Scool
Scool

Es war Ende der 70er Jahre, als mein alter Schulfreund Bernd sich nach Berlin aufmachte, weil er so dem Militärdienst entgehen wollte.
Bernd war ein liebenswürdiger Sonderling. Damals, wir waren ja alle knallharte Helden, da spazierte Bernd oft allein durch den Wald und sang. Ja, er sang. Niemals hätten wir anderen uns zu solch weibischen Anwandlungen hinreißen lassen. Bernd tat es einfach. Und was noch ungeheuerlicher war: Er stand dazu!
Als er sich aufmachte, in die ferne Stadt im Osten, musste er alles zu Geld machen, was er so hatte. Unter anderem auch seine Schallplattensammlung. Muß ich hier erwähnen, dass dieser ungewöhnliche Kerl auch ungewöhnliche Musik sein eigen nannte?
Einer der zu veräußernden Vinylscheiben (an CD`s dachte damals noch niemand) war ein dunkles Cover, darauf ein Gitter im Universum und zwei Hände hielten sich daran fest, oder wollten vielleicht aus dem Dunkel ins Licht? Wer weiß es…..
Supertramp. Scool. Nie zuvor hatte ich von dieser Band oder dem Titel der LP gehört. In der Schule französisch gelernt, konnte ich auch nichts mit dem Titel anfangen.
Ich kaufte Bernd damals die Scheibe für 10 Mark ab. Daheim legte ich die Platte auf und war vom allerersten Moment an fasziniert. Ohne ein Wort englisch zu verstehen, verstand ich um was es da ging. Es war unglaublich. Ich hörte die Platte immer und immer wieder. Bis ich mitsingen konnte. Nun war ich es, der im Wald sang….
Jahre später war ich in Völklingen im Chique. „Die“ In-Disco. An der Tür standen zwei Gorillas, die hammerhart trennten, wer rein durfte. Wir waren mit einer ganzen Clique dort und nur die Hälfte von uns Jungs durfte in Töpfchen; die anderen kamen ins Kröpfchen und trollten sich in irgendeine Bergmannskneipe. Ich gehörte zu jenen, die rein durften.
Drinnen war der Bär los. Nur supergeile Mädels, laute Musik, teure Getränke….
Da gab es noch einen Nebenbereich. Heute würde man Bar oder Bistro dazu sagen.
Dort ging es ruhiger zu. Schweißnasse Mädels kühlten sich hier ab und tankten Ruhe, um danach schnell wieder in der rhythmisch zappelnden Menge unter zu gehen. Es war mein erster Besuch im Chique und somit machte ich mich zuerst mal auf Erkundungsgang. Die paar Kumpels, die mit mir rein durften, hatten zielstrebig die Tanzfläche angesteuert und versuchten Eindruck auf die Mädels zu machen. Ich hingegen kam bei meinem Rundgang in den Barbereich. Und dort hing ein überdimensionaler Fernseher. Life wurde das Abschiedskonzert von Supertramp übertragen.
Ich schnappte mir ein Bier, zog mir einen Stuhl vor den Bildschirm und mit blutendem Herz sah ich diesem wunderbaren Konzert zu. Es erinnerte mich an einen der letzten Auftritte der Beatles auf einem Hochhaus in London. Da ging eine Ära zu ende.
Rechts und links neben mir saßen einige, denen es nicht anders ging als mir. Das chique Treiben in der supermodernen Disco nebenan interessierte uns nicht im Geringsten. Wir genossen Supertramp; und wir litten. Ein kleiner Geheimbund saß da beieinander. Meine Kumpels machten sich über mich lustig. Ich sei wohl der einzige Spinner aus ganz Merzig, der nach Völklingen ins Chique fährt, um Fernsehen zu gucken. Und die, die nicht rein durften, waren nachher erst richtig sauer. „Was für ein bekloppter Hund bist Du denn?“, fragten sie mich.
Ich glaube, meine Kumpels von damals haben jenen abend längst vergessen. Ich hingegen kann mich noch an alles gut erinnern. Und mit einem Mädel, die damals vorm Fernseher mit mir litt, habe ich noch heute einen guten Kontakt.
Später habe ich mir die CD`s zu den inzwischen eingelagerten LP`s gekauft. Und noch heute kann ich diese Musik genießen wie damals.
Und Bernd? Er ist als junger Kerl um die Welt gereist, hat sich dann in München nieder gelassen, ein Restaurant eröffnet und ist damit reich geworden. Ob er heute an der Isar entlang spaziert und singt? Es würde mich nicht wundern.
| < Zurück | Weiter > |
|---|



