Die italienischen Schuhe
Titel: Die italienischen Schuhe
Autor: Henning Mankell
Inhalt:
Mit dem Namen Henning Mankell verbinden die meisten immer noch in erster Linie die Krimis um den berühmten Kommissar Kurt Wallander. Dabei hat der Autor mit dieser Reihe längst abgeschlossen. Das Zweite, was einem zu dem Namen Mankell einfällt, ist in der Regel sein Engagement für Afrika. Der Kontinent, der dem Schweden zur zweiten Heimat wurde, spielt auch in seinen Büchern immer wieder eine große Rolle.
Eine kleine Insel irgendwo in den Schären - in dem einzigen Haus, das hier zu finden ist, wohnt seit 15 Jahren der ehemalige Chirurg Fredrik Welin - allein. Dieser Winter ist besonders lang und hart. Das Thermometer vor dem Haus zeigt minus 19 Grad.
"Heute werde ich es wie an allen anderen Wintertagen machen. Ich ziehe einen Bademantel und ein Paar abgeschnittene Stiefel an, nehme die Axt und gehe hinunter zum Landungssteg. Es ist nicht schwer, das Loch aufzuhacken, da das Eis dort nicht stark gefroren ist. Dann ziehe ich mich aus und tauche in das körnige Wasser ein. Es tut weh, aber es ist, als würde sich die Kälte in eine intensive Wärme verwandeln, wenn ich mich erst wieder auf das Eis hochgezogen habe."
Abstecher in die Vergangenheit.
Warum sich Welin, dieser typisch Mankellsche Miesepeter, in die Einöde zurückgezogen hat, warum der Briefträger der einzige Mensch ist, mit dem er ab und zu spricht, erfährt der Leser erst relativ spät: Welin ist ein Flüchtling - einer der besonderen Art. Einst, in seinem "anderen Leben", wie er es nennt, hat er als Arzt schwere Schuld auf sich geladen. Anstatt sich damit auseinander zu setzen, verschanzt er sich auf der Insel - wie ein bockiges Kind. Bis eines Tages plötzlich eine Frau auf dem Eis auftaucht: "Ihre Hände ruhten auf den Griffen des Gehwagens. Über einem Arm hing eine Handtasche. (..) Ich hatte Schwierigkeiten, ihr Gesicht im Fernglas zu erkennen. (...) Gerade als ich das Fernglas absetzen wollte, drehte sie langsam den Kopf und blickte in meine Richtung. Es war einer der Augenblicke im Leben, in denen die Zeit nicht nur still steht, sondern tatsächlich nicht mehr existiert."
Die Frau ist Harriet, Welins große Liebe. Vor knapp vierzig Jahren ist er auch vor ihr geflohen, einfach abgehauen, plötzlich, ohne offensichtlichen Grund. Harriet ist todkrank und gekommen, um ihn an ein altes Versprechen zu erinnern: Er soll sie zu dem geheimnisvollen Waldteich bringen, den er ihr schon als junger Mann zeigen wollte. Damit beginnt für Fredrik Welin eine Reise in die Vergangenheit. Hier ist der alte Mann gezwungen, sich zu stellen - der große Moralist Henning Mankell wird leider manchmal überdeutlich:
"Dir fehlte damals der Mut, mir zu sagen, dass du nicht mehr mit mir zusammen sein wolltest. Du bist damals geflüchtet und du flüchtest jetzt. Kannst du nicht ein einziges Mal sagen, wie es ist? Gibt es in dir überhaupt keine Wahrheit?"
Schuld und Sühne
Fredrik Welin erfährt, dass er eine Tochter hat. Louise lebt in einem Wohnwagen mitten im Wald und schreibt Protestbriefe an die Staatsmänner dieser Welt. Es sind seltsame Typen, die Henning Mankell in seinem Roman versammelt. Zu dem grantelnden Ex-Chirurgen, der idealistischen Louise und der todkranken Harriet gesellen sich unter anderem ein hypochondernder Briefträger, ein genialer italienischer Schuhmacher, eine einarmige Frau und schwer erziehbare Flüchtlingsmädchen. Sie alle sind Menschen, die auf die ein oder andere Art, am Rande der Gesellschaft leben. Mit viel Ruhe führt Mankell die Fäden der Geschichte zusammen und verwebt viele der auch schon aus anderen seiner Romane bekannten Themen. Und doch ist dieses Buch anders - fast ein Kammerspiel, das auf verschiedenen Ebenen immer um das eine Thema kreist: Schuld und Sühne.
Gerät der Ton dabei auch manchmal etwas pathetisch, sind Mankells Bilder auch nicht immer originell, wie das von dem eiskalten Mann auf der eiskalten Insel, vermag er mit dem Roman doch zu berühren. Vielleicht ist es die Eindringlichkeit, mit der er die Einsamkeit schildert, die Melancholie und Schönheit der schwedischen Landschaft oder die Trauer, die fast alle Figuren in sich tragen.
ISBN: 9783552054158
Bemerkung:
Ein "anderer" Mankell. Zwar spielt die Handlung in Schweden, doch schreibt M. hier in der Dramatik und Melancholie seiner Afrikaromane. Die italienischen Schuhe sind das Tiefgründigste, was ich von Mankell gelesen habe. Was für eine Sprache! "Menschen auf Inseln sind selten laut und gebrauchen nicht viele Worte. Dafür ist ihr Horizont zu groß."
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