre der Artillerie ausgeleiert, es gibt kein Verbandmaterial und keine Medikamente, es gibt kaum noch Munition und es gibt nichts mehr zu essen. Die Verluste sind unfassbar, das Leid nicht zu beschreiben, auch nicht die Entbehrungen. In dieser Endphase des Krieges kommt Paul auf abenteuerlichsten Wegen nach seinem Heimaturlaub wieder zu seiner Gruppe. Als eine Patrouille zusammengestellt werden muss, die die Stellungen des Feindes auskundschaften soll - ein echtes Himmelfahrtskommando -, meldet er sich freiwillig. Er war wochenlang in Sicherheit, da fühlt er sich gegenüber seinen Kameraden verpflichtet. In der Nacht, draußen zwischen all diesen Granattrichtern, den Leuchtkugeln, dem tiefstreichenden MG-Feuer, wird die Patrouille auseinander gerissen und Paul verirrt sich. Als nach vorbereitendem Artilleriefeuer ein Angriff der gegnerischen Stellungssoldaten erfolgt, spielt Paul „Toter Mann“, liegt im matschigen Trichter und hofft, dass man ihm, einem von vermeintlich so vielen Gefallenen, keine Beachtung schenkt. Fast geht es gut, doch dann, als die angreifenden Feindessoldaten im verzweifelten Stellungskampf zurückgedrängt werden, springt einer von ihnen in den Trichter zu Paul. Geistesgegenwärtig, nur noch seinem Überlebenstrieb folgend, sticht er mit seinem in der Hand verborgenen Dolch dreimal zu. Zum ersten Mal in diesem Krieg ist er mit einem Menschen allein, den er tötet. Er tötet ihn nicht im stürmenden Angriff mit dem Seitengewehr, nicht mit einer Kugel, nicht mit dem scharfgeschliffenen Spaten oder einer Handgranate. Nein, er ersticht einen Mann, Auge in Auge mit drei Dolchstößen (hat Remarque den Begriff „Dolch“ bewusst gewählt, um den damals gerade stark werdenden Nazis ihre „Dolchstoßlegende“ um die Ohren zu hauen?). Paul ist fast zwei Tage allein mit dem sterbenden Franzosen im matschigen Granattrichter. Das sind lange Stunden. Die Augen des langsam Sterbenden flehen ihn an. Das über ihm liegende Feuer, das ihn daran hindert hier zu entkommen, bindet ihn an den Feind, der ihm plötzlich so schrecklich nah ist. So verfällt der junge Frontsoldat Paul Bäumer in ein verzweifeltes Zwiegespräch mit dem Sterbenden. Alles Beten, alles Entschuldigen hilft nichts. Erst, als der Mann endlich tot ist, sucht er nach seinen Papieren, will zumindest nach dem Krieg seiner Familie Gutes tun. Er heißt Gerard Duval ist ein französischer Typograph / Schriftsetzer, ist verheiratet und Vater eines Kindes. Es ist eine Glanzleistung Remarques, wie er in dieser Situation das ganze Leid des Tötens und Sterbens, den Widersinn des Krieges, in das Zwiegespräch des jungen Solden packt. Der Feind Gerard Duval könnte ebenso gut sein Freund sein, oder sein Vater, sein Nachbar…….
An anderer Stelle führt Remarque den Krieg im ähnlichen Duktus ad absurdum, indem er das Gespräch der Landser wiedergibt, die sich über den Besuch des Kaisers an der Front unterhalten. Die dreckigen, verlausten Landser wurden neu eingekleidet, um - bei der Parade des Kaisers - einen guten Eindruck zu hinterlassen. Nach dem Kaiserbesuch mussten sie die vermeintlich gute Ausrüstung wieder abgeben. Das Landsergespräch ist literarisch ein Glanzstück. Tjaden, der einfache Handwerker versucht den Unsinn des Krieges zu durchdringen. Hier das Originalzitat:
[...]
Endlich ist der Augenblick da. Wir stehen stramm, und der Kaiser erscheint. Wir sind neugierig, wie er aussehen mag. Er schreitet die Front entlang, und ich bin eigentlich etwas enttäuscht: nach den Bildern hatte ich ihn mir größer und mächtiger vorgestellt, vor allen Dingen mit einer donnernden Stimme.
Er verteilt Eiserne Kreuze und spricht diesen und jenen an. Dann ziehen wir ab.
Nachher unterhalten wir uns. Tjaden sagt staunend: "Das ist nun der Alleroberste, den es gibt. Davor muß dann doch jeder strammstehen, jeder überhaupt!" Er überlegt: "Davor muß doch auch Hindenburg strammstehen, was?"
"Jawoll", bestätigt Kat.
Tjaden ist noch nicht fertig. Er denkt eine Zeitlang nach und fragt: "Muß ein König vor einem Kaiser auch strammstehen?"
Keiner weiß das genau, aber wir glauben es nicht. Die sind beide schon so hoch, daß es da sicher kein richtiges Stammstehen mehr gibt.
"Was du dir für einen Quatsch ausbrütest", sagt Kat. "Die Hauptsache ist, daß du selber strammstehst."
Aber Tjaden ist völlig fasziniert. Seine sehr trockene Phantasie arbeitet sich Blasen.
"Sieh mal", verkündet er, "ich kann einfach nicht begreifen, daß ein Kaiser auch genauso zur Latrine muß wie ich."
"Darauf kannst du Gift nehmen", lacht Kropp.
"Verrückt und drei sind sieben", ergänzt Kat, "du hast Läuse im Schädel, Tjaden, geh du nur selber rasch los zur Latrine, damit du einen klaren Kopp kriegst und nicht wie ein Wickelkind redest."
Tjaden verschwindet.
"Eins möchte ich aber doch noch wissen", sagt Albert, "ob es Krieg gegeben hätte, wenn der Kaiser nein gesagt hätte."
"Das glaube ich sicher", werfe ich ein, - "er soll ja sowieso erst gar nicht gewollt haben."
Na, wenn er allein nicht, dann vielleicht doch, wenn so zwanzig, dreißig Leute in der Welt nein gesagt hätten."
"Das wohl", gebe ich zu, "Aber die haben ja gerade gewollt."
"Es ist komisch, wenn man sich das überlegt", fährt Kropp fort, "wir sind doch hier, um unser Vaterland zu verteidigen. Aber die Franzosen sind doch auch da, um ihr Vaterland zu verteidigen. Wer hat nun recht?"
"Vielleicht beide", sage ich, ohne es zu glauben.
"Ja, nun", meint Albert, und ich sehe ihm an, daß er mich in die Enge treiben will, "aber unsere Professoren und Pastöre und Zeitungen sagen, nur wir hätten recht, und das wird ja hoffentlich auch so sein; - aber die französischen Professoren und Pastöre und Zeitungen behaupten, nur sie hätten recht, wie steht es denn damit?"
"Das weiß ich nicht", sage ich, "auf jeden Fall ist Krieg, und jeden Monat kommen mehr Länder dazu."
Tjaden erscheint wieder. Er ist noch immer angeregt und greift sofort wieder in das Gespräch ein, indem er sich erkundigt, wie eigentlich ein Krieg entstehe.
"Meistens so, daß ein Land ein anderes schwer beleidigt", gibt Albert mit einer gewissen Überlegenheit zur Antwort.
Doch Tjaden stellt sich dickfellig. "Ein Land? Das verstehe ich nicht. Ein Berg in Deutschland kann doch einen Berg in Frankreich nicht beleidigen. Oder ein Fluß oder ein Wald oder ein Weizenfeld."
"Bist du so dämlich oder tust du nur so? knurrt Kropp. "So meine ich das doch nicht. Ein Volk beleidigt das andere"
"Dann habe ich hier nichts zu suchen", erwidert Tjaden, "ich fühle mich nicht beleidigt."
"Dir soll man nun was erklären", sagt Albert ärgerlich, "auf dich Dorfdeubel kommt es doch dabei nicht an."
"Dann kann ich ja erst recht nach Hause gehen", beharrt Tjaden, und alles lacht.
"Ach, Mensch, es ist doch das Volk als Gesamtheit, also der Staat -", ruft Müller.
"Staat, Staat" - Tjaden schnippt schlau mit den Fingern -,
"Feldgendarmen, Polizei, Steuer, das ist euer Staat. wenn du damit zu tun hast, danke schön."
"Das stimmt", sagt Kat, "da hast du zum ersten Mal etwas Richtiges gesagt, Tjaden, Staat und Heimat, da ist wahrhaftig ein Unterschied."
"Aber sie gehören doch zusammen", überlegt Kropp, "eine Heimat ohne Staat gibt es nicht."
"Richtig, aber bedenk doch mal, daß wir fast alle einfache Leute sind. Und in Frankreich sind die meisten Menschen doch auch Arbeiter, Handwerker oder kleine Beamte. Weshalb soll nun wohl ein französischer Schlosser oder Schuhmacher uns angreifen wollen? Nein, das sind nur die Regierungen. Ich habe nie einen Franzosen gesehen, bevor ich hierherkam, und den meisten Franzosen wird es ähnlich mit uns gehen. Die sind ebensowenig gefragt wie wir."
"Weshalb ist dann überhaupt Kreig?" fragt Tjaden.
Kat zuckt die Achseln. "Es muß Leute geben, denen der Krieg nützt."
"Na, ich gehöre nicht dazu", grinst Tjaden.
"Du nicht, und keiner hier."
"Wer denn nur?" beharrt Tjaden. "Dem Kaiser nützt er doch auch nicht. Der hat doch alles, was er braucht."
"Das sag nicht", entgegenet Kat, "einen Krieg hat er bis jetzt noch nicht gehabt. Und jeder größere Kaiser braucht mindestens einen Krieg, sonst wird er nicht berühmt. Sieh mal in deinen Schulbüchern nach."
"Generäle werden auch berühmt durch den Krieg", sagt Detering.
"Noch berühmter als Kaiser", bestätigt Kat.
"Sicher stecken andere Leute, die am Krieg verdienen wollen dahinter", brummt Detering.
"Ich glaube, es ist mehr eine Art Fieber", sagt Albert. "Keiner will es eigentlich, und mit einem Male ist es da. Wir haben den Krieg nicht gewollt, die andern behaupten dasselbe - und trotzdem ist die halbe Welt fest dabei."
"Drübern wird aber mehr gelogen als bei uns", erwidere ich, "Denkt mal an die Flugblätter der Gefangenen, in denen stand, daß wir belgische Kinder fräßen. Die Kerle, die so was schreiben, sollten sie aufhängen. Das sind die wahren Schuldigen."
Müller steht auf. "Besser auf jeden Fall, der Krieg ist hier als in Deutschland. Seht euch mal die Trichterfelder an!"
"Das stimmt", pflichtet selbst Tjaden bei, "aber noch besser ist gar kein Krieg."
Er geht stolz davon, denn er hat es uns Einjährigen nun mal gegeben. Und seine Meinung ist tatsächlich typisch hier, man begegnet ihr immer wieder und kann auch nichts Rechtes darauf entgegnen, weil mit ihr gleichzeitig das Verständnis für andere Zusammenhänge aufhört. Das Nationalgefühlt des Muskoten besteht darin, daß er hier ist. Aber damit ist es auch schon zu Ende, alles andere beurteilt er praktisch und aus seiner Einstellung heraus.
Albert legt sich ärgerlich ins Gras. "Besser ist, über den ganzen Kram nicht zu reden."
"Wird ja auch nicht anders dadurch", bestätigt Kat.
(aus: Erich Maria Remarque. Im Westen nichts Neues. 138-142)
Ich könnte eine Szene nach der anderen aus dem Buch hier aufführen, so ergreifend ist dieser Roman in seiner Gänze. Wer das Buch gelesen hat, der kann es getrost erneut in die Hand nehmen. Und wer, wie ich, hin und wieder länger im Auto sitzen muss, dem empfehle ich die Hörbuchversion.
Im Westen nichts Neues ist ein echtes Juwel deutscher Literatur.
MSp
”Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.”
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