11.02.2012***Wanderfreuden im Eifelschwedenwetter***
Das Blau erfand der liebe Gott, als er vor Urzeiten einen Spaziergang durch die Eifel machte, und einen ähnlichen Himmel vorfand wie heute! Nur so kann es gewesen sein. Tiefer, kräftiger, leuchtender habe ich einen blauen Himmel noch nie gesehen als er sich heute über unsere Wahlheimat spannte. Und das völlig wolkenlos! Der Postbote hatte heute wenig Arbeit mit uns. Gerade mal zwei Wurfsendungen steckte er in den Schlitz des verfrorenen Kastens an der Hauswand neben der Eingangstür. Und trotzdem waren die beiden Sendungen maßgeblich am guten Gefühl dieses Tages beteiligt. Zuerst hörte ich den jubelnden Schrei meiner Frau, die von einem Kerl aus dem Osten eine Postkarte erhielt. Wenn ich ehrlich bin, wusste ich wirklich nicht mehr, was ich darauf geschrieben hatte, denn beim Schreiben der beiden Karten blieben mir nur wenige Minuten. Ich hatte mir einen Kulli geliehen, und eigentlich war der Schalter schon geschlossen. „Eine Minute“ gab der strenge Sachse mir, mit bedrohlich erhobenem Zeigefinger. Nun schreib mal einer in einer Minute zwei Postkarten voll. Das fällt selbst einem Vielschreiber wie mir schwer. Es ist mir eine echte Herzensangelegenheit, dass ich meiner Frau und meiner Freundin Evelyn eine Postkarte schicke, immer wenn ich in Dresden weile. O.K., meine Frau jauchzte vor Freude, dann wird`s nicht so arg schlecht gewesen sein, und die Landliebeprinzessin hat mir einen Gruß bei Facebook hinterlassen, somit ist die Karte zumindest bei ihr angekommen. Die Geste ist wichtiger als der Inhalt. Und was war nun mit der zweiten Postsendung? Das war der Brief vom Forstamt Daun, in dem steckte die Rechnung für unsere diesjährige Holzbestellung. Darauf fand ich nicht nur den Preis unseres Holzes, sondern auch den „Lagerort“. Nun, die Ortsbeschreibung des Forstamtes ist alljährlich der Hammer. „Auf Prümscheid, Abteilung x“. Das bedeutet in etwa so viel, als würde ich mit dem Finger nach oben auf den Berg zeigen und als Zielansprache sagen „Im Wald“. Beim Frühstück heute Morgen, da zeigte das Außenthermometer wieder eisige -14° C an. Dazu der bereits erwähnte leuchtende und tiefblaue Himmel. Unser Holzlager am Kachelofen gähnte vor Leere, ich konnte mich ziehen und wenden wie ich wollte: Es wurde Holz im Hause Spaniol benötigt. Ein leichter Wind wehte von Nordost ins Land und schnitt mir ins zarte Gesicht, als ich mit der Schubkarre durch den verschneiten Garten marschierte. Schnell hatte ich die Karre mit trockenem Holz aufgefüllt und es zog mich rabotti wieder ins Warme. Bis um die Mittagszeit hatte ich oben im Haus zu tun. In der kommenden Woche beginnt die Elektrofirma mit der Verkabelung für unsere Solaranlage, also war ich gezwungen, das störende Regal abbauen, damit die Firma den neuen Wechselrichter einbauen kann. Nach getaner Arbeit spazierte ich mit tief ins Gesicht gezogener Mütze zu Jupp. Der stand grinsend in seiner Kellerküche und wartete auf mich. Ich erzählte ihm von der Holznachricht, worauf er ganz aufgeregt wurde. Er hatte für die Holländer, die das Haus seiner Tochter gekauft haben, auch Holz bestellt. Wie schön das wäre, wenn der Polter der Holländer neben dem
unseren läge, und wir könnten zusammen im Wald arbeiten. Die Idee des gemeinsamen Arbeitens finde ich wirklich toll. Jupp ist ein erfahrener Holzfäller, und wenn wir mit zwei Traktoren arbeiten, geht uns alles schneller von der Hand. Mal sehen, was das Frühjahr so bringt. Paula, Jupps wunderschöne Katze, kam mit hoch erhobenem Schwanz in den Keller marschiert. Keines Blickes würdigte sie mich und stolzierte an mir vorbei. Sie tat nur so, das kleine Luder! Fast schon an mir vorbei, sprang sie an mir hoch, saß auf meinen Beinen, griff mit ihren Vorderpfoten nach meiner Hand und knabberte mit den spitzen Zähnen zärtlich an meinem Handballen. Dabei ließ sie die Krallen eingefahren. Eine pure Liebeserklärung. Als Lohn dafür kraulte ich ihr den Nacken und den Bauch. Wie sie schnurrte! Wieder daheim, wollte ich eigentlich mit meiner Frau auf den Waldparkplatz nach Salm fahren, um von oben durch den Wald zu streifen und unseren Holzpolter zu suchen. Marion aber wollte nicht hoch auf den Berg fahren, sie schlug vor, dass wir den ganzen Weg auf Schusters Rappen bewältigten. „Das Wetter ist so traumhaft schön……“. Ich war dabei. Im Rucksack nahmen wir uns Sprudel mit (man trinkt bei solch kaltem Wetter viel zu wenig), dann verpackten wir uns warm, setzten Sonnenbrillen auf und stapften im trockenen Schnee bergan. Bis zur Kreuzeiche waren Reifen- und Fußspuren zu sehen. Dort bogen wir nach links ab und jetzt waren nur noch Spuren von Tieren im gut zwei Wochen alten Schnee zu sehen. Hier war seit dem Schneefall keine Menschenseele mehr unterwegs gewesen. Hatte uns eben, auf dem Weg zur Kreuzeiche, noch der Wind ins Gesicht geschnitten, so war`s jetzt Windstill. Die Sonne schickte ihr strahlendes Lächeln aus diesem azurblauen Himmel durch die kahlen Äste der Buchen und Eichen. Allerorts laufen hier in der wasserreichen Eifel klare Rinnsale und kleine Bäche bergab. Seit über zwei Wochen hat der Frost uns fest im Griff. Das Wasser der Quellen ist in den verschlungenen Läufen gefroren, immer wieder nachgelaufen und wieder gefroren. So bildeten sich beindruckende Eisgletscher, die sich nach unten hin immer breiter und dicker türmen. Das sieht vielleicht bizarr aus! Schon lange hatte ich im Sinn, irgendwann, wenn ich einmal pensioniert bin, lange Wochen im hohen Norden Schwedens zu verbringen und im stillen, einsamen Winter in mich hineinzuhorchen. Während wir heute fast eine ganze Stunde lang für den Aufstieg nach Prümscheid brauchten, über Wege im trockenen Schnee stapften, Eisberge bestaunten, die Spuren von Rehen, Hirschen, Hasen, Wildschweinen, Vögeln und Füchsen sahen, da wurde mir klar, dass ich hier mein Schweden vor der eigenen Haustür habe. Marion und ich entdeckten das Wunder dieses Wintertages gleichermaßen und begannen erst darüber zu reden, als wir fast schon oben waren. Es sind wirklich die kleinen Wunder, die allerorts herumliegen, die einfach nur entdeckt sein wollen. Warum in die Ferne schweifen? Es war ein echter Segen, dass wir das Wunder der bezaubernden Eifel heute beide erkannten, sich unsere Seelen erfreuten wie Bolle zu Pfingsten, und wir uns das erst nach einer guten Stunde gegenseitig erzählten. Keiner brauchte dem Anderen auf die Sprünge zu helfen. Da strahlten unsere kaltgefrorenen Gesichter über die sich häufende Zweisamkeit unserer Gedanken und Gefühle! Wir fanden unseren Holzpolter erst auf dem
Rückweg. Er liegt an einer Stelle, wo ich mühelos das Holz bearbeiten kann. Danke, lieber Förster Lange für die günstige Lage! Auf dem Rückweg spazierten wir an dem kleinen Waldsee vorbei; dick zugefroren liegt er da, unter einer dünnen Schneeschicht. Gegen den Protest meiner Frau ging ich aufs Eis. Nein, mir wurde es nicht zu doll, und als Esel fühle ich mich schon gar nicht. Zuerst wippte ich vorsichtig, testete, ob das Eis hält, spürte, dass die Eisschicht so dick ist, da könnten 100 Leute drauf stehen, dann nahm ich Anlauf und schlitterte über das gefrorene Wasser. Wunderbar. Mein Kinderherz erwachte wieder und lachte vor unbändiger Freude. Ab der Kreuzeiche wehte uns von unten der eisige Wind entgegen. Keiner wollte mehr reden, die Gesichtszüge drohten einzufrieren. Wieder daheim, sahen wir uns an. Über zwei Stunden waren wir durch dieses Wintermärchen gewandert. Jetzt gab es heißen Tee und ruhige Leseminuten auf der breiten Couch vorm lodernden Kaminfeuer. Kann ein Wintertag schöner sein? Ich glaube nicht. Im Bräter schmorte den ganzen Nachmittag über einen Lammkeule. Echtes Winteressen bescherte mein strenges Weib uns heute Abend: Lammbraten, Kartoffelknödel und Rotkraut. Sooooo lecker! Gleich gönne ich mir noch eine Rippe Trauben-Nuss-Schokolade und hinterher schütte ich mir genüsslich ein leckeres Glas Rotwein in den Kopf. Draußen? Stockfinster und -12° C.
MSp
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