Was ist dieses neue Jahr für ein schlauer Fuchs! Wettertechnisch dort anzuknüpfen, wo sich das alte Jahr verabschiedet hat, das hätte Begehrlichkeiten geweckt. Da hätten alle nach "mehr" und nach "weiter so" gerufen. Nee, nee, diese Last bürdete sich der erste Januar nicht auf. Der begann mit schmuddeligen 9° C und einem fetten Landregen. Doch stopp, nicht so schnell, vielleicht sollte ich dort weitermachen, wo ich gestern aufgehört habe? Ach ja, wir hatten diese wundervollen Momente in der Heilandskirche erlebt, waren im warm beleuchteten Bornstedt und aßen in Kladow zu Abend, gönnten uns noch eine Stunde Entspannung vorm Fernseher, sahen die sich stapelnden Menschen auf der Festmeile am Brandenburger Tor in der Glotze, und freuten uns auf den beschaulichen Jahreswechsel an der Havel. Über das europäische Treffen der ökumenischen Glaubensgemeinschaft von Taizé berichteten die Medien in und um Berlin reichlich. Wir hatten durch Zufall gelesen, dass sich Taizé Gläubige um 23.00 Uhr in der Dorfkirche am Krongut Bornstedt zum Friedensgebet einfinden wollten, und sofort stand unser Plan fest: Da wollen wir auch hin.
Nun stellt Euch diese kleine verträumte Kirche in Bornstedt vor. Es ist eine von Persius entworfene Kirche, also der Heilandskirche sehr ähnlich. Ein wunderbarer Säulengang ist das Entre. Daneben, oder besser gesagt am Ende der Rundbögen des Ganges steht der unverkennbare, alleinstehende, schlanke, viereckige Glockenturm, auch Campanile genannt
. Alles ist aus Ziegelsteinen gemauert. Die kleine Kirche liegt fast schon unscheinbar daneben. Direkt gegenüber ist das Krongut Bornstedt in warmen Farben ausgeleuchtet; hier an der Kirche geht man eher sparsam mit dem Licht um. Die Front der Kirche weist ein großes Buntglasfenster auf. Dahinter scheint Licht, die Scheibenbilder laden ein. Die Organisatoren des Friedensgebetes hatten in den dunklen Wegen zur Kirche Windlichter aufgestellt. So liefen wir entlang der kleinen, in Gläsern geschützen Lichter, über den Kirchhof, rechts die Kirchenmauer aus Backstein,
links die Gräber des alten, historischen Friedhofes. Kurz vor 23.00 Uhr fanden wir uns in der Kirche ein, da waren die Reihen noch überwiegend leer. Schnell begriff ich, was hier passierte. Das europäische Treffen der Taizé Glaubensgemeinschaft hatte fast 30.000 junge Menschen aus ganz Europa nach Berlin gelockt. Ich hatte Plakate gesehen, worauf gebeten wurde, Teilnehmer auf 2 qm unterzubringen. Ich nehme es vorweg: würde ich hier leben und wüsste, was ich jetzt weiß, ich hätte auch Platz für diese jungen Menschen in unserem Haus geschaffen. Wir saßen also in dieser schönen, kleinen Kirche und warteten. Tröpfchenweise trafen die jungen Taizé Christen ein. „Beten statt Party“ war das Motto. Man stelle sich mal vor, da werden junge Christen aus ganz Europa nach Berlin eingeladen, unter dem Motto „Beten statt Party“. Aber nicht irgendwann, nein: über Silvester.
Genau dann, wenn die größte Party Europas auf der Festmeile zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule gefeiert wird, wenn dort eintrittsfrei ganz große Namen auf öffentlichen Bühnen spielen. Woher nimmt man das Vertrauen, dass gerade diese jungen Menschen diesem Spaß entsagen und stattdessen im Friedensgebet ins neue Jahr wechseln werden? Wie waren wir gespannt auf die Taizés, die kommen würden! Nur zum Verständnis: Die Organisatoren des Treffens schickten die jungen Teilnehmer in die weit verstreuten 160 ökumenischen Christengemeinden in und um Berlin. Keine zentrale Steuerung. Man vertraute den Kirchengemeinden, dass sie die jungen Menschen vernünftig unterbringen, bewirten und sich in der Silvesternacht eindrucksvoll um sie kümmern würden. Da gab es keine öffentlichen Gelder. Die Leute in den Gemeinden nahmen das jeweils auf ihre eigene Kappe. Überall in den Kirchen Berlins hätte man in dieser Nacht mit jungen Menschen aus ganz Europa zusammen sein können. Nach und nach füllte sich die Bornstedt Kirche. Ich schätzte die jungen Leute auf 17 bis knapp unter 30 Jahre jung. Bunt und locker waren sie gekleidet. Das war ein Gemurmel, ein Gerücke. Ja, da wurde gelacht, begrüßt, umarmt. Alle europäischen Sprachen fetzten durcheinander. Wer steife Kirchgänger erwartet hatte, wurde enttäuscht. Etwas später als geplant begann das Friedensgebet damit, dass eine Frau aus der Kirchengemeinde Bornstedt die organisatorischen Rahmenbedingungen bekannt gab. Zwei junge Frauen und zwei junge Männer bildeten mit der Kirchenfrau einen Halbkreis. Im Kerzenlicht des Altarraumes sprach sie einen Punkt nach dem anderen in Deutsch an, dann übersetzten die jungen Leute die jeweiligen Worte in ihre Muttersprache. Und so weiter. Wie schön die Stimmen klangen. Besonders der Italiener hatte eine Stimme, als singe er. Nach den Orgas spielte ein junger Kerl auf dem Klavier und die Gemeinde sange in hellen Stimmen. War das ergreifend! Zwischen den Liedern wurden Gebete in den jeweiligen Sprachen gesprochen. Ich glaubte zu begreifen, ohne zu verstehen. Egal wie man zu diesen betenden jungen Christen steht, oder stehen will. Ich hatte eine wunderbare Erkenntnis: Über Landesgrenzen und Nationen hinweg zeigte sich uns eine tief miteinander verzahnte, solidarische Gruppierung junger Leute, die sich einem gemeinsamen Ziel – hier dem Frieden und der Nächstenliebe – verschrieben haben. Die interessiert keine Eurokrise. Die interessiert keine Rente mit 67. Kein Westerwelle, kein Guttenberg und kein Wulff. Aber da war eine Kraft, eine Verbundenheit, von der ich bis gestern nichts ahnte. Diese jungen Frauen und Männer, die mit Isomatten und Schlafsäcken aus den hintersten Ecken Europas mit ihren Rucksäcken hierher gereist waren, ohne zu wissen, wo und wie sie schlafen, ob sie eine warme Dusche oder ein Frühstück vorfinden, von denen ging eine Kraft und freundliche Zuversicht aus, die mich tief beeindruckte. Mein Horizont wurde gestern Abend, kurz vor dem Jahreswechsel, auf eine wunderschöne Art und Weise gezogen und erweitert. Ich drängte Marion zeitig zum Aufbruch, denn unser Ziel für Mitternacht war die Heilandskirche. Später als eigentlich geplant fuhren wir in Bornstedt weg. Beeilte ich mich? Nicht die Bohne, denn ich spürte ganz tief in mir, dass wir pünktlich da sein würden. Noch etwa 20 weitere Silvesterfeierer hatten die gleiche Idee wie wir, und standen an den liebevoll geschwungenen, geschichtsträchtigen Mauern an der Havel. Als wir eintrafen begannen schon bald einige Kinder lautstark von 30 an rückwärts zu zählen. Am Feuerwerk ließ sich hier die Mitternacht nicht ausmachen, denn über Potsdam startete seit Einbruch der Dunkelheit eine Rakete nach der anderen. Das war wirklich bereits ein stundenlanges Feuerwerk in und um die brandenburgische Hauptstadt. Während die Kids zählten, entkorkte ich den Sekt und Marion zog die Gläser aus meinem Rucksack. Punktgenau waren wir mit gefüllten Gläsern bereit fürs neue Jahr. Und jetzt brannte Potsdam! Wie Gefechtslärm hallten die Donner der Knaller übers Wasser zu uns herüber. Wir sahen die langgezogene Skyline der Preußenstadt am Wasser, die sich scheinbar vorgenommen hatte, der großen Schwester Berlin in punkto Feuerwerk den Rang abzulaufen. Eine geschlagene halbe Stunde wurde zeitgleich und allerorts gefeuert, geleuchtet, gefunkelt und geballert. Irgendwann zogen die schwefelhaltigen Nebel über die Havel zu uns herüber, und es roch nach Pulver und Dampf. Auf der anderen Seite, in Richtung Wannsee konnten wir entferntes Leuchten am Himmel sehen; das Feuerwerk an der Partymeile. Potsdam ließ sich nicht beeindrucken, und feuerwerkte noch lange, als über Berlin das Flackern erloschen war. So standen wir an der Havel, begrüßten das neue Jahr, hofften auf Gesundheit, Gutes und Glück, und waren zuversichtlich in unseren Gedanken versunken. Prosit Neujahr! Wir sind voll guter Hoffnung. Bis nach neun Uhr schliefen wir. Draußen war, wie schon angedeutet, vom Sonnenschein des Silvestertages nichts mehr zu sehen. Ein grauer Himmel, satte 9° C, leichter Wind und fetter Landregen erwarteten uns. Wie anders die Welt aussieht, wenn das Licht vom Grau gefressen wird. Nach dem Frühstück fuhren wir nach Potsdam. Ich hatte mir einen langen Spaziergang um den Heiligensee gewünscht. Anfangs sprühregnete es noch, doch auf halbem Wege wurde es trocken. Noch war der Himmel tief und grau. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie viele Neujahrsbegrüßer es uns gleichtaten! Der Neue Garten um den Heiligensee war gut besucht. Oft begrüßten uns wildfremde Menschen, und wünschten uns ein frohes neues Jahr. Das war unheimlich schön! Wieder am Auto durchflutete uns eine unbändige Kuchenlust. Also auf in die Stadt, in der in den nächsten Tagen noch viel gefegt werden muss; da liegen Reste vom Feuerwerk rum, das glaubt keiner. Im Altstadthotel, da nächtigte ich vor einem Jahr, fanden wir eine gut gefüllte Kuchentheke. Nein, über den unverschämten Preis lasse ich mich nicht aus. Die erkannten nur zu gut, dass die meisten Cafés geschlossen waren, und gleichzeitig kuchenhungrige Spaziergänger durch die Gassen schleichen. Die Marktwirtschaft hat den Osten schon lange voll im Griff. Allerdings war die Wildbeerentorte ebenso fein wie teuer. Im schwindenden Licht fuhren wir zurück nach Kladow. Eine schöne Stimmung spüren wir in uns. Am Abend waren wir nochmal bei Iris und Ingo eingeladen, und am kommenden Tag, geht die Reise zurück in den Westen. Kurz vor unserer Abfahrt zweifelten wir, ob die Strapaze, für vier Tage nach Berlin zu fahren, nicht etwas hirnrissig und unverhältnismäßig wäre. Heute wissen wir, dass die Entscheidung wunderbar und lebensbereichernd war. Alles richtig gemacht. Pfeif aufs Geld und auf die Anstrengung. Von nix kommt nix. Noch ein Wort zu den heutigen Bildern: Gestern hatte ich den blauen Altarbereich der St. Peter und Paulskirche in Potsdam erwähnt. Mit meinem Handy hatte ich ein Bild geschossen, das ist besser geworden, als ich dachte. Und die beiden Bornstedt Bilder hatte ich gestern nach unserem Besuch in der Heilandskirche fotografiert. So lässt sich die Stimmung kurz vor Mitternacht wohl besser verstehen, als in meinen unbeholfenen Worten.
MSp