
„Kling…..kling…..kling……kling………..“, rief die kleine Glocke im schlanken Turm, den der Architekt Schinkel entworfen und gebaut hat, hell und so freundlich wie einladend, weit über die ruhig dahinfließende Havel. Tief stand die Sonne im Westen, und sie schickte aus einem blauen, wolkenlosen Himmel freundlichste Wintersonnenstrahlen aufs Wasser. Das Licht brach sich im dahinfließenden Element, dessen Oberfläche aus kleinen, verspielten Wellen bestand. Silbern glänzte und tanzte das Winterlicht auf dem beruhigenden, etwas unruhigen Wasser des breiten Flusses. Das war am Nachmittag, gegen 15.00 Uhr, da lud die helle Glocke der Heilandskirche "Kling....kling.....kling...." zum Altjahresabschiedsgottesdienst ein. Nachmittag! Hört Euch noch eine Weile in Gedanken das helle Klingen der kleinen Glocke an, erfreut Euch an dem Glitzern der gebrochenen Sonnenstrahlen auf der Havel, bevor Ihr uns alsbald in diese wunderschöne Kirche begleitet. Und während Ihr diesen ruhigen, friedlichen und freundlichen Moment am schönen Fluss genießt, erzähle ich Euch, was dieser bezaubernde Tag bis dahin gebracht hat. Nicht eine Wolke hieß der letzte Tag dieses Jahres am Osthimmel über Berlin und Potsdam willkommen. Schon früh strahlte die Sonne ins Land und schenkte uns ein Licht, das so warm aussah, da wollte man die Jacken aufknöpfen und die Mützen in die Luft werfen. Endlich hatte ich mal wieder richtig gut geschlafen! Noch vor halb neun Uhr lenkte ich den Astra den Krampnitzweg hoch, parkte vor der Ritterfeld Landbäckerei und wunderte mich, dass die Kunden bis auf die Straße Schlange standen. Durch die großen Fenster sah ich die blonde Conny im Laden arbeiten. Sie wusste nicht, dass wir wieder im Lande sind. Nach Minuten betrat ich hinter einer sehr dicken, ziemlich alten Frau den Laden. Conny spürte meinen Blick, wie sie da im hinteren Teil des Ladens stand und Waren verpackte. Ein Strahlen legte sich auf ihr Gesicht, das dem der Wintersonne draußen in nichts nachstand. Sie ließ alles stehen und liegen, und bahnte sich den Weg durch die Menschen auf mich zu, nahm mich in ihre Arme und drückte mich herzlich. „Wie schön, Dich wieder zu sehen.“ Wir herzten uns noch ein Paarmal, dann war ich in der Kundenschlange soweit vorgeschoben worden, dass Connys Kollegin mich fragte, ob ich auch Backwaren erwerben wolle, oder nur ihre Kollegin umarmen möchte. Ich bestellte die lang ersehnten Mühlenbaguettes und die dicke Frau, die uns eben so bereitwillig Platz gemacht hatte, fragte: „Seid Ihr fertig, odda wollta nochma drücken?“ Conny antwortete: „Nee, fertig. Geht schon weiter…“ Die Frau: „Von mia aus könnta nochma drücken…“ Großes Gelächter im Laden. Wir frühstückten lange und gemütlich. Am späten Vormittag fuhren wir unter einem unverschämt blauen Himmel bei 3° C nach Potsdam. Dieses freundliche Potsdam verzichtete heute allerorts auf Parkgebühren. Die Stadt war voller Menschen, aber keiner zeigte Eile oder Ungeduld. Während ich mir bei Starbucks einen großen Milchkaffee gönnte, schwadronierte Marion nochmal ihre Wege durch die uns inzwischen so vertraute Stadt. Nach meinem Kaffee spazierte ich rüber zur St. Peter und Paul Kirche. Bisher fand ich dieses beeindruckende Bauwerk immer verschlossen. Heute war sie offen und ich sollte mein blaues Wunder erleben. Was ist das für eine schöne katholische Kathedrale im protestantischen Potsdam! Ein Altarbereich, so groß und so kunstvoll, dass es kracht! Die Kassettendecke, mit dem eingearbeiteten Sternenhimmel, die kennen wir bereits - wenn auch kleiner - aus der Heilandskirche. Blau dominiert hier drinnen eindeutig das Geschehen. Wunderschönes Blau. Ich zündete eine Kerze an, setzte mich in stillen Gedanken in eine Bankreihe und ließ das Jahr an mir vorüber ziehen. In dem Moment wurde mir so bewusst wie noch nie zuvor, wie gut es Gott in diesem Jahr mit uns gemeint hatte! Wir waren, und da bin ich felsenfest von überzeugt, mit Gottes Segen unterwegs. Wie dankbar ich bin! Noch daheim in der Eifel hatten wir uns im Internet informiert, ob am Silvestertag kein Gottesdienst in der Heilandskirche an der Havel stattfinden würde. Enttäuscht lasen wir, dass am Silvestertag nichts dergleichen vorgesehen war. Warum ich heute bei Starbucks, als ich meinen Kaffee genoss, noch einmal Google befragte, weiß ich nicht. Aber da fand ich eine Seite der evangelischen Kirchengemeinde Potsdam, und die verkündeten, dass um 15.00 Uhr zum Gottesdienst in der Heilandskirche eingeladen werde. Ein Blick auf die Uhr sagte uns, dass das unheimlich gut passte. Währenddessen hatte meine Frau, die sich heute irgendwie übermüdet und gar nicht wohl in ihrer Haut fühlte, einen Engel getroffen. Eine blonde Russin redete mit ihr in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses und bat sie, sich hinzusetzen. Nein, diese Frau trug meiner Frau nicht nur Farbe ins etwas blasse Gesicht. Dieser merkwürdige Engel pflanzte Licht in die Seele der etwas traurig und zerknittert wirkenden Frau aus dem Westen. Ich führte ein leuchtendes Weib zur Heilandskirche. Beim Abschied von der blonden Russin, sagte diese mit einem Akzent, wie ich ihn bei Irina, meiner Ärztin aus Bonn, so liebe: „Ich wünsche Ihnnen ein guttes neuhes Jahrr. Bleiben Sie gesuund, und denken Sie possitivv. Sie sind eine sehr scheene Frrau.“ Diese Worte wirkten Wunder, neben den schön und dezent aufgetragenen Farben im Gesicht. Marions Seele war binnen weniger Minuten kunterbunt und fast übermütig geworden. Engel lauern überall! Tiefblau zeigte sich der Himmel über Potsdam. In der Windstille hielt sich das Thermometer sonnig bei 3° C. Während wir das Auto unter den uralten Platanen in Sacrow parkten, erklang erstmals der helle Glockenklang der Heilandskirche zu uns herüber. "kling...kling...kling........." Uns blieb noch ausreichend Zeit, damit ich in diesem zauberhaften Licht Fotos schießen konnte. Kurz vor 15.00 Uhr läutete die Glocke erneut. Weit, als hätten sie Flügel, schwangen sich die hellen Klänge übers glitzernde Wasser und in den weitläufigen Park um das Schloss Sacrow. Wir verstanden die Botschaft und begaben uns in diese – für mich – schönste Kirche der Welt. Hatte ich ein volles Haus erwartet, wurde ich überrascht von einer nur mäßig besetzten Heilandskirche. Bevor der Vater vom alten Fritz sich die Kirche am Park Sanssouci bauen ließ, wurde die preußische Königsfamilie sonntagmorgens von Potsdam aus hierher gerudert, um an diesem außergewöhnlich schönen Ort den Gottesdienst mit den wenigen Familien aus Sacrow zu feiern. Hierfür gibt es in der liebevoll restaurierten Kirche noch heute, vorne links, die Königsloge. Preußische Hoffnungen? Ein junger Pfarrer hielt den Gottesdienst. Die erst in diesem Sommer, durch Spenden finanzierte und in Betrieb genommene, Orgel klang wunderbar. Vorne rechts steht ein bestimmt fünf Meter hoher Tannenbaum. Es ist eine Blautanne. Nicht ein Ast gleicht dem anderen. Dieser Baum ist so asymmetrisch, so verwachsen, dass er schöner und individueller nicht wirken könnte. Wer auf gleichmäßig gewachsene Tannenbäume steht, der wendet sich hier ab und weint bitterlich. Nicht aber wir. Im Bereich der zerzausten Krone sind unzählige kleine Tannenzapfen zu sehen. Der einzige, von Menschenhand angebrachte, Weihnachtsschmuck sind schlichte Sterne aus Stroh und genau 10 Kerzen. Keine elektrischen Kerzen. Nein, nein. Da sind 10 echte Kerzen im großen Baum verteilt. Der Mann, der diese 10 Kerzen, mit Hilfe einer uralten, von Farbklecksen versauten Stehleiter,
und einem bestimmt 1,5 Meter langem, brennenden Stock, anzündete, zelebrierte dieses Anzünden wie eine Vorstellung. Es war mucksmäuschen still in der Kirche. Nur 10 Kerzen für einen so großen Baum?, möchte man zweifelnd denken. Sie reichten vollkommen! Und sie waren so ungleich verteilt, wie die Äste des Baumes gewachsen sind. Der junge Pfarrer hielt einen sehr unkonventionellen Gottesdienst. Und er wählte Bildnisse und Worte, die ans Herz gingen. Eine Stunde und fünfzehn Minuten waren wir der Welt weit entrückt, fühlten uns uns selbst nah, und (zumindest ich) waren sehr tief bewegt und an der Seele berührt. Da wurde ein Gabenkreis vor dem Altar gebildet. Der Pfarrer teilte Hostien aus und sah jedem mit seinem schwer zu beschreibenden Blick bis tief ins Herz. Da wurde der Kelch mit dem Rotwein gereicht, und es wurde getrunken; der schmeckte sogar, dieser
gesegnete rote Wein. Habt Ihr schon einmal eine ganze Stunde in einer schön(st)en Kirche gesessen und Euch dabei in das Bildnis hinterm Altar vertieft? Da passieren Dinge…. Ich poste heute zwei Bilder dieses Altars mit, das hilft bei der bildlichen Vorstellung. Und schaut Euch doch mal die Website der Heilandskirche in Sacrow an! Zum Ende des Gottesdienstes ließ der Pfarrer zu Ehren dieses außergewöhnlich schönen Weihnachtsbaumes und als Wunsch für das neue Jahr das Lied „Oh du Fröhliche“ anstimmen (eine Woche nach Weihnachten!). Das war ein Singen……! Ich könnte noch so viel aus diesem Gottesdienst erzählen, diesen bewegenden Momenten! Nur zwei Begebenheiten möchte ich noch erwähnen: Da ist die mutige Predigt. Dieser junge Kerl wünschte (unter Anderem) wirklich den Politikern gute Deutsche - und den Deutschen bessere Politiker. Fand ich sehr mutig! Und wahr. Dann sagte er, nachdem er ein Gleichnis der Israeliten vorgetragen hatte: „Wo nichts mehr geht, fängt alles an. Ich wünsche Ihnen die Kraft, im neuen Jahr die Dinge zu ändern, die geändert werden können, und geändert werden sollten!“ (Ich fühlte mich angesprochen.) Dieser Mann war Anfang bis Mitte 30, und er sprach klug und anschaulich wie ein alter, lebenserfahrener Indianerhäuptling. Aber er sprach nicht nur: der konnte Singen, als käme er aus Jericho! Tief bewegt verließen wir die für mich jetzt noch schönere schönste Kirche der Welt an der Havel. Wie benommen fühlte ich mich. Aufgewühlt. Gerüstet für das neue Jahr. Ermutigt. Marion schlug vor, noch
zum Krongut nach Bornstedt zu fahren. Auf die Idee wäre ich jetzt nicht mehr gekommen, aber ich bin nicht allein auf der Welt und auch meine Frau soll ihre Ideen ebenso einbringen wie ich. Und wie gut wir daran taten, ihrem Wunsch zu folgen. Das Krongut lag warm erleuchtet in einer Stille da, die wirkte fast schon mystisch. Längst war das Tageslicht davon, doch der Himmel barg noch ein Restlich in sich. Die alten Gebäude werden abends von warmen, orangefarbenen Lichtern angestrahlt. So warm sieht das aus, man ist versucht die kalten Handflächen an die scheinbar warmen Mauern zu drücken! Ich packte meine Kamera aus, und es gelangen mir sagenhaft schöne Bilder. Danke Marion für diese tolle Idee. Um 23.00 Uhr findet hier in der bildschönen kleinen Dorfkirche Bornstedt ein Friedensgebet der Taizé Gemeinde statt. Das mußte nicht mehr diskutiert werden; wir werden um 23.00 Uhr hier sein, und werden zeitnah wieder wegfahren, um pünktlich zum Jahreswechsel an den Mauern der Heilandskirche an der Havel in das neue Jahr zu wechseln.
Eines ist ausgemacht: Schöner könnte sich ein Jahr nicht verabschieden, als sich uns dieser 31. Dezember 2011 offenbarte. Wir hatten vollen Sonnenschein, einen tiefblauen Himmel, kaum Wind, keine Niederschläge und bewegende Bilder und Momente. Das freundliche Winterlicht leuchtete bis in die hintersten Ecken unserer Seelen. Ich bin dem, der unsere Geschicke lenkt, sehr dankbar für dieses Jahr 2011! Möge er uns weiterhin auf unseren Wegen begleiten und schützen. Allen, die hier mitlesen, wünsche ich einen schönen Jahreswechsel, ein gesundes und gesegnetes neues Jahr.
Michael Spaniol (heute darf der Name einmal ausgeschrieben werden)